Seit dem Ende der 1990er-Jahre ist Berlin Hauptstadt des deutschen Kunstmarkts. Jedenfalls, wenn es um den Primärmarkt für zeitgenössische Kunst geht. Das ist insofern erstaunlich, als es in Berlin weder eine bedeutende Kunstmesse gibt noch eine alteingesessene bürgerliche Sammlerschaft wie etwa im Rheinland, die mit „altem Geld“ für das nötige Grundvolumen an Kaufkraft sorgen könnte. Fast dreißig Jahre später zehrt Berlin noch immer vom Aufbruchs- und Erfolgsversprechen jener Enthusiasten der Kunstvermittlung, die in der wiedervereinigten Hauptstadt die Freiheiten fanden, welche Künstler zum Leben und Arbeiten brauchen.

Statt eines zentralen Marktplatzes für die mitunter flüchtigen Güter der bildenden Kunstproduktion haben sich zwei informellere Formate etabliert: das Gallery Weekend Berlin und die Berlin Art Week. Kunstwochen nach diesem Muster gehören inzwischen weltweit zum Kalender vieler Metropolen. Die Berliner Ausgabe feiert in diesem Jahr fünf Tage lang ihr 15-jähriges Bestehen. Und inzwischen erfüllt sie die Erwartungen, die man an ein Kunstfestival in einer Kunsthauptstadt stellen darf: Sie bringt den kommerziellen Betrieb der Galerien mit den privaten Sammlungen und Stiftungen sowie den öffentlichen Museen und Ausstellungshäusern zusammen.

Es gab Jahre, da lebten Galerien und Museen in Berlin ungerührt nebeneinanderher. Die Berlin Art Week wurde als ein unbeholfenes Marketingvehikel der Stadt verlacht, statt sie als genau das zu verstehen: als Vermittlungsangebot, aus der notorisch zersplitterten Kunstlandschaft für einige Tage einen gemeinsamen Schauplatz zu machen. Mittlerweile scheint sich die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass ein Kunstfestival nicht allein von individuellen „Inhalten“ lebt, sondern von dem Gefühl, dass alle Beteiligten wenigstens vorübergehend an derselben Sache arbeiten.

Vorgemacht wird der Gedanke seit einigen Jahren in den Reinickendorfer Wilhelmhallen, wo sich mit Hallen ein Festival im Festival etabliert hat (bis 13. September 2026). Die ehemaligen Industriegebäude im Norden Berlins boten jenen Freiraum, der in der lückengeschlossenen, gentrifizierten Innenstadt weitgehend verschwunden ist. In seiner siebten Ausgabe verbindet das Format eine kuratierte Großausstellung mit Präsentationen von Museen und Sammlungen sowie einer Verkaufsschau für Galerien. Mehr als 50 Künstler sind auf über 9000 Quadratmetern vertreten. Das ist nun auch für Teilnehmer außerhalb der Stadtgrenzen interessant geworden.

So ist erstmals die Schirn Kunsthalle aus Frankfurt am Main zu Gast. Sie präsentiert mit der Ausstellung „Future of Yesterday“ von Bárbara Wagner und Benjamin de Burca eine Revision der radikal-nüchternen Straight-Edge-Szene, die sich Anfang der 1980er-Jahre bildete. Heute dient sie Künstlern als Beispiel, wie sie sich ihr Streben nach Unabhängigkeit bewahren können. Das Kunstmuseum Wolfsburg ist ebenfalls dabei und zeigt Arbeiten von Julian Charrière, einem der international sichtbarsten in Berlin lebenden Künstler.

Die Galerie ChertLüdde nimmt am Festival Hallen teil, hier ein Werk von Stephanie Comilang

15 Galerien bespielen die kleine Hallen-Messe. Neben Schwergewichten wie Esther Schipper und Mehdi Chouakri, die auch permanent in den Wilhelmhallen ansässig sind, nehmen jüngere Berliner Galerien wie Robert Grunenberg, ChertLüdde oder Office Impart teil. Konkurrenz kommt erfreulicherweise auch aus anderen Teilen der Republik: aus Hamburg etwa die Galerie Mathias Güntner, aus Stuttgart Exo und aus Köln Schenkweitzdörfer. Sie können Berlin daran erinnern, nicht allzu selbstzufrieden im eigenen Saft zu schmoren. Womit wir bei Daniel Spoerri wären, dem 2024 verstorbenen Begründer der Eat-Art. Eines seiner legendären Dinner-Happenings führt die Galerie Levy wieder auf.

Ganz ohne Kunstmesse? Das wäre selbst in Berlin zu viel der Eigenwilligkeit. Die Leerstelle füllt die Positions Berlin Art Fair inzwischen als einzige konventionelle Messe. Ihre 13. Ausgabe bringt 96 Galerien aus 20 Ländern in zwei Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof (10. bis 13. September 2026); ein Schwerpunkt liegt auf Galerien der Türkei. Die Messe selbst gehört nicht zur globalen Reiseroute der Kunsttrophäenjäger. Gerade deshalb stellt sie ziemlich unverstellt jenen Marktbereich vor, der nicht im medialen Fokus steht, aber gleichwohl eine treue Kundschaft hat.

Auch das Gallery Weekend, das jährlich am letzten April-Wochenende verlässlich internationale Kunstkäufer und wohl auch „neues Geld“ nach Berlin lockt, ist auf der Art Week präsent. An der Gallery Night (10. September 2026) nehmen rund 50 Galerien teil, und sie trumpfen mit prominenten Namen auf. Bastian etwa zeigt Robert Rauschenberg und Dittrich + Schlechtriem den Dramaturgen Ersan Mondtag (der auch Live-Performer in die Gemäldegalerie schickt, Premiere am 11. September).

Thomas Schulte stellt Kerstin Brätsch und Katharina Sieverding aus. Sprüth Magers erinnert an Walter Dahn und Salvo. Neu bei der Galerie Neu ist Jeremy Shaw, der sich in Filmen und Skulpturen mit den Ausnahmephänomenen menschlicher Erfahrung beschäftigt. Vielleicht, so die Hoffnung vieler Galerien, geht auch im Berliner Herbst noch etwas, ehe die Messesaison die Sammler in Scharen nach London und Paris zieht.

Wichtig für Berlin sind die Privatsammlungen, die zu den guten Kunden der Galerien gehören und von denen nicht wenige selbst nach Öffentlichkeit streben. Am bekanntesten dürfte die Boros Collection sein, die etwa alle zwei Jahre ihren Bestand in einem alten Hochbunker unweit des Friedrichstadtpalasts neu ordnet. Auch die Haubrok Foundation in der ehemaligen Fahrbereitschaft der DDR-Regierung und das Fluentum, im ehemaligen Dahlemer Hauptquartier der US-Armee gelegen, haben sich mit ambitionierten Ausstellungen von Minimal-Art sowie Videokunst einen Namen gemacht.

Jünger ist die Sammlung Hackelsberger mit Räumen in Mitte und Prenzlauer Berg. Gezeigt wird eine Gruppenausstellung unter anderem mit Louisa Clement, Viktoria Binschtok und Sinta Werner. In der Miettinen Collection stellt Hannah Hallermann aus, eine der derzeit populärsten Künstlerinnen in Berlin. In diesem Jahr heißt es aber auch, Abschied zu nehmen. Die Julia Stoschek Foundation ist zum letzten Mal bei der Berlin Art Week dabei. Nach zehn Jahren schließt die Düsseldorfer Sammlerin „zeitbasierter Kunst“ im Herbst ihre Dependance in Berlin.

Bei Fluentum zu sehen: Arash Nassiri, „A Bugs Life“, 2025

Solche Abgänge erinnern daran, dass Berlin sich seiner kreativen Strahlkraft nicht zu sicher sein sollte. Was die Stadt in den 1990er-Jahren zum Anziehungspunkt einer internationalen Kunstszene machte, ist kein Besitzstand. Das gilt auch für die Staatlichen Museen. Sie könnten einem Festival, das vor allem Gegenwartskunst zeigt und ein jüngeres Publikum erreichen will, den kunsthistorischen Rückhalt geben. Der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart stellt die erste Retrospektive des experimentellen Komponisten und Klangkünstlers Ryuichi Sakamoto in Europa auf die Beine (Eröffnung am 10. September).

Die Gemäldegalerie und die Alte Nationalgalerie aber verpassen den Termin und eröffnen ihre kommenden Ausstellungen zu Porträts von Botticelli bis Lempicka sowie dem „langen 19. Jahrhundert“ erst nach der Berlin Art Week. Die Neue Nationalgalerie hat dagegen erkannt, welche Anziehungskraft von ihrem noch frisch sanierten Haus ausgeht, und macht es mit einem fünftägigen Performance-Programm erneut zum zentralen Treffpunkt der Kunstwoche. Passend populistisch kann man auch die Ausstellung „Night“ von Maurizio Cattelan nennen, die sie pünktlich am kommenden Mittwoch eröffnet.

Cattelan ist bekannt für karikaturartige Skulpturen wie den von einem Stein niedergestreckten Papst, einen wie betend niederknieenden Hitler und eine an die Wand geklebte Banane. Letztere wird wahlweise missverstanden und performativ aufgegessen oder als Konzeptkunstwerk für Millionenbeträge versteigert. Vielleicht ist es also nur konsequent, den Komödianten des kommerziellen Kunstbetriebs noch mit einer musealen Ausstellung aufzuwerten.

Oder aber die eigentliche Pointe besteht darin, dass sich der Berliner Kunstbetrieb von niemandem lieber verspotten lässt als von einem Künstler, dessen Spott den eigenen Marktwert erhöht.

Die Berlin Art Week findet vom 9. bis 13. September 2026 statt.

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