Die Historisierung der 1990er-Jahre ist in vollem Gang. Immer mehr Romane und Erzählungen wenden sich dieser Zeit zu, in der (noch) alles möglich schien. Der West- wie der Ostteil des Landes wagten einen Neuanfang. Der Osten musste sich schmerzlich neu erfinden, der Westen blieb zögerlich, auch ein wenig ratlos, weil sich viele Menschen in ihrem Wohlstand selbstbezüglich wohlig eingerichtet hatten.
Bislang trauen sich Schriftsteller mit West-Sozialisation nur selten, in die Erlebniswelt derjenigen einzutauchen, deren Staat damals unterging. Mirko Bonné traut sich. Der Hamburger und Wahlfranzose hat sich eine fein gesponnene Geschichte ausgedacht, die die Drangsale der DDR-Geschädigten mit Empathie und Erbarmen schildert.
Drei Paare sind es, die dabei im Mittelpunkt stehen. Sie werden auf subtile Weise miteinander verzahnt. Zwei der Frauen brechen aus und kommen wieder, zwei Männer verharren in ihrem „Kummermuseum“, wie es in einem anderen Roman des Autors heißt, und warten ab. Das dritte Paar kehrt Deutschland ganz den Rücken und geht nach Frankreich, wo ein gewisser deutscher Typus ja bekanntlich ein zweites Mal geboren wird.
Wer sind diese drei Paare, die Mirko Bonné uns präsentiert? Zunächst lernen wir Lutz Reinmar aus Chemnitz kennen. Als das noch Karl-Marx-Stadt hieß, begann er bei Sächsischglas Scheubnitz und hat es im Jahr 1994, in dem die Geschichte spielt, zum Personalchef gebracht. Er ist mit der Mathematikerin Susanne verheiratet.
Von Karl-Marx-Stadt nach Bonn
Als der Roman einsetzt, bekommt Lutz urplötzlich Post von seinem alten Freund und ehemaligen Kollegen Bernd Vomturm. Der hat, anders als der mürrisch angepasste Lutz, im September 1989 via Prag in die Bundesrepublik rübergemacht und ist nun dabei, seinen Traum vom freien Architekten zu verwirklichen, den Traum eines Architekten für Gebäude aus Glas wohlgemerkt. Mit dem Glas haben es die beiden Männer. Mit Durchsichtigkeit, mit Transparenz – aber auch mit deren glattem Gegenteil.
Bernd ist inzwischen zusammen mit Erika Balthasar, und zwar in Bonn. Und jetzt muss man als Leser erst mal tief Luft holen, während Bernd wahrscheinlich sogar Schnappatmung bekommen hat, als er erfuhr, wo Erika lebt: im Kanzlerbungalow nämlich. Sie ist die Schwester von Hannelore Kohl, die als Romanfigur aber Harriet Breugel heißt, und nicht wie ihr historisches Vorbild an einer Lichtallergie leidet, sondern das Dunkel nicht erträgt. Es kommt also hier die reale Zeitgeschichte ins Spiel, auch wenn Helmut Kohl jetzt Viktor Breugel heißt.
Der erzählerische Trick des Romans besteht darin, dass die bundesrepublikanische Seite als Alternativwelt verfremdet wird. Der Roman heißt nicht von ungefähr „Kanzlerkino“, nicht „Kanzlerbungalow“, obwohl Bernd in dieses Innerste der Bonner Republik Einlass findet, weil er einen neuen Amtssitz für den Kanzler bei Berlin bauen soll – und zwar, man ahnt es schon, aus Glas. Wozu es dann nicht kommt.
Das dritte Paar sind die Breugels, Viktor und Harriet. Letztere betrügt den Gatten mit dem „Kanzlerdouble“, einem Personenschützer, der aussieht wie sein Dienstherr, nur 30 Jahre jünger. Bernd hatte etwas mit Susanne, und Lutz glaubt lange, die Liaison existiere noch. Susanne will weg von Lutz, mit dem es ihr zu langweilig und auch nicht ganz geheuer ist. Denn Lutz hat eine dunkle Seite: Er war IM. Er legte eine Akte ausgerechnet über seinen besten Freund Bernd an. Und nun, da der sich nach fünf Jahren Pause wieder meldet, setzt er die Bespitzelung fort, sogar in Bonn. Was genau geschieht, soll nicht verraten werden. Nur so viel sei gesagt: Es ist ein Meer an Täuschungen und Selbsttäuschungen, das sich vor dem Leser auftut.
Am Ende klärt sich alles auf. Doch das Interessante sind die retardierenden Momente der verschlungenen und manchmal überladenen Geschichte, die hier erzählt wird. Denn diese retardierenden Momente resultieren aus Vorsicht, Misstrauen und Unfähigkeit zu kommunizieren. Sie sind das giftige mentale Erbe des Spitzelstaates DDR. Lutz hat es so sehr verinnerlicht, dass er sich seinem Urfreund Bernd nach der als Verrat empfundenen Republikflucht nur auf diese Weise nähern kann. Und auch Bernd nähert sich Lutz nur in Form von kryptischen Briefen. Wiedersehen tun sie sich nicht.
Die Männerfreundschaft stellt die einzige menschliche Verbindung dar, die hier nicht gekittet wird. Doch ein Band besteht, denn Bernd muss eingestehen: „Ich habe genauso sein (Lutz’) Leben in meiner Akte aufgezeichnet gesehen.“ Er verzeiht. Täter und Opfer als Einheit? Vielleicht ist dies das Geheimnis der untergegangenen DDR, von der Lutz an einer Stelle sagt: „Nur die mit drin waren, verstehen es.“ Der Roman „Kanzlerkino“ versucht zu verstehen, indem er respektiert, dass der Osten anders ist. Und dass Transparenz, auf die sich der Westen so viel zugutehält, auch manches verbergen kann. Zumal im Kanzlerkino. Uns bleibt Gottfried Benns Devise: „Im Dunkel leben. Im Dunkel tun, was wir können.“
Mirko Bonné: Kanzlerkino. Schöffling, 266 Seiten, 25 Euro
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