Beginnen wir mit einem Szenario: Stell dir vor, du bist Schriftsteller und bist nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert. Du standest auf keiner Longlist (Vorauswahl mit 20 Buch-Kandidaten) und auf keiner Shortlist (Endauswahl mit den finalen sechs Kandidaten). Die Aufmerksamkeit der Saison geht also an dir vorbei. Da würdest du dich doch auch über eine Mail, die dir Auftritte im Literaturbetrieb beschert, freuen? Auf den Bühnen der Buchmesse, in Talkformaten der öffentlich-rechtlichen Sender, in Literaturhäusern? Obacht, denn in den vergangenen Wochen waren mit genau diesem Versprechen betrügerische E-Mails im Umlauf. Von gefälschten E-Mail-Accounts bekannter Literaturmoderatorinnen wie Christine Westermann (WDR) oder Katrin Schumacher (MDR) kamen vermeintliche Einladungen an Autoren, denen Medienauftritte im Umfeld der Frankfurter Buchmesse versprochen wurden.
Wie sich herausstellte, wurden diese Auftritte nur gegen Geld angeboten. Das berichtete „Börsenblatt“ für den deutschen Buchhandel. Demnach versprach die Betrugsmasche den Autoren, sich für 200 Euro in die redaktionelle Berichterstattung zur Frankfurter Buchmesse von ÖRR-Sendungen hineinzukaufen („Essential Autor Feature“). Für 500 Euro wurde sogar „erweitertes redaktionelles Autorengespräch“ („Signature Autor Feature“) angeboten.
Inzwischen hat der MDR Anzeige erstattet, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Noch ist unklar, wie viele Autoren entsprechend adressiert oder gar Opfer dieser Betrugsmasche wurden. Die kriminelle Energie sei doppelter Natur, hieß es in einer vom „Börsenblatt“ zitierten Stellungnahme der Literaturredakteurin Katrin Schumacher, in deren Namen mehrere Fake-Mails versendet wurden. Einerseits sei durch die Betrüger suggeriert worden, man könne sich in bestimmte Sendungen des ÖRR einkaufen. Andererseits würden die angefragten Autoren betrogen. Aufmerksamkeit als Währung für den eigenen Roman ist ein knappes Gut. Insofern verwundert es nicht, dass solche Deals mit krimineller Energie überhaupt angeboten werden.
Die sechs Kandidaten für den Buchpreis
Dann vielleicht doch lieber auf ordentliches, offizielles Medienecho setzen? Darauf dürfen sich die nunmehr sechs verbliebenen Kandidaten für den Deutschen Buchpreis Hoffnung machen. Fast muss man Kandidatinnen schreiben, denn die Jury hat fünf Werke von Frauen nominiert, die sich Hoffnung auf die Auszeichnung „Roman des Jahres“ machen dürfen: In alphabetischer Reihenfolge sind das:
Shida Bazyar: Die Lücken (Kiepenheuer & Witsch)
Franziska Gänsler: Orca (Kein & Aber)
Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle (S. Fischer)
Elias Hirschl: Schleifen (Zsolnay)
Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens (Galiani)
Dana Vowinckel: Anton und Alma (Suhrkamp)
Vowinckels Roman „Anton und Alma“ dreht sich um eine komplizierte Beziehung in politisch aufgeheizten Zeiten seit dem 7. Oktober 2023, denn Anton ist Jude. Alma nicht. Mit „Selbstregulierung des Herzens“ hat Peggy Mädler als Ost-Autorin die Longlist-Konkurrenz von Ingo Schulze („Das Wasser im August“) und Lukas Rietzschel („Sanditz“) hinter sich gelassen. Die Jury lobt ihren Roman für ein „selten betrachtetes Kapitel der DDR-Geschichte“.
Der 1994 geborene Wiener Autor Elias Hirschl ist der einzige Mann auf der Liste. Sein im Januar erschienener Roman „Schleifen“ erzählt von einer Frau im Umfeld des Wiener Kreises: Franziska Denk leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In Otto Mandl, einem genialen Mathematiker, findet die junge Franziska ihren Seelenverwandten. Die Jury unter Vorsitz von Cornelia Geißler spricht von einem „wunderbar überdrehten Roman“.
Valeria Gordeev hat mit dem 600 Seiten dicken Werk „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ das vielleicht ambitionierteste Werk vorgelegt. Es geht um die Geschichte einer Familie zwischen Berlin, Kiew und Moskau; die Jury lobt den Roman für seine verschiedenen Handlungsstränge und seine literarische Erzählhaltung zwischen Groteske und Witz, Absurdität und Surrealität.
Franziska Gänsler beschreibt in ihrem Roman „Orca“ die Freundschaft zweier Frauen während der Corona-Pandemie – ein klug komponiertes „Radikalisierungsszenario“, so die Jury.
Shida Bazyar bringt verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit zur Sprache. Ihr Roman „Die Lücken“ erzählt von jüdischen Familien, von NS-Profiteuren sowie von kurdischen und iranischen Menschen, die in Deutschland Schutz und Zuflucht suchen. Ein „transnationaler Heimatroman“, findet die Jury.
Der mit 25.000 Euro dotierte Buchpreis wird am 5. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verliehen und beschert dem Gewinnerbuch verlässlich Bestsellerlisten und internationale Aufmerksamkeit. In der Vergangenheit haben Bücher wie Uwe Tellkamps „Turm“ (2008), Julia Francks „Mittagfrau“ (2007), Saša Stanišićs „Herkunft“ (2019) oder Martina Hefters „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ (2024) gewonnen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.