Andreas Kossert hat sich einen Namen als Historiker der deutschen Vertriebenen gemacht. Seine Bestseller „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ (2008), „Ostpreußen. Geschichte einer historischen Landschaft“ (2014) und „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ (2020) sind Standardwerke zum Thema. Jetzt erscheint „Elsas Welt. Auf den Spuren meiner Großmutter. Eine Familiengeschichte aus Lodz“ (Siedler, 26 Euro).
Kosserts Vorfahren trafen um 1800 als deutsche Kolonisten in der Lodzer Gegend ein. Wie sie als Minderheit in Polen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen die Fronten von Nationalsozialismus und Kommunismus gerieten, ist Gegenstand dieser beachtlichen Recherche, die über das familiäre Vertriebenenschicksal weit hinausgreift. Andreas Kossert macht Zeitgeschichte im Konkreten anschaulich – und wirft Schlaglichter auf eine Stadt, die auch Literaturgeschichte geschrieben hat.
WELT AM SONNTAG: Ihr Buch beginnt mit der an Demenz erkrankten Großmutter, die im Pflegeheim im Weserbergland plötzlich wieder Polnisch spricht und nach Lodz zurückwill. Elsa Kossert (1915 bis 2001) gehörte zur deutschen Minderheit in Polen. Anfang 1947 kam sie als Vertriebene nach Deutschland. Wofür steht ihr Schicksal?
Andreas Kossert: Sie liebte ihre Familie über alles, war die beste Großmutter der Welt. Aber ein Teil von Elsa blieb immer in Lodz. Rückblickend erkenne ich, dass sie sich in Deutschland mit ihrem Mann, meinem Großvater Paul, zwar ein neues Leben aufgebaut hat. Aber eigentlich war sie immer in Lodz. Es war in ihrem konkreten Fall deshalb weniger Heimweh, das sie umtrieb, weil sie – so komisch das klingen mag – Lodz mental niemals wirklich verlassen hat. Ihre Demenzerkrankung hat das noch einmal in so authentischer Weise zum Ausdruck gebracht. Lodz blieb ihr Koordinatensystem, ihr Zuhause. Elsa blieb eine Großstadt-Lady im Exil.
WAMS: Der Titel des Buches lautet „Elsas Welt“, im Buch ist vorwiegend von Else die Rede. Wie verhalten sich die beiden Vornamen zueinander?
Kossert: Als junger Mensch hatte mich immer gewundert, dass ältere Verwandte wie ihre Schwestern sie Elsa nannten. In den wenigen überlieferten Briefen nach 1945 nannten sie sie ebenfalls Elsa. Eigentlich keine Überraschung, denn als Elsa – Elza – wurde sie geboren. So lautet die polnische Version ihres Vornamens, der Name auf ihrer Geburtsurkunde und sämtlicher Einträge vor dem Krieg. Irgendwann wurde sie zu Else, wie auch wir sie nannten. Bei meiner Recherche habe ich begonnen, nach jener Elsa zu suchen, die auf dem Weg nach Deutschland verloren ging. Deshalb ist mein Buch eine Spurensuche im alten Lodz – in Elsas Welt.
Elsa Kossert auf einem Passfoto von 1940WAMS: Im Buch berichten Sie als Enkel: „Bereits als Kind kannte ich die Straßen von Lodz, ohne jemals dort gewesen zu sein.“ Wie dürfen wir uns das vorstellen?
Kossert: Else war eine begnadete Erzählerin, und mit jeder Geschichte entführte sie mich nach Lodz. Alles war irgendwie exotisch, östlich, geheimnisvoll.
Dabei hatte ich überhaupt kein Bild vor Augen, nicht mal einen Stadtplan. Alles funktionierte durch die erzählerische Kraft ihrer Geschichten. In diesen gab es kein verklärendes Pathos, sondern Else schilderte frei heraus. Von Armut und Reichtum, vom Räuberhauptmann von Bałuty, vom Industriellen Poznański, der so reich gewesen sei, dass er seine Wände mit Goldrubeln tapezieren wollte. Von Juden, Polen und Deutschen.
WAMS: Bereits vor 1800 sind Ihre Vorfahren in Kirchenbüchern als deutsche Kolonisten in Zentralpolen nachgewiesen. Wofür steht diese Familiengeschichte?
Kossert: Die Geschichte meiner Familie steht stellvertretend für die große Erzählung der Migration. Millionen Menschen setzten ihre Hoffnung auf den Osten Europas, ein leiser, über Jahrhunderte währender Vorgang. Unter ihnen waren meine Vorfahren, eine deutsche Familie in Polen. Am Beispiel von Elses Heimatstadt lässt sich die Zerstörung dieser einzigartigen Lebenswelt durch die deutschen Besatzer ablesen, die zugleich das Ende der Deutschen in Zentralpolen bedeutete. Als Folge kehrte meine Familie erstmals nach vielen Jahrhunderten nach Deutschland zurück, das für sie ein fremdes Land war.
WAMS: Sie schreiben, Lodz sei im 19. Jahrhundert ein regelrechter „Mythos“ gewesen. Was machte diesen Mythos aus?
Kossert: Lodz war ein bisschen Wildwest. Aus dem Marktflecken wurde binnen weniger Jahrzehnte eine boomende Textilmetropole – das Manchester des Ostens. Über Lodz sprach im ausgehenden 19. Jahrhundert ganz Europa. Manchester-Kapitalismus pur. Deutsche, Polen und Juden folgten dem Lockruf. Lodz war eine Stadt voller Widersprüche. Einerseits stank es dort zum Himmel. Die Stadtplaner hinkten dem rasanten Wachstum hinterher. Andererseits wohnten die Fabrikanten, wie Reymont in seinem Roman „Gelobtes Land“ schreibt, in ihren Palästen wie „Raubtiere in einer beutereichen Wüste“. Diese Widersprüche samt dem Mythos Lodz faszinierten die Literatur. Im Roman „Die Brüder Aschkenasi“ setzte auch Israel Joschua Singer der Stadt ein literarisches Denkmal.
Die bis heute berühmteste Straße von Lodz: PiotrkowskaWAMS: Viele Deutsche kennen Lodz wohl nur durch den Schlager „Theo, wir fahren nach Lodz“ von Vicky Leandros.
Kossert: Die wenigsten, die seit 1974 von „Theo“ sangen, hatten auch nur den Hauch einer Ahnung, was es mit jener Stadt in Polen auf sich hatte. Dabei führt der Liedtext direkt in die Gründungsgeschichte. Lodz verhieß Aufbruch und Abenteuer, denn Stadtluft machte nicht nur frei, sondern versprach vor allem die Überwindung sozialer und religiöser Schranken. Wahrscheinlich stammt das Lied aus einer längst vergessenen jiddischen Operette und karikiert den Traum der Menschen, die aus dem Schtetl aufbrachen, um in Lodz ihr Glück zu versuchen. Eine der Überlieferungen dieses Liedes lautete „Itzek, komm mit nach Lodz“ und gelangte während des Ersten Weltkrieges mit heimkehrenden Soldaten nach Österreich und Deutschland.
WAMS: Ein wichtiger Begriff im Buch ist der „Lodzermensch“. Was ist damit gemeint?
Kossert: Seit jeher hatte Lodz mit Vorurteilen zu kämpfen. Vielen Polen galt die Stadt als unpolnisch. Um 1900 entstand die Bezeichnung Lodzermensch – ein Wort aus dem Jiddischen und Deutschen, das als Lehnwort im Polnischen einen raffgierigen Kapitalisten charakterisiert, und zwar mit einem antisemitischen Unterton, denn es zielte vor allem auf die Lodzer Juden. Demnach war der Lodzermensch ein prinzipienloser Kapitalist, der sich wendehalsig stets neuen Situationen anpasste. Natürlich war diese Zuschreibung Unsinn.
Lodz war ein Mikrokosmos, der in Polen bis 1939 einzigartig war. Lodzermenschen waren vielmehr Kosmopoliten und Lokalpatrioten zugleich. Heute erlebt der Lodzermensch eine Renaissance. Selbstbewusst wirbt das Stadtmarketing mit diesem Wort als Ausdruck für Toleranz und Weltoffenheit. Elses Heimatstadt feiert ihre Vergangenheit als Schmelztiegel der Kulturen. Das alles hat Else nicht mehr erlebt, aber ich bin mir sicher, sie wäre wahnsinnig stolz auf ihre Stadt.
WAMS: Die ethnische Vielfalt und starke jüdische Identität der Stadt Lodz wurde von Nationalisten im 20. Jahrhundert argwöhnisch beäugt. Wie äußerte sich das? Hat Ihre Großmutter davon erzählt?
Kossert: Else erzählte mir von Graffiti, die nachts an Häuserwände geschmiert wurden. Eine dieser Parolen, die sowohl antideutsch als auch antisemitisch war, hatte sich ihr besonders eingeprägt: „Szwaby do Berlina – Żydzi do Palestyny“, also „Deutsche nach Berlin – Juden nach Palästina“. Nationalisten träumten von einem ethnisch reinen und katholischen Polen, ohne lästige Minderheiten. Als Polen 1918 wieder neu entstand, lebten in seinen neuen Grenzen über ein Drittel Minderheiten.
Nationalismus lag in der Luft. Auch in Deutschland entdeckte man das Deutschtum und das Volkstum im Osten Europas. Das blieb nicht ohne Folgen. Nach dem Tod des Staatsgründers Piłsudski 1935 verschärften sich die inneren Spannungen. Dabei trat auch der polnische Antisemitismus immer offener in Erscheinung. Angehörige der Minderheiten hatten zunehmend Angst, auch viele deutsche Lodzer, die seit 1933 pauschal mit dem Nationalsozialismus in Deutschland gleichgesetzt wurden, obwohl sie fast ausnahmslos loyale Staatsbürger waren.
Elsa und Paul Kossert in Lodz, 1936WAMS: Das Gift des Nationalsozialismus infizierte auch die deutsche Minderheit. Aber offenbar nicht Ihre Großeltern?
Kossert: Meine Großeltern waren durch und durch unpolitische Menschen. Das lag auch an ihrem Hintergrund. Meine Familie hatte keinerlei Verwandtschaft in Deutschland und kannte nichts anderes als ihre polnische Heimat. Mein Großvater Paul verbrachte Anfang des 20. Jahrhunderts seine gesamte Schulzeit in demselben Klassenzimmer, wurde dabei jedoch in drei unterschiedlichen Sprachen unterrichtet. Später musste er in einem Krieg in zwei Armeen kämpfen, 1939 erst als polnischer Soldat, dann ab 1941 in der Wehrmacht. Sein Vater musste im Ersten Weltkrieg noch für den russischen Zaren gegen Deutschland kämpfen. Diese Erfahrung war keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel. Meine Großeltern waren deshalb vieles auf einmal: polnische Staatsbürger und evangelische Christen deutscher Abstammung. Unpolitisch ja, aber das heißt nicht, dass sie in irgendeiner Weise widerständig gewesen wären. Sie passten sich an.
WAMS: Im Zweiten Weltkrieg wurde Lodz ein zentraler Schauplatz der nationalsozialistischen Verbrechen. Nur 800 von einer Viertelmillion Lodzer Juden überlebten. Inwiefern bezeichnen Sie Ihre Großmutter als „Zeugin des Holocaust“?
Kossert: Die Nationalsozialisten haben seit 1939 Elses Heimatstadt zur Zentrale von Terror, Vertreibung und Völkermord gemacht. In Lodz gab es kein Wegsehen. Vor ihrer Haustür errichteten die deutschen Besatzer einen Sklavenstaat, in dem eine Viertelmillion Menschen auf engstem Raum eingepfercht wurden. Das war keine ferne Erzählung. Beinahe täglich sah Else aus der Straßenbahn das Getto. Über mehr als vier Jahre lang konnten alle sehen oder zumindest ahnen, was dort passiert.
Wenn Elsa Straßenbahn fuhr, passierte sie diese Holzbrücke, die zwei Getto-Bezirke miteinander verband„Wohngebiet der Juden … Betreten verboten“: Eingang zum Getto Lodz, 1941Vor 40 Jahren erzählte mir Else erstmals von der Vernichtung der Lodzer Juden. Auf offenen Lastwagen habe man die Menschen aus der Stadt gefahren. Dann schlang Else ihre Arme um sich. Genauso hatte sie die Menschen auf den Lastwagen gesehen, bibbernd vor Angst und Kälte. Sie erinnerte sich an leises Weinen. Und obwohl sie nie ein wissenschaftliches Buch gelesen hatte, konnte sie sagen, wohin die Menschen gebracht worden waren: in die Nähe von Dąbie am Ner. Genau dort liegt Chełmno, das die deutschen Besatzer Kulmhof nannten. Dort wurden 200.000 Juden ermordet, davon 85.000 aus dem Getto in Lodz.
In Lodz gab es auch kein Wegsehen, wenn es um den Terror gegenüber der polnischen Bevölkerung ging. Das brutale Apartheid-Regime raubte ihnen fundamentale Rechte, Zwangsarbeit und Deportation gehörten zum Alltag. Ihren polnischen Nachbarn musste Else die Todesnachricht ihres Sohnes Maniek aus dem KZ Dachau überbringen. Else stellte unangenehme Fragen an ihre Generation in Deutschland. Sie hat gesehen, gehört und gespürt – und davon berichtet. Sie war weder Widerstandskämpferin noch Heldin, aber noch Jahrzehnte später konnte ich ihre Fassungslosigkeit spüren angesichts des unendlichen Leids, das Deutschland in ihrer Heimatstadt verursacht hat.
WAMS: Nach Kriegsende ist Ihre Großmutter zunächst in Lodz geblieben. Warum floh sie nicht sofort wie die meisten Deutschen – und welche Folgen hatte das?
Kossert: Immer wieder habe ich sie das gefragt. Ihre Heimat war Lodz und Polen, nach Deutschland hatte sie keinerlei Beziehungen. Sie sagte immer: „Wo sollen wir denn hin?“ Zudem dachte sie, dass sie und ihre kleinen Kinder sich nichts hatten zuschulden kommen lassen. Im Fall von Lodz dachten offensichtlich viele wie Else – und blieben. Vor allem Frauen, Kinder und Alte, die die Rache der eben befreiten Opfer der deutschen Besatzung am eigenen Leib spürten. Noch in der Nacht vor der Befreiung von Lodz hatten die Deutschen in Elses Nachbarschaft das Gefängnis Radogoszcz in Brand gesteckt und dort alle polnischen Häftlinge ermordet – etwa 1500. Ein entsetzliches Verbrechen. Die verbliebenen deutschen Lodzer waren danach vogelfrei. Vielfach wurden sie Opfer von Mord, sexueller Gewalt und Raub. Am Ende standen Zwangsarbeit in polnischen und sowjetischen Lagern sowie die entschädigungslose Enteignung, auch für meine Großmutter.
WAMS: Sie haben mit Ihren Büchern dazu beigetragen, das jahrzehntelang unterbelichtete Schicksal der deutschen Vertriebenen zu thematisieren. Welche Botschaft steckt im aktuellen Buch?
Kossert: Biografien wie die von Else und Paul zeigen im Kleinen, dass es über Jahrhunderte für Millionen Menschen im östlichen Europa gelebte Wirklichkeit war, in puncto Herkunft und Zugehörigkeit uneindeutig und irgendwie „dazwischen“ zu leben. Darum konnten sie zwischen mehreren Kulturen und Sprachen hybride Identitäten ausbilden. Mitunter mussten sie sich in kürzester Zeit völlig neuen Gegebenheiten anpassen, weshalb auch die Identitäten fließend blieben. Genau das jedoch empörte Nationalisten, Scharfmacher und Völkermörder.
Sie brauchten das Eindeutige, die Schubladen, in die sie die Menschen sortieren konnten. Den Polen waren sie nicht polnisch, den Deutschen nicht deutsch genug. Viele saßen wortwörtlich zwischen den Stühlen. Auch in meiner Familie. Damit ist dieses Buch zugleich ein Plädoyer für die leisen Zwischentöne in der Geschichte, für Lebenswelten jenseits nationaler Eindeutigkeiten und fester Zuschreibungen.
Enkel und Historiker: Andreas KossertWAMS: Ab wann war Ihnen klar, dass Sie über Ihre Großmutter eines Tages ein Buch schreiben würden? Wie sehr profitierte der Enkel vom Historiker – und umgekehrt?
Kossert: Das ist eine gute Frage. Tatsächlich hatte ich nie daran gedacht und trotzdem – unbewusst – immer weiter gesammelt. Doch habe ich irgendwann aufgehört, weil ich dachte, ich fände ohnehin nichts. Erst der Tod meines Vaters hat den endgültigen Anstoß gegeben, den Faden noch einmal aufzugreifen. Jetzt wollte ich es noch einmal wissen, und meine Spurensuche barg unendlich viele Überraschungen, die ich nie für möglich gehalten hätte. Nicht nur als Elses Enkel, sondern auch als Historiker. Am Ende ist dieses Buch das Ergebnis einer jahrzehntelangen Reise.
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