„Ich bin mit einem Charakterfehler geboren“, erklärt Noel Gallagher zu Anfang des Films, „ich kann einfach nicht vergeben.“ Er wisse schon, dass Vergebung eine gute Sache sei, nur gehe ihm das entsprechende Talent einfach ab. Von Liam ist vorerst keine Rede. Er ist der Elefant im Raum beziehungsweise die Rampensau auf der Bühne.

Die Unzuverlässigkeit und Großmäuligkeit des jüngeren Gallagher-Bruders hat einst zum Zerfall der Band geführt, damals, 2009 in Paris, wo ein schockierter Organisator live auf Französisch bekanntgab, Oasis sei Geschichte. Nicht zum ersten Mal, aber jetzt wohl endgültig. Die Fans sollten auf die Homepage der Band gehen; Noel werde dort in Kürze ein Statement veröffentlichen.

So stürzen Riesen. Wer Mitte der 1990er jung war, kam um die unwahrscheinlichen Lads aus Manchester nicht herum. Wieder einmal dominierten englische Bands den Rock’n’Roll. In Amerika waren Metallica und Guns N’ Roses auf dem absteigenden Ast, Nirvana war Geschichte und Pearl Jam härter, depressiver, edgier. Den Mainstream, kompatibel mit Mädchen und Fußballfans, beherrschte der Battle of Britpop zwischen Oasis und Blur.

Raue Arbeiterklasse gegen ambitionierte Mittelschicht. Und die Story von Oasis war einfach die bessere, sie hatten die besseren Songs mit den besseren Melodien: „Maybe you’re the same as me/ We see things they’ll never see/ You and I are gonna live forever.“ Und eben diesen epischen Bruderzwist, der nicht umsonst ganze Handlungsstränge der Bibel trägt: Kain und Abel, Jakob und Esau etc.

Noel – so viel Mühe er sich auch gab, den harten Hund heraushängen zu lassen – war dann doch der vergleichsweise Verfeinerte, der Introvertierte, kleiner Gewachsene. Liam hatte es in vielem leichter. Der Songschreiberjob war schon vergeben, so blieb ihm der des Frontmanns. Schlau erkannte er, worauf es da ankam: „Es ist harte Arbeit, auf alles zu pfeifen“, sagt er im Film, als er endlich ins Rampenlicht tritt.

The underrated art of not giving a fuck – das wäre auch ein schöner Titel gewesen für den Film in Co-Regie von Dylan Southern und Will Lovelace nach dem Konzept von Steven Knight („Peaky Blinders“, zudem der Autor des nächsten James Bond), der diese Woche in den Kinos anläuft, bevor er bald auf Disney+ zu sehen sein wird. Aber „Don’t Look Back in Anger“ ist naheliegender – so heißt einer der größten Oasis-Hits – und deshalb natürlich auch besser. Oasis mögen sich eine fünfzehnjährige Pause gegönnt haben – Umwege waren trotzdem nie ihre Sache.

Am 5. September 2026 schlugen sie gemeinsam auf dem Filmfestival von Venedig auf, wo sie Robert Pattinson in den Schatten stellten, der am selben Tag seinen neuen Film vorstellte. Sie posierten noch verwegen für die Fotografen. Die anberaumte Pressekonferenz schwänzten sie dann, was der Imagepflege wahrscheinlich sogar besser tat, als wenn sie aufgetaucht wären.

Plötzlich beste Freunde: Liam Gallagher (l,) und Noel Gallagher im Film

Der Film ist clever aufgebaut. Wir beobachten die Brüder – gedreht wurde mit versteckten Kameras, um die Intimität nicht zu stören – bei den sechswöchigen Proben vor der mehrmonatigen Welttournee nach der Oasis-Wiedervereinigung im vergangenen Sommer, die die Band nach Korea, Brasilien und in die Vereinigten Staaten führte. Am zweiten Probentag klappt in den Londoner Studios die Tür auf, und Liam kommt hereinspaziert, seine ewige Reisetasche im Arm, die er auch später auf der Bühne mit sich herumtragen wird. Wortlos winkt er den Kollegen zu, darunter der Gitarrist Paul „Bonehead“ Arthurs – kein Wort zum verlorenen Bruder. Es geht ohne Umschweife los, als wäre nur ein Wochenende vergangen und nicht anderthalb Jahrzehnte.

Überall spielen sie vor ausverkauften Stadien, zum Teil an Orten, wo ihre in Landessprache umgetexteten Hymnen mittlerweile zu Fußball-Schlachtgesängen mutiert sind, wie bei San Lorenzo in Buenos Aires. Überhaupt hat der Mythos Oasis im Stillen weitergewirkt oder ist, sofern das überhaupt möglich war, noch gewachsen. Die erste Generation von Fans hat das Liedgut an ihre Kinder weitergegeben wie einst namenlose Sänger der Antike die größten Epen. Jung und Alt liegen sich nun tränenreich in den Armen, wenn die Gallaghers singen: „How many special people change?/ How many lives are living strange?/ Where were you while we were getting high?“

„Oasis fallen mit dir“

Die Perspektive der Band wird bilderrauschhaft gegengeschnitten mit derjenigen der Fans – lauter Mini-Biografien, in denen Oasis die Rolle der Retter in der Not zukommt. „Andere Bands singen Happy-go-lucky-Songs“, sinniert ein weiblicher koreanischer Superfan einmal, „Oasis aber fallen mit dir – und bauen dich dann zusammen mit ihnen selbst wieder auf.“

Ein überraschender Schnitt, und wir lauschen einem Priester bei der Predigt. Er habe seine Eltern besucht, erklärt er der Gemeinde, und aus dem Busfenster die Heerscharen von Fans gesehen, auf dem Weg zu einem der Reunion-Konzerte. „Es war wie eine Pilgerschar“, sagt der Priester ehrfürchtig, „und da habe ich verstanden, dass es hier um mehr geht als nur um Musik. Die Menschen ersehnen Erlösung, und sie finden sie in der Versöhnung der zerstrittenen Brüder.“

Zementierter Ruhm: Oasis-Mural in Manchester

Während sie weg waren, sagt Noel, sei die Welt verrückt geworden. Das heißt, er sagt nicht „verrückt“, auch wenn er es meint. Das trockene Understatement, garniert mit zahllosen Flüchen und rhetorischen Beleidigungen, ist der Sound von Manchester und also auch von Oasis. Abgedriftet sei die Welt, „funny“ geworden: Elon Musk mit seiner Kettensäge, Donald Trump, Ukraine-Krieg, Klimawandel, Dauerkrise – alles kaputt.

Oasis sind auferstanden, um es wieder heil zu machen. Und wenn sie das nicht können, und natürlich können sie es nicht, dann fungieren sie zumindest als Trostspender, als lautstarke Erinnerung, dass alles auch besser sein könnte, so wie es damals war, im Dolce Vita der 1990er‑Jahre. Die Welt ist zerbrochen, und es ist ausgerechnet an Oasis, die Scherben aufzukehren. Die Ironie entgeht ihnen nicht. Schnitt zu einem Fan in den besten Jahren, der gar nicht fassen kann, wessen er hier teilhaftig wird: „Es ist“, murmelt er, „als wäre Jesus wiedergeboren.“

Kein Superlativ ist zu groß für die Brüder und die brachiale Wall of Sound, mit der sie allem Bullshit der Welt eine Klatsche geben. Liam spekuliert, wie bescheuert es für Mick Jagger sein müsse, dass er noch mit 80 Abend für Abend seine Kung-Fu-Moves abliefern muss, weil er dummerweise einst damit angefangen hat. „Wir stehen einfach da und spielen: Genius!“ Noel lacht sich schlapp. Die Chemie stimmt wieder (oder erstmals?) zwischen den beiden. Ihre Kinder haben sich nach 15 entfremdeten Jahren endlich kennengelernt. „Und jetzt sind sie die besten Freunde.“

Einer, Donovan, gerade volljährig geworden, habe letztens nach einem Auftritt von Papa und Onkel auf dem Heimweg im Tourvan alkoholvergiftet in eine Tüte gekotzt und zwischendurch „I’m a rock’n’roll star“ gesungen. Noel, ganz gerührt: „Das hat mich an uns früher erinnert.“ So geht erfolgreiche Elternschaft auf dem Rock-Olymp.

Das Kriegsbeil, so legen es die Bilder nahe, scheint endgültig begraben. Die alte Rivalität – Noel, das musikalische Mastermind, vs. Liam, den charismatischen Sänger, die einander das neideten, was sie selbst nicht hatten – ist Geschichte, total passé. Wenn man selbst ergraut ist und, wie Noel, einen friedfertigen Bauchansatz vor sich herträgt, wenn der eigene Nachwuchs das Über-die-Stränge-Schlagen übernommen hat, sind solche eitlen Nickeligkeiten Kinderkram, dem man entwachsen ist.

Man könnte sagen, Oasis sind endlich auf dem Reifelevel angekommen, den ihre Songs in ihrem Witz, ihrer Ambivalenz und No-Nonsense-haftigkeit immer schon hatten.

Den immer mal wieder geäußerten Vorwurf, dass sie irgendwie „rechts“ seien, kassiert Noel gleich mit. So ein Unsinn, schimpft er tonlos, Oasis hätten immer schon für das große Wir gestanden, das familiäre Zugehörigkeitsgefühl, eben wie in der Kirche oder beim Fußball.

Am Ende ist die Versöhnung vollzogen, stillschweigend natürlich, wie es die Sache geläuterter toxischer Männer ist, die womöglich doch nicht das Schlechteste sind, was der Welt je passiert ist. Es erklingt ihr größter Song „Champagne Supernova“ in voller Länge, und dann, während alle glücklich nach Hause gehen, als eine Art inklusiver Rausschmeißer, Burt Bacharachs „What the World Needs Now Is Love“. Die Message ist angekommen.

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