Es gibt Schriftsteller, die Romane schreiben, und es gibt Schriftsteller, die in ihren Romanen eine Theorie darüber mitliefern, warum Romane geschrieben werden müssen. Maxim Biller gehört seit bald vierzig Jahren zur zweiten und für seine Kritiker bedeutet das: zur anstrengenderen Sorte Schriftsteller. Vielleicht war es also nur folgerichtig, dass er irgendwann auch erklärte, er könne keine Romane mehr schreiben und wolle kein Schriftsteller mehr sein.

Ebenso folgerichtig war es in der Empörung-Aufschäum-und-Abkoch-Dynamik, die zuverlässig beinahe jede seiner publizistischen Äußerungen erzeugt, dass ihm diese große Erklärung von seinen Kritikern bitterernst abgenommen wurde, wie der spitzfindige Bürger, der das Eichamt zum Bäcker kommen ließ, weil ein halbes Brot nicht genauestens abgewogen war, wie neulich in einer deutschen Kleinstadt geschehen. Keine halben Sachen machen: Wer sagt, er würde keine Romane mehr schreiben, und schreibt dann doch welche: verdächtig!

Maxim Billers Essay „Alles war umsonst. Warum ich kein Schriftsteller mehr sein will“ erschien im Frühling 2022, wenige Wochen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Wer als Schriftsteller „in einem solchen Moment der Weltgeschichte so stur und mechanisch weiterarbeiten kann wie davor – außer er sitzt selbst beim Licht seines iPhones in einem Keller in Kiew oder Lemberg – und sich lieber weiter im Ennui seines Gegenwarts-Ichs verliert, der ist gar kein richtiger Schriftsteller, und der wird es auch nie sein“, schrieb Biller: „Denn er hat nicht das Wichtigste, was Leute wie wir brauchen: Mitgefühl – und die Fähigkeit, sich zu Tode zu erschrecken und etwas anderes zu sehen als immer nur sich selbst und sein westliches Preise-und-Stipendien-Paradies.“

Kurz vor dem Krieg, schrieb Biller, habe er noch ein Buch beendet, das nun sein letztes sein solle. Er sehe keinen Sinn darin, „aus Wirklichkeit Fiktion zu machen, die hinterher in die Wirklichkeit zurückkehrt und die Menschen für ein paar Momente klüger und ab und zu sogar besser macht“. Der Satz klang nach einer jener brillanten Totalerklärungen, mit denen Biller gern gleichzeitig eine Debatte eröffnet und beendet. Dieses Mal aber war etwas anders. Biller bezeichnete nicht die deutsche Gegenwartsliteratur als Schlappschwanz-Literatur oder gleich auf langweilige Weise als tot, sondern erklärte seine eigene Vorstellung von Literatur für gescheitert. 

Als Kritiker musste man sich über Billers Verlautbarung wundern, oder, altmodisch ausgedrückt, sich sorgen, um den Schriftsteller, pathetischer: um die Literatur als solche. Denn hinter der notorischen, manchmal nervigen Angriffslust des Schriftstellers verbarg sich immer ein beinahe rührend großer Glaube an das Schreiben als eine Kraft, die Welt zum genaueren Hinsehen zu bringen. Biller, der so oft den heißkalten Illusionslosen gab, hatte sich diese Illusion bis dahin immer bewahrt. Das Buch, das dann eben doch nach dem Essay erschien, war der Roman „Mama Odessa“, eine Geschichte über das Schreiben als Familienangelegenheit und unbedingte Notwendigkeit in einer jüdischen Familie wie der von Biller.

„Schwarze Samstage“, das neue Buch von Maxim Biller, das viele provozieren wird, ist wieder ein Roman, genauer: der „Roman eines Jahres“, wie der Untertitel verrät. Das Jahr, von dem erzählt wird, ist und ist zugleich nicht nur ein einzelnes Jahr, sondern umspannt die mehrere tausend Jahre alte Geschichte des Judentums, entlang der Frage: Was ist der Urgrund von Antisemitismus, lässt er sich benennen?

Billers bislang bester Roman

Der Ich-Erzähler Ari berichtet von seinem Leben, dem Aufwachsen in Hamburg nach der Flucht aus der Tschechoslowakei, Reisen nach Israel, deutschen israelkritischen Freundinnen, Lehrern, denen man ihre Nazivergangenheit noch in jedem Blick anmerkt, den Eltern, denen die Flucht in den Knochen sitzt; Biller erzählt entlang seiner eigenen Lebensgeschichte, und so kann man, oberflächlich, den Roman als typisch Biller lesen: die Variation einer autobiografischen Erzählung mit Spitzen gegen den deutschen Zeitgeist. Doch dieser Roman dürfte der beste sein, den Maxim Biller bisher geschrieben hat, ein unerwartetes Hauptwerk.

„Schwarze Samstage“ beginnt mit dem schwärzesten Samstag der jüngeren Geschichte: dem 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen israelische Familien überfielen, mordeten, vergewaltigten, zerteilten, verbrannten, verschleppten. „Wer, so wie ich, nicht an Gott glaubt, wundert sich, was für überraschende Ideen er manchmal hat“, lautet der erste Satz, in dem man, nachdem man bis zum Letzten gelesen hat, eine andere, ungewohnt kräftige und zugleich melancholische Stimme zu hören glaubt.

Auf diesen Moment, auf die eigentlich unschuldige Frage „Warum?“, kommt der Roman immer wieder zurück; nicht in Form einer Theodizee-Frage, sondern wie ein dunkler Fixpunkt aller Momente des Ich-Erzählers, in denen er Antisemitismus sieht und alle seltsam unklaren Schattierungen, die er annehmen kann, unabhängig von der politischen Richtung, aus der er kommt. Biller gelingt ein literarischer Kraftakt: die Nichtvereinfachung der komplexen Gegenwart nach einem Tag, an dem sich „die Welt auf den Rücken legte und nicht mehr aufstand“. 

Das deutsche Verhältnis zu Juden heute

Das liegt an seiner literarischen Sprache, die manchmal eher dokumentarisch-essayistisch wirkt, dann wieder von brillant hypergenauen Beschreibungen durchsetzt ist, wie in der Beschreibung einer Frau, deren altes Gesicht „leuchtete so hell wie eine Glühbirne, die gleich ganz ausgeht“, oder dem Winterhimmel von Berlin, der aussieht wie „auf einem Bild von Caspar David Friedrich, nachdem man alle Bäume und Hügel mit Terpentin weggewischt hatte“. Auch die typisch billeresken Spitzen sind zu finden – gegen Carolin Emcke etwa oder Jan Assmann –, aber sie wirken hier weniger wie rhetorische Herabwürdigungen, sondern sind Teil des Versuchs, insbesondere das deutsche Verhältnis zu Juden heute zu erörtern, wobei sich der Ich-Erzähler immer wieder selbst befragt, ob er seinen Blick scharf genug oder zu scharf gestellt hat. An so etwas Altmodisches wie Vernunft als gesellschaftliches Korrektiv kann der Ich-Erzähler nicht mehr glauben. Und, noch altmodischer, an Literatur?

Es ist zu einfach, „Schwarze Samstage“ nur zu lesen als Panorama und Stimmungsbild der unmittelbaren Gegenwart nach dem 7. Oktober – auch wenn man ihn allein schon dafür lesen sollte. Die traurige Wahrheit über die Literatur kennt der Ich-Erzähler, der Schriftsteller: Vielleicht besteht sie heute einfach darin, sich nicht damit abzufinden, dass über die Wirklichkeit von denen erzählt wird, die am lautesten über sie verfügen. Das wäre auch eine ziemlich Biller’sche Vorstellung von Literatur. Und möglicherweise die Erklärung dafür, warum Maxim Biller hoffentlich immer wieder seinen letzten Roman schreibt.

Maxim Biller: Schwarze Samstage. Roman eines Jahres. Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 24 Euro

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