Ein Enthüllungsroman über Natalie Portman! Seit Ende August Rachel Cusks neuer Roman „Life of M“ in Amerika erschien, ist in der englischsprachigen Presse von Enthüllung, Vertrauensbruch und Verrat zu lesen, den die intellektuelle Schriftstellerin der oscarprämierten Schauspielerin angetan haben soll; der „Guardian“ meinte, ein neues Genre zu erkennen, „biogossip“, Biografieklatsch. In jedem Fall tobt, wieder einmal, eine Kontroverse um die Frage, welche Freiheit die Literatur hat.

Rachel Cusk und Natalie Portman kennen sich in der realen Welt. Beide leben in Paris, es gibt eine gemeinsame Freundin. Portman schätzt Cusks autofiktionales Schreiben und hat deren Bücher glühend in ihrem Buchclub besprochen: Sie sei „auf ewig begeistert“ von Cusk.

Portman ist eine schillernde Figur: Aufgewachsen in einer jüdisch-israelisch-amerikanischen Familie, wurde sie mit ihrer ersten Rolle in „Leon, der Profi“ zum Kinderstar und mit „Star Wars“ zur Blockbuster-Schauspielerin, die nebenbei in Harvard studierte. 2011 gewann sie für ihre Darstellung einer psychotischen Balletttänzerin in „Black Swan“ einen Oscar. Bei den Dreharbeiten lernte sie den französischen Choreografen Benjamin Milliepied kennen, zog nach Paris, heiratete und hatte zwei Kinder mit ihm, bis er sie für eine jüngere Ökoaktivistin verließ. Zuletzt vermeldete die französische Boulevardpresse, Portman habe mit ihrem neuen Partner ein Kind bekommen.

Ein Enthüllungsbuch, na und?

„Life of M“, das nun auf Deutsch erscheint, soll ein Enthüllungsbuch sein? Na und, denkt man, und: Was soll an der Literarisierung des Lebens eines Stars interessant sein, über den man schon so viel weiß, selbst wenn man sich gar nicht besonders für ihn interessiert? Ist heutzutage ohnehin nicht so wenig verhüllt, dass es kaum noch etwas zu enthüllen gibt?

Aber Cusk wäre nicht Cusk, wenn sie nicht, wieder einmal, ein programmatisches, vielleicht sogar experimentelles literarisches Projekt verfolgen würde: In ihrem letzten Buch „Parade“ ging es um unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten, die realen angelehnt schienen, vor allem aber darum, die Form des Romans herauszufordern; ein Spiel, das in den vergangenen Jahren Cusks Lebensprojekt geworden ist, nachdem sie mit schonungslosen autofiktionalen Schriften über weibliche Selbstbestimmung, Beziehungen und Mutterschaft international bekannt wurde.

Der personifizierte Ruhm? Natalie Portman 2025 in Paris

Ihre literaturästhetischen Überlegungen sind bemerkenswert, weil sie sich geradezu obsessiv wie eine Bildhauerin mit der Form, die ihr Werk annehmen soll, beschäftigt. „In der bildenden Kunst hat man sich permanent erneuert, aber die meisten Schriftsteller schreiben im Grunde nach wie vor viktorianische Romane mit entsprechender Weltsicht“, hat Cusk einmal gesagt. Sie hingegen sei auf der Suche nach „neuen Formen für die Beschreibung neuer Zustände“ – worauf eine etwas beißende englische Kritik schloss, ihr letztes Werk sei wie ein spröder Ideenroman, aus dem man den Roman herausgenommen hat.

„Das Leben der M“ ist nun alles andere als spröde, was allerdings vor allem an der aufgeregten Vorberichterstattung liegt: Von der literarischen Ermordung Portmans war die Rede, einer perversen Form von Fan-Fiction, vom Verrat an einer Freundschaft unter intellektuellen Frauen. Cusk sah sich genötigt, in Interviews immer wieder zu betonen, sie empfinde die Aufregung um das Buch als unangemessen und stressig; die Frage, ob M, die viele Eigenschaften mit der realen Portman teilt, auf Begegnungen mit ihr zurückgeht, interessiere sie nicht. Man solle den Roman, den sie geschrieben habe, doch bitte nicht vor das Gericht der Faktizität zerren; sie habe sich mit einer Person literarisch auseinandergesetzt und mit dem Phänomen Ruhm als Teil unserer Gegenwart, das sei schließlich ihr Job.

Vielleicht trifft auf Cusks Haltung der schöne englische Ausdruck „you can’t have your cake and eat it, too“ zu: Wer ein Buch schreibt, dessen Hauptfigur einem Hollywoodstar bis in die schöngelockten Haarspitzen gleicht, darf sich über Aufregung nicht wundern – oder muss sie als Teil der Rezeptionsästhetik hinnehmen. Nur ergibt diese Dynamik einen gegenteiligen Effekt: So sprachlich präzise wie Cusk ihre M porträtiert, wünschte man sich, man wüsste weniger von Portman, weil die reale Figur ständig die literarische M zu überlagern scheint.

Dabei ist M interessant gezeichnet, weil sie durch ihre Berühmtheit von den Regeln des normalen Lebens ausgenommen ist, gleichzeitig aber zu ihnen zurückfinden will, dabei nur immer wieder scheitert. Im Roman beklagt sich M bei der Ich-Erzählerin, sie habe sie nicht gut getroffen. Später schließt die Ich-Erzählerin, alles über M Geschriebene sei von ihr erfunden worden. Für einen Roman, der mit den Tücken der Wahrnehmung von Wirklichkeit spielen will, ist der Effekt aber etwas zu matt.

Rachel Cusk: „Das Leben der M“. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp, 175 Seiten, 25 Euro.

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