Der französische Präsident Archambault sitzt vor einem Großbildschirm, auf dem der russische Amtsinhaber zu sehen ist. Präsident Chernov sieht mitgenommen aus. Er hat einen Verband um den Hals und ein Pflaster an der Stirn. Vor Kurzem hat jemand ein Attentat auf ihn verübt. Chernov ist wütend und macht den ukrainischen Präsidenten Kovalenko dafür verantwortlich. Er stellt der Ukraine ein Ultimatum: Sie müsse noch am selben Tag kapitulieren, andernfalls werde er sie mit Atombomben angreifen.

Das Kino hat die Angewohnheit, Ereignisse der Weltgeschichte zu behandeln, nachdem sie geschehen sind. Alexandre Smias Film „Jupiter“, benannt nach dem atomsicheren Bunker unter dem Elysée-Palast in Paris, nimmt eine weltgeschichtliche Entwicklung vorweg, wie sie jeden Tag, jede Stunde eintreten könnte. Jederzeit könnte auf Putin ein Attentat verübt werden, es könnte von der Ukraine gesteuert worden sein oder vom russischen Geheimdienst, und niemand wüsste sicher den Urheber.

In „Jupiter“ ducken die Angloamerikaner sich weg. Der US-Präsident (hier eine Frau) erklärt das Problem für ein europäisches, der britische Premierminister belässt es bei Solidaritätsworten, und der deutsche Kanzler (ein Kurzauftritt, entsprechend seiner Bedeutung) verbirgt sich unter dem Schutzschirm der Nato. Die Entscheidung liegt bei Paul Archambault. Soll er die russische nukleare Drohung mit einer französischen nuklearen Drohung beantworten? Zur Sicherheit begeben sich er und sein Kabinett in den Jupiter.

Bei den 83. Filmfestspielen in Venedig drängt der Kalte Krieg mit Russland mit Macht an die Oberfläche – eine Sache der zur Verfügung stehenden Filme, aber auch der Auswahl. Das wurde schon bei der parallel stattfindenden Kunstbiennale deutlich, wo Russland zum ersten Mal seit dem Überfall auf die Ukraine wieder zugelassen wurde, trotz der Sanktionen der Europäischen Gemeinschaft. Im russischen Pavillon ist ein staatlich kuratiertes Programm zu sehen, organisiert von der Tochter eines russischen Geheimdienstgenerals und der Tochter des russischen Außenministers. Die EU hat dies mit dem Entzug von zwei Millionen Euro für die Biennale beantwortet.

Szene aus „Imperium“

Die Filmauswahl besorgt eine unabhängige Kommission der Festspiele. Und die lud gleich drei Filme von Regisseuren aus postsowjetischen Ländern ein, die Russen Ilja Chrschanowski und Victor Kossakovsky sowie den Ukrainer Sergei Loznitsa. Der umstrittenste Film war Chrschanowskis „Dau“, ein multidisziplinäres Projekt, das der Künstler seit 20 Jahren verfolgt und das nun mit einem dreieinhalbstündigen Spielfilm abgeschlossen sein soll.

Es geht um den Nobelpreisträger und Schöpfer der russischen Atombombe, Lew Landau (daher der Filmtitel) – und der Film ist gewissermaßen ein Pendant zu Christopher Nolans „Oppenheimer“. In beiden Filmen geht es um eine Gemeinschaft von Forschern, die daran arbeiten, die Atomkraft für friedliche Zwecke einzuspannen – aber von den Staaten, die ihre Forschung ermöglichen, dazu gezwungen werden, eine Waffe zu entwickeln: die Atombombe.

Nolans Film zeigt den Druck, dem J. Robert Oppenheimer in Amerika ausgesetzt war, Chrschanowskis Film die Umstände von Lew Landaus Arbeit. Im Vorfeld von „Dau“ hatte das ukrainische Außenministerium eine Stellungnahme veröffentlicht, die den Film als mit dem russischen Staat und seinen Einflussnetzwerken verbundenes Projekt darstellt, das dazu beitragen solle, die Glaubwürdigkeit des Putin-Staates wiederherzustellen.

Das ist für jeden, der „Dau“ gesehen hat, barer Unsinn, allenfalls erklärbar mit der ukrainischen Kriegsstrategie, die gesamte russische Kultur von Dostojewski bis Tschaikowski müsse als Ausdruck des Kolonialismus boykottiert werden. Chrschanowskis Film zeigt vielmehr die Grundkonstante des stalinistischen und putinschen Systems, die totale Überwachung: durch die Quasi-Kasernierung aller Forscher in einem riesigen Wohn- und Arbeitskomplex, die Anwerbung von Spitzeln, die Nutzung der gewonnenen Informationen, den Druck, der auch vor Verhaftung nicht zurückschreckt.

Ilja Chrschanowski war einer der ersten russischen Künstler, die sich bereits 2014 gegen die Annexion der Krim aussprachen. Er rief eine Woche nach der russischen Vollinvasion 2022 zu öffentlichen Protesten gegen den Krieg auf und wurde von Moskau vor zwei Jahren auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt.

Regierungskritische Journalisten müssen ins Exil

Das Gesetz über „ausländische Agenten“ ist ein Einschüchterungsinstrument des Putin-Regimes, mit dem Journalisten, Nichtregierungsorganisationen und Oppositionelle als vom Ausland gesteuerte Akteure stigmatisiert und in ihrer Arbeit massiv eingeschränkt werden; ihre Einnahmen fließen auf ein Sperrkonto. Julia Loktevs sechsstündiger Dokumentarfilm „My Undesirable Friends“ – voriges Jahr auf der Berlinale – zeigte, wie die Mitarbeiter des regierungskritischen Fernsehsenders Doscht einer nach dem anderen auf der „Agenten“-Liste landen. Kurz nach der Attacke auf die Ukraine wird der Sender stillgelegt, und die meisten Journalisten müssen ins Exil.

Es war ein beklemmender Film über die Strangulierung von Meinungsfreiheit, und wer den zweiten Teil der „Undesirables“ ansieht (jetzt in Venedig, wieder sechs Stunden lang), wird sich noch mehr erschrecken lassen. Loktevs iPhone-Kamera reist ihren Protagonisten unermüdlich nach, von der Ankunft in ihrem ersten Exilort Istanbul über Riga (von wo Doscht versucht, weiterzusenden) und Amsterdam bis New York.

Julia Loktev – in Leningrad geboren, als Kind mit ihren Eltern in die USA übergesiedelt – stellt einen engen persönlichen Kontakt mit ihren Protagonistinnen (praktisch alle sind Frauen) her und filmt ihre Überzeugungen, ihren Kampfgeist, ihren schwarzen Humor, ihre Verzweiflung – und ihre zunehmende Angst, wenn sie im Westen vom Putin-Regime weiterverfolgt werden, mit Prozessen in Abwesenheit und körperlichen Attacken und wiederholter Entwurzelung. Und vor allem wächst die schreckliche Erkenntnis, dass sie vielleicht nie mehr in ihre Heimat zurückkehren werden. Es gibt in Venedig einen zweiten Exilfilm, „La Ragazza con la Leica“, über deutsche Hitler-Flüchtlinge in den 1930er-Jahren in Paris, und die Parallelen sind erschreckend.

Der nächste Russland-Film in Venedig ist Sergei Loznitsas „Imperium“. Loznitsa ist Ukrainer mit dem Fokus auf sowjetischer Geschichte, und seine Spezialität besteht darin, Archivmaterial so zu montieren, dass es gar keines Kommentars bedarf. „Imperium“ besteht aus Aufnahmen, die Loznitsa in einem Archiv in Rom fand; italienische Kameraleute reisten Anfang der Siebzigerjahre im Auftrag der Kommunistischen Partei Italiens in die Sowjetunion, in mehr als zwanzig Regionen, von den Küsten der Arktis bis zu den Wüsten Zentralasiens, von den Karpaten bis zum Pazifik, um deren kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Vielfalt zu dokumentieren: das größte Projekt, das jemals von ausländischen Filmemachern in der UdSSR durchgeführt wurde.

Es ist unbekannt, weshalb das Material nie verwendet wurde, aber nach dessen Sichtung begreift man, warum die Sowjetunion zerfallen ist, zerfallen musste: Sie war ein koloniales Imperium, nur zusammengehalten durch die harte Hand einer Diktatur.

Von „Imperium“ führt wiederum eine Verbindung zu dem russischen Pavillon auf Venedigs Kunstbiennale. Zu dessen Eröffnung waren Musiker aus Russland, Argentinien, Brasilien, Mali und Mexiko geladen – eine Absage an den Eurozentrismus, ein scheinbares Einscheren in die postkolonialen Diskurse, die in der westlichen Academia den Ton angeben. Russland, angeblich vom Kolonialismus unberührt, bietet sich dem Globalen Süden als glaubwürdiger Partner an. Loznitsas „Imperium“ entlarvt dies als Geschichtsklitterung, indem er zeigt, wie sich die Sowjetrepubliken mit dem Beharren auf ihren Brauchtümern gegen die sowjetkoloniale Vereinnahmung wehrten.

„Dau“ spielt in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg

Chrschanowski, Loznitsa, Loktev und Kossakovsky – dessen Film „Holy Wood Dust“ eine Reise in das Leben von Bäumen und die Intelligenz von Pflanzen unternimmt, komplett unpolitisch – haben samt und sonders nichts mit dem Regime zu tun, das aktuell in Russland herrscht. „Es gibt inzwischen zwei Russlands“, sagt der Ukrainer Oleksandr Rodnjanskyj in Venedig, der wichtigste russische Filmproduzent, „das Russland mit seinem Regime, welches alles kontrollieren und zensieren möchte – und das Russland außerhalb seiner geografischen Grenzen.“ Es ist wie mit der russischen kulturellen Emigration nach der Machtergreifung durch die Bolschewiken. Wie damals werden russische Filme im Westen Europas konzipiert, finanziert und gedreht. Und solche Filme hat die Biennale dieses Jahr eingeladen und gezeigt.

Kehren wir zum Schluss zu Paul Archambault in den Jupiter-Bunker zurück. Er lässt sein Kabinett die Handlungsalternativen diskutieren. Die meisten Frauen sind gegen Eskalation, die meisten Männer dafür. Mitten in die Debatte platzt die Nachricht, in Russland sei eine Atomrakete gestartet worden, voraussichtliches Ziel das ukrainische Odessa. Nun hat Archambault noch zehn Minuten Zeit, seinem Militär den Befehl zu geben, eine französische Rakete nach Russland zu schicken; er lässt sich eine Liste möglicher Ziele geben.

Und unversehens erinnern wir uns an einen Film, der voriges Jahr in Venedig gezeigt wurde, an Kathryn Bigelows „A House of Dynamite“, in dem eine Interkontinentalrakete unbekannten Ursprungs auf Chicago zurast und der US-Präsident innerhalb einer Viertelstunde über einen Gegenschlag entscheiden muss. Bigelow ließ die Entscheidung offen, und Smia lässt die Leinwand kurz vor Archambaults Entschluss schwarz werden. Es ist allerdings ziemlich klar, dass der französische Präsident nicht klein beigeben wird.

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