Es war das letzte Mal, dass Juri Schewtschuk auf einer russischen Bühne stehen sollte. Im Mai 2022, wenige Wochen nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine, unterbrach er in Ufa – der Stadt, in der er einst DDT gegründet hatte – sein Konzert und sagte ins Publikum, die Heimat sei „nicht der Hintern des Präsidenten, den man ewig belecken und küssen muss“. In der Ukraine stürben Alte, Frauen und Kinder „für die napoleonischen Pläne eines weiteren unserer Cäsaren“. Hinter ihm leuchteten zwei Worte über die Leinwand: „Nicht schießen“, der Titel eines seiner berühmtesten Lieder. Wenig später verurteilte ihn ein Gericht wegen „Diskreditierung der Streitkräfte“; seither gilt für den bekanntesten Rockmusiker Russlands auch ohne ein offizielles Dekret im eigenen Land ein De-facto-Auftrittsverbot.
Verstummt ist er deshalb nicht. In diesem Sommer hat Schewtschuk zwei neue Videoclips veröffentlicht, die zu den bittersten Arbeiten seiner langen Karriere zählen. Der eine, vollständig mit künstlicher Intelligenz animiert, spielt in einem abgeschotteten Ferienresort, in dem konservierte Menschenköpfe in Wassergläsern vor sich hin dämmern – einer davon trägt Schewtschuks Gesicht. Man befreit ihn, er darf hinausblicken auf die wirkliche Welt, auf Krieg und Armut – und wird prompt in die heile Anlage zurückgeholt, zur pausenlosen Berieselung.
Erst ein Stromausfall reißt für einen Moment ein Fenster auf: Die Eingeschlossenen erblicken die Bilder von draußen. Einige brechen mit dem Sänger auf, längst nicht alle; dann flackert der Bildschirm zurück, und die Berieselung läuft weiter wie zuvor. Das Video zu „Cher“ – etwa „Mist“ oder „Krempel“ – ist ein ziemlich präzises Gleichnis für das Land, das Schewtschuk besingt: sediert, abgeschottet, für die Dauer eines Stromausfalls wach.
Wer Schewtschuk kennt, versteht dieses Bild sofort. Der 1957 geborene Kopf der Band DDT ist in Russland weit mehr als ein alternder Rockstar: Er ist eine moralische Instanz und ein „ewiger Oppositioneller“, der sich seit Sowjetzeiten mit der Macht anlegt. Legendär ist sein Treffen mit Wladimir Putin 2010, als Schewtschuk ihn vor laufenden Kameras auf Demokratie und Versammlungsfreiheit ansprach – und Putin fragte: „Wie heißen Sie, Entschuldigung?“ Der Eklat von Ufa 2022 kam also nicht aus dem Nichts: Schewtschuk ist ein lebenslanger Pazifist, der seit Jahrzehnten gegen jeden Krieg ansingt.
Dass gerade er zur Stimme der russischen Trauer über den Krieg geworden ist, hat mit dieser Biografie zu tun – und mit einer paradoxen Gegenwart. Denn Schewtschuk ist kein Emigrant. Anders als die Hunderttausenden, die seit Februar 2022 das Land verlassen haben, lebt er weiterhin in Russland: eine Wohnung in Sankt Petersburg, ein Haus an einem See bei Wyborg, nahe der finnischen Grenze. Seine neuen Songs nimmt er in einem Petersburger Studio auf.
Er steht, Stand Frühjahr 2026, nicht im Register der „ausländischen Agenten“ – trotz der Antikriegsauftritte, der Strafen, trotz wiederholter Forderungen prokremlischer Aktivisten, ihn endlich auf diese Liste zu setzen. Nach einem Berliner Konzert verlangte das die Bewegung „Veteranen Russlands“, nach einem Auftritt im lettischen Riga der „Föderalen Antikorruptionsprojekts“-Chef Witali Borodin. Bisher ohne Erfolg.
Was Schewtschuk nicht mehr kann, ist auftreten – in Russland. Zu Kriegsbeginn hörte er auf, im eigenen Land zu spielen; die Konzertsäle hätten ihm die Zusammenarbeit aufgekündigt, man habe ihn „der Arbeit beraubt“, sagt er. Also tourt er im Ausland: Nordamerika, London, Riga, Chisinau. Diese Konzerte sind Sammelpunkte der russischen Diaspora geworden. Er selbst pendelt zwischen einem Land, das ihn verbannt, aber duldet, und einem ausgewanderten Publikum. Sein Sohn, ein Marineinfanterist, ging nach Kriegsbeginn ebenfalls ins Ausland. Im September 2023 erlitt der Sänger einen Herzinfarkt; von Januar 2024 an stand er wieder auf der Bühne.
Genau diese Zwischenstellung – dageblieben und doch verbannt, patriotisch und doch anklagend – macht die beiden neuen Videos so aufschlussreich. „Kostjor“, das „Lagerfeuer“, erschien im April 2026; der Clip wurde 2025 während der Nordamerika-Tournee in Los Angeles gedreht, in den Kulissen einer Welt nach der Katastrophe. Der Text ist die verschlüsseltere, elegischere der beiden Nummern, eine Anrede an ein „Du“, das zugleich Geliebte und verlorene Heimat sein kann. Da ist eine Macht, die zwischen Gewalt und falscher Zärtlichkeit schwankt – „mal an die Wand stellen, mal in Tränen ausbrechen“. Da ist das Bedrohliche, das „auf den Fersen schleicht“: „das, was uns auf null setzen wollte“.
Das russische Verb „obnulit“ könnte kaum vielsagender sein. Wörtlich heißt es „annullieren“, „auf null setzen“ – und es ist zuerst das Wort, mit dem 2020 die Zahl von Putins Amtszeiten „auf null gesetzt“ und seine faktische Herrschaft auf Lebenszeit ermöglicht wurde. Doch dieselbe Vokabel gehört längst zum Jargon der Gewalt: In der Armeesprache heißt „obnulit'“, den Gegner zu vernichten, auszulöschen; im Milieu der Macht meint es, die eigenen Leute verschwinden zu lassen. Wenn Schewtschuk singt, etwas habe „uns auf null setzen“ wollen, klingt beides mit – die Annullierung des Rechts und die physische Auslöschung von Menschen.
Dagegen setzt der Refrain ein winziges Trotzbild: ein Lagerfeuer in finsterer Nacht, darüber der Sternenhimmel. Und ein Vermächtnis des Widerstands – „ihre Gesetze und Regeln zerreißend“, den Staub „von verbotenen Worten blasend“. Geblieben sind am Ende nur der Himmel, ein paar Noten und das Federgras der Steppe.
In diesem einen Wort steckt Schewtschuks poetische Methode wie in einer Nussschale. „Obnulit“ ist amtlich unverfänglich, ein bürokratischer Begriff, an dem sich kein Tatbestand festmachen lässt. Für das russische Ohr aber klingt es nach Mord – nach der Nullstellung der Verfassung ebenso wie nach dem Liquidieren von Menschen. Der Sänger sagt nichts Justiziables und trifft doch ins Mark: Er überlässt es dem Hörer, die zweite, blutige Bedeutung mitzudenken. So schreibt einer, dem jedes zu offene Wort zum Verhängnis werden kann.
„Cher“ vom Juli 2026 ist ungleich direkter. Wo „Kostjor“ trauert, tobt dieser Song. In einem grotesken Bilderrausch zieht die Kriegsgegenwart vorbei: „Menschen wie böse Hunde – wie weit ist es gekommen“; eine „atomare Bräune“, die auf der Haut klebt; „alles, wovon wir träumten, haben die Kalaschnikows gefressen“. Das Wachstum des Imperiums, heißt es, koste große Mühe – „für die einen sind wir das Abendessen, für die anderen das Unheil“.
Schewtschuk selbst wehrt sich gegen die naheliegende Lesart, der KI-Clip sei eine Spielerei: Es sei „ein Film über Freiheit und Liebe“, das Lied „über uns und diese Zeit, wie alle anderen“. Das abgeschottete Resort, die Dauerberieselung, der Stromausfall, der die Wahrheit für Sekunden hereinlässt – das ist keine Science-Fiction, sondern eine verschlüsselte Allegorie auf ein Land, das man unter propagandistischer Sedierung hält, und auf die wenigen, die im Moment des Blackouts erwachen und gehen.
Beide Clips stehen in einer Linie, die Schewtschuk seit Kriegsbeginn konsequent verfolgt: Fabel, Groteske, Verfremdung. Der Grund ist so schlicht wie bitter. Die Allegorie ist der Preis der Sichtbarkeit. Weil Schewtschuk kein „ausländischer Agent“ ist und die Videos ihre Botschaft in Bildern verstecken, statt sie auszusprechen, werden die Songs nicht gesperrt. Und das führt zur vielleicht überraschenden Antwort auf die naheliegende Frage, wer das in Russland überhaupt hören kann: fast jeder.
Beide Titel erschienen regulär über das russische Label Navigator Records; sie laufen auf dem offiziellen YouTube-Kanal von DDT, bei VK, Apple Music und dem Streamingdienst Zwuk, sind also legal hörbar und käuflich. Russische Musikportale wie NASHE Radio, Fontanka oder Zwuki.ru berichten neutral bis wohlwollend über jede neue „DDT‑Premiere“. Man kann in Russland Schewtschuks Untergangslieder streamen – nur ihn selbst nicht mehr live erleben.
Bemerkenswert ist das auch im Vergleich: Viele seiner Weggefährten hat es härter getroffen. Boris Grebenschtschikow etwa, die Ikone des Leningrader Rock und Kopf von Aquarium, steht längst im Register der „ausländischen Agenten“; er hat Russland verlassen. Schewtschuk, der blieb, wurde bisher verschont – ein Zwischenstatus, der ihn auf den Plattformen hält und zugleich unter Dauerbeobachtung stellt.
Auch die Rezeption folgt diesem Muster. Russische Musikportale behandeln die Veröffentlichungen als reguläre Kulturmeldungen, würdigen die groteske Machart – und sparen die politische Aufladung aus. Ein Lied vom „Auf-null-Setzen“ wird so zur postapokalyptischen Fantasie. Diese Entpolitisierung ist der Preis dafür, dass die Songs überhaupt laufen dürfen. Für die einen bleibt er damit ein Verräter, für die anderen ist er längst eine Stimme. Prokremlische Aktivisten verlangen Sanktionen und rechnen ihm seine Auslandsauftritte als Verrat an; das Exilpublikum wiederum feiert ihn. Dass Schewtschuk 2022 als erst dritter Russe nach Bulat Okudschawa und Wladimir Wyssozki den italienischen Premio Tenco erhielt, passt ins Bild. Die Jury würdigte eine Stimme, die Kriege, Revolutionen und Diktatur anprangert.
Wie tief diese Trauer reicht, zeigt der Film „DDT. XX. Jahrhundert“ von Sergej Kusnezow, der in diesem Sommer in Berlin und Prag gezeigt wurde. In zwanzig Episoden erzählt er anhand von DDT-Liedern die russische Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts – von Malewitschs „Schwarzem Quadrat“ bis zu DDTs „Schwarzem Hund Petersburg“. Schewtschuk selbst fasst zusammen, worum es im Film wie in seinen neuen Songs geht: „Das ist kein Film über Schewtschuk, nicht über DDT – es ist ein Film über Russland. Über unsere heißgeliebte Heimat. Aber, was soll man verhehlen, wir fühlen uns in ihr gerade tragisch.“
Schewtschuks Größe lag stets darin, seine Heimat nicht den Machthabern zu überlassen – Patriotismus und Anklage konnten bei ihm dasselbe sein. Seine neuen Lieder fragen, wie man ein Land besingt, das man liebt und untergehen sieht. Dafür findet er zwei gegensätzliche Bilder: das Lagerfeuer in der Finsternis, letzte Wärme und Erinnerung – und den kurzen Stromausfall im abgeschotteten Resort, der die Wahrheit für einen Atemzug hereinlässt, ehe die Berieselung weiterläuft. Zwischen dem kleinen Feuer und dem flüchtigen Riss im Bild liegt das Russland, von dem Schewtschuk erzählt. Die Dagebliebenen dürfen ihm zuhören – solange er nicht ausspricht, was sie verstehen sollen.
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