Es war in gewisser Weise unvermeidlich, dass Alex Gibney einen Film über Elon Musk machen würde. Elon Musk, der Gott der Tech-Community. Alex Gibney, der ungekrönte König des Dokumentarfilms. Der Filme über Henry Kissinger, den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche und Julian Assange gemacht hat, über Scientology und Lance Armstrong. In „Taxi zur Hölle“ berichtet Gibney von dem afghanischen Taxifahrer Dilawar, der auf einem US-Luftwaffenstützpunkt zu Tode gefoltert wurde; der Film erhielt den Oscar als beste Dokumentation.
Elon Musk konnte es also als Ehre betrachten, als neuestes Studienobjekt erkoren worden zu sein, schien darauf jedoch keinen Wert zu legen. In einem kurzen Austausch von Tweets, den man zu Beginn von „Musk“ auf der Leinwand sieht, lehnt er es rundherum ab, interviewt zu werden. Das kann Gibney natürlich nicht abschrecken. Kaum eines von Gibneys Objekten ist scharf darauf, unter seine Lupe gelegt zu werden.
Gibney behilft sich, ironischerweise, mit der vielleicht größten Gabe Musks an die Menschheit, der Künstlichen Intelligenz. Er sammelt sämtliche Zitate von Musk, derer er habhaft werden kann, kreiert einen Musk-Avatar, setzt den in einen Sessel und legt ihm die überlieferten Worte in den Mund. Das ist eine Hilfskonstruktion, verstößt aber nicht gegen journalistische Regeln, da jederzeit klar ist, dass ein Avatar vor uns sitzt.
Der Dokumentarfilmer und sein Gegenstand: Alex Gibney (l.) und Elon MuskAnsonsten besteht kein Mangel an Bildmaterial über den echten Elon Musk – immer vorausgesetzt, dass dieser wirklich existiert. Gleich zu Beginn hören wir ihn seine Theorie entwickeln, wir und die ganze Erde um uns herum seien vielleicht nur eine Simulation. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit“ seien wir das, legt Musk nach, Außerirdische saugten das gesamte Wissen der Menschheit ab und speisten es in ein gigantisches Videospiel.
Das klingt nach Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ und der „Matrix“ von den Geschwistern Wachowski, und vor allem klingt es nach Musks gigantischem Datenstaubsauger namens „Künstliche Intelligenz“. Liebend gerne würde man Musk Fragen dazu stellen, zum Beispiel, wie er sich als Videospielfigur fühle und ob solche Figuren so von allen Regeln befreit handeln könnten, wie er das tue – aber leider ist er für solch eine Unterhaltung nicht greifbar.
In den nahezu vier Stunden, die Gibneys Film dauert, gibt es keine einzige Stelle, in der Musk in eine ernsthafte Debatte verwickelt wird. Gemessen an dem, was man von Musks Persönlichkeit sieht, ist es durchaus möglich, dass solche Aufnahmen gar nicht existieren. Elon Musk erscheint wie ein gigantischer Lautsprecher seiner selbst, der ständig Heilsbotschaften verkündet, wie ein Missionar, der das neue Evangelium predigt, jenes von der Ersetzung des Homo sapiens durch den Homo techno.
Gibney geht nicht strikt biografisch-chronologisch vor, sondern misst Musk an dessen Ankündigungen (oder eher: Prophezeiungen). Dieses Vorgehen ist besonders effektiv bei dem Projekt „selbstfahrendes Auto“. Man sieht Musks grandiose Ankündigung von 2016 – „Nächstes Jahr haben wir ein Fahrzeug, das 100 Prozent auf Autopilot fährt“ – und dann die Wirklichkeit: Wagen ohne Hände am Lenkrad, die von Ingenieuren auf dem Rücksitz gesteuert werden, und vor allem Autos, die tödliche Unfälle auslösen.
Das sind die überzeugendsten Stellen in Gibneys Film, weil man die Unfälle sieht, weil er das elektronische Protokoll der tödlichen Fahrt findet, weil er lückenlos nachweisen kann, wie Musks Firma lügt, um keinen Schadenersatz leisten zu müssen.
Gibney hat auch das Video, in dem Musk großspurig ankündigt, das Reichweitenproblem sei mit seinem Elektro-Tesla endlich gelöst, weil man die Batterie binnen Minuten austauschen könne. „Battery swap“ heißt das bei ihm, und quer über das Land werde es „Swap“-Stationen geben. Gibney forscht nach und findet tatsächlich eine solche Station, eine einzige, und befragt den Betreiber, der sich nicht erinnern kann, jemals eine Batterie ausgetauscht zu haben.
Die Regierungsmillionen für die Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes hat Musk trotzdem kassiert; für Aufträge an SpaceX, das nur nebenbei, hat die amerikanische Regierung 22 Milliarden Dollar an Musk bezahlt.
Gibney versucht, Stück für Stück, den Mythos des Übermenschen zu dekonstruieren. Er erzählt, wie der junge Musk eine Online-Bank programmierte, aber kein profitables Geschäftsmodell zustande bekam, worauf er von Investor Peter Thiel – ja, dem Peter Thiel – aus der Firma gedrängt wurde.
Er erzählt von der Gründung von Tesla, wo Musk in frühen Schriftstücken überhaupt nicht erwähnt wird. Er zeigt die explodierenden Raketen von SpaceX und einen deprimierten Elon Musk; es sind rare Bilder, weil sich Musk in seinen öffentlichen Auftritten ansonsten stets als Mann der kühnen Visionen inszeniert, die angeblich morgen schon Wirklichkeit werden.
Nun gibt es nicht nur Fanboys, die Musk wie eine neue Sonne anbeten. Gibney hat eine Reihe von Menschen aufgetrieben, die von Musk auf seiner Reise zum Sonnengott benutzt und fallengelassen wurden. Zum Beispiel Martin Eberhardt, der eigentliche Tesla-Gründer, der schildert, wie ihn der Investor Musk kaltblütig aus dem Unternehmen gedrängt hat.
Gibney hat auch Musks erste Frau zum Reden gebracht, die davon erzählt, wie ihr frisch Angetrauter ihr beim Hochzeitstanz eröffnete, er sei in dieser Beziehung der Alpha, und auf ihren Einwand, sie sei doch seine Frau, korrigierte: „Du bist meine Angestellte.“
Gibneys Kronzeugin ist die Influencerin Ashley St. Clair, die zeitweise eine Million Jünger auf Twitter hatte, Donald Trump zur Wahl empfahl und Mutter eines Sohns von Elon Musk ist. Sie hat 2026 öffentlich mit ihm gebrochen (wegen des Streits um das Sorgerecht, ließe sich vermuten) und sich wegen ihrer Attacken auf die Transgender-Gemeinschaft entschuldigt. Ihr verdankt Gibneys Film die intimsten Einblicke in Musks Persönlichkeit, den sie als „Mann, der seinen Verstand verloren hat“, charakterisiert.
Wie dem auch sei, Musks strategischer Verstand scheint weiter zu funktionieren, wie Gibney bei seiner Untersuchung von DOGE feststellt. Die Abkürzung steht für das Department of Government Efficiency, eine von Präsident Trump ins Leben gerufene Organisation, die helfen sollte, die Staatsausgaben zu senken.
Denkerpose: Elon MuskIhr Leiter wurde Elon Musk, dessen Leute Tausende von Staatsbeamten vor die Tür setzten; auffällig viele in Ministerien, die Musks wirtschaftliches Gebaren unter die Lupe nahmen. 32 verschiedene Untersuchungen waren in der Biden-Administration im Gange, alle wurden unter Trump eingestellt.
Es gibt zahllose Fragen, die sich im Musk-Zusammenhang stellen und von denen in Walter Isaacsons vor drei Jahren erschienener Biografie nur wenige gestellt und noch weniger beantwortet wurden. Alex Gibney stellt sie wenigstens, auch wenn er häufig nicht wirklich auf den Grund der Dinge vordringt.
Warum hat Musk Google AI vorgeworfen, nur auf Profit aus zu sein, und benimmt sich mit seiner eigenen KI mindestens genauso unethisch? Was ist mit dem angeblich reichsten Mann auf Erden, der wiederholt am finanziellen Abgrund taumelte? Wie verdient er wirklich sein Geld? Was ist sein Verhältnis zu den anderen Tech-Milliardären wie Page und Bezos, Zuckerberg und Thiel?
Wie steht es mit dem angeblichen Drogenkonsum Musks? Immerhin berichtet Gibney von einem Anruf Musks bei dem Medienmogul Murdoch, dessen Wall Street Journal es gewagt hatte, das Drogenthema anzuschneiden. Demselben Murdoch übrigens, dessen Aufstieg Thema des Biennale-Eröffnungsfilms „Ink“ war.
Bei allem, was Gibney erreicht und woran er scheitert, ist vielleicht „Der Mann, der die Welt verändern wollte“ sein vielsagendster Fund, eine alte englische Schwarz-Weiß-Komödie nach einer Kurzgeschichte von H. G. Wells, aus der er Szenen zeigt. Von den Göttern ausgewählt, darf darin ein einfacher Angestellter die Welt nach seinen Vorstellungen umgestalten. Er wird immer größenwahnsinniger, und als er schließlich die Naturgesetze verändert, endet alles in einer Katastrophe.
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