Zum Wahlverhalten ihrer Landsleute im Osten sagte sie vor zwei Jahren im „Tagesthemen“-Kommentar: „Sie jammern nicht, sie wählen.“ Jetzt erscheint ihr Buch dazu. Marieke Reimann erzählt ihre eigene Geschichte und verbindet sie mit einem Aufruf, Ostdeutschland nicht länger zu bevormunden und gleichberechtigt zu behandeln.
Reimann, Jahrgang 1987, wuchs in Rostock auf, in einem Neubauviertel (westdeutsch: Plattenbau). In München absolvierte sie die Journalistenschule. Sie leitete „ze.tt“, ein Magazin der „Zeit“. Beim SWR war sie Chefredakteurin, als erste und jüngste Ostdeutsche im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Zweite Wende“ heißt ihr Buch.
WELT: Wohin soll die „Zweite Wende“, die Sie fordern, die Ostdeutschen diesmal führen?
Marieke Reimann: Zur „Zweiten Wende“ gehört auch der Untertitel des Buches: „Warum Ostdeutschland uns alle angeht“. Ich will, dass es auch im Westen gelesen wird. Dafür vergleiche ich Ost und West strukturell. Am Ende ist es ein Appell an alle gesellschaftlichen Bereiche, Politik, Medien, Wirtschaft und so weiter, dafür zu sorgen, dass sich Ost und West tatsächlich annähern.
WELT: Appellieren kann man viel. Aber wie sollen mehr Ostdeutsche in Führungspositionen kommen? Wie sollen mehr Ostimmobilien in Ostbesitz verwandelt werden? Wie sollen Vermögen plötzlich versöhnlicher verteilt werden? Die Gesetze und Ungerechtigkeiten der Neunzigerjahre lassen sich nicht revidieren.
Reimann: Aber benennen. Und da geht es ja schon los: Es wird oft von dem Gefühl des Ostdeutschseins gesprochen, und allein mit dieser Wortwahl insinuiert, dass es sich nicht um einen Fakt, sondern um eine Wahrnehmungsstörung handelt. Was sich aber nicht wegdiskutieren lässt: 252 Dax-Vorstände, nur eine davon ostdeutsch. 174 Uni-Leitungen, zwölf davon ostdeutsch. Westdeutsche Haushalte haben 36 Jahre nach der Wende doppelt so viel Vermögen wie ostdeutsche. Nur zwei Prozent der Erbschaftssteuer werden im Osten abgerufen, Ostdeutsche erben quasi nichts. In meinem Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern verdient jeder Dritte unter 2700 Euro brutto. Ein paar Kilometer weiter in Hamburg sind es 4500.
WELT: Und wie ändern wir das?
Reimann: Mein Buch ist ein Möglichkeitspapier. Ändern ließe sich, dass etablierte Parteien vor allem im ländlicheren Osten mit ihrem demokratischen Politikangebot präsenter wären. 90 Prozent ihrer Parteibüros haben Union, SPD, Grüne und FDP im Westen – die AfD fast die Hälfte ihrer Büros im Osten. Der Osten hat ein Segregationsproblem: Viel mehr als im Westen ist Armut in bestimmten Vierteln konzentriert. Sowieso schon von Armut betroffene Geflüchtete wurden vor allem im Osten in sozial benachteiligten Stadtvierteln untergebracht, das verschärft soziale Spaltungen. Die Hürden, in verantwortungsvolle Positionen zu gelangen, sind für Ostdeutsche viel höher als für Westdeutsche: Eliten besetzen Spitzenjobs meist aus ihren eigenen Kreisen. Es bräuchte spezielle Förder- und Stiftungsangebote wie die Studienstiftung des Ostens, damit Ostdeutsche überhaupt in einflussreiche Netzwerke gelangen.
WELT: Was sich offenbar über Generationen vererbt, ist das Ostdeutschsein.
Reimann: Ich denke, es geht nicht darum, die Geschichte neu aufzurollen, sondern die Zukunft besser zu gestalten. Die Nachwende-Generationen, vor allem die Gen Z, definieren sich sogar noch stärker über ihre ostdeutsche Identität. Mir geht es gar nicht darum, die Fehler der Wiedervereinigung zu revidieren. Es genügt mir schon, die aktuellen Probleme offenzulegen. Also bitte keine blöden Ost-Tourismus-Berichte mehr wie: Wir haben unseren Reporter mal nach Sachsen-Anhalt geschickt, und der guckt jetzt mal, was da wieder so los ist. Bitte keine Merz-Reden mehr wie zuletzt in Magdeburg, als er sagte: „Ich habe das Glück, im Westen geboren zu sein“ – und nicht einmal merkt, in welchem Raum er gerade spricht und, dass er mit seiner Art, sich auszudrücken, Teil des Problems ist.
WELT: Der gewöhnliche Westler hat sich immer nur dann für den Osten interessiert, wenn es dort was für ihn zu holen gab. Immobilien, Posten, Wählerstimmen. Warum sollte er seine Ignoranz überwinden? Wieso sollten westdeutsche Medien anders über den Osten berichten, wenn er als Problemfall die Vorurteile und Feindbilder ihrer Leser bestätigt?
Reimann: Da ist was dran. Andererseits frage ich auch die Älteren, in meinem Buch steht Angela Merkel stellvertretend dafür: Warum habt ihr euch nach der ersten Wende so schnell und störungsfrei assimiliert und eure Biografien abgeworfen? Ich kann es verstehen. Meine Eltern hatten damals ganz andere Sorgen, als ihre Herkunft zu pflegen, sie mussten sich neu erfinden. Heute leiden wir, die Jüngeren, unter der Repräsentationslücke, die für Ostdeutsche dadurch entstanden ist. In der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Ich erlebe es ja als Chefin, wie sich Ostdeutsche immer noch verleugnen, aber auch, dass ich in meiner Position als Ostfrau gehört werde. Ich bin die, die was dagegen hat, Beiträge über den Osten mit Plattenbauten und Bierflaschen zu bebildern. Bei der „Zeit“ als Gründerin des Ost-Ressorts, dann beim SWR und bei der ARD. Natürlich erlebe ich auch Westdeutsche, die ihr Ostbild fest justiert haben. Aber schon eine erste ostdeutsche Intendanz beim NDR oder RBB wäre schön nach 36 Jahren.
WELT: Die Mehrheit der Westdeutschen im Osten nimmt die Ungleichheit gar nicht wahr. Ein typisches Phänomen von Minderheitenverstehern: Für sie sind alle Unterschiede marginal, so fühlen sie sich auch besser.
Reimann: Dabei verkennen sie die systemischen Probleme. Wohlhabende Westdeutsche mit einem Häuschen in Brandenburg oder auf Rügen denken, dort sei doch alles gemacht.
WELT: Nur die Eingeborenen müssten noch bessere Laune haben.
Reimann: Wie sollen sie bessere Laune haben, wenn die Durchschnittslöhne für sie so viel geringer sind? Der Neuanstrich von Innenstädten sagt nichts darüber, was Menschen in der Tasche haben. Sie haben Warnemünde vor der Haustür und können sich gerade noch Lütten-Klein leisten. Meine Familie, meine Mutter, meine Schwester und ich, wir haben dort gelebt, auch wir waren die Ärmeren. Hätte meine Mutter nicht alles, was überhaupt irgendwie übrig war, in meine Bildung gesteckt, säße ich jetzt vermutlich nicht hier.
WELT: Was ist in Ihrer Generation ostdeutsch?
Reimann: Ostdeutsche, vor allem Frauen, begegnen mir mit unerschütterlichem Pragmatismus. Man vertüddelt sich nicht mit irgendwelchen Dingen. Ostfrauen bringen ein tief sitzendes Selbstverständnis mit, emanzipiert zu sein. Als Chefredakteurin kamen mir Kolleginnen aus dem Osten immer selbstbewusster und klarer vor in dem, wofür sie stehen oder nicht stehen. Das wurde mir auch von meiner Mutter vorgelebt: Frauen sorgen selbst für sich, sie sind finanziell unabhängig von Männern. In westdeutschen Strukturen ist das Frauen- und Familienbild, mit dem ich sowohl von Männern als auch von Frauen konfrontiert werde, dann doch konservativer, was, wenn es etwa um Altersarmut geht, eher zulasten der Frauen geht.
WELT: In der DDR war der Preis der Gleichberechtigung hoch: Frauen waren für alles da, sie arbeiteten voll und kümmerten sich um ihre Familien. In den Neunzigerjahren stürzten sie sich in die schlechtbezahltesten Berufe, während ihre arbeitslosen Männer sich zu Hause leid taten.
Reimann: Das war das feministische Erbe.
WELT: Ostfeministinnen waren auch nicht Ingenieurin, sondern Ingenieur.
Reimann: Es ging ihnen aber dabei weniger um Sprache als um die Ansprache auf Augenhöhe. Sie waren in traditionell männlichen Berufen so viel wert wie Männer, das sollte auch über die Berufsbezeichnung klar sein. Meine Mutter hat sich lange als Lehrer bezeichnet, bis sie genug davon hatte, sich mit ihren männlichen Kollegen abzugleichen. Heute sagt sie Lehrerin. Einerseits wurden die feministischen Diskurse zwischen Ost und West um Zuschreibungen wie „Rabenmütter“ und „Heimchen am Herd“ geführt. Andererseits wurden im Westen viel früher Themen wie Femizide und häusliche Gewalt thematisiert als im Osten. Ostfeministinnen konnten von Westfeministinnen auch einiges lernen.
WELT: Zum feministischen Erbe gehört auch, dass seit drei Jahrzehnten vor allem junge Ostfrauen ihr Glück im Westen suchen. Männer bleiben zurück. In Sachsen-Anhalt ist das Missverhältnis am größten.
Reimann: So steht es auch in meinem Buch, wo ich das am Beispiel des Örtchens Harbke beschreibe. Auf 100 Frauen bei den 18- bis 29-Jährigen kommen hier 356 Männer im selben Alter. Keine ungewöhnliche Zahl für den ländlichen Osten. Frauen arbeiten mehr im Dienstleistungssektor, in Jobs, die im ländlichen Raum eher weniger gefragt sind. In der Landwirtschaft, in maschinellen Berufen arbeiten mehr Männer. Frauen ziehen für ihre Ausbildung oder ihr Studium eher in größere Städte, gründen ihre Familien und bleiben da. Die Soziologin Katja Salomo sagt sogar, dass in Ostdeutschland so viele problematische demografische Entwicklungen aufeinanderträfen, dass es historisch und weltweit einmalig sei. Noch nie habe sich die demografische Situation so zugespitzt wie momentan in Ostdeutschland. Ganze Landstriche werden immer männlicher und immer älter. Das verändert auch die demokratischen Verhältnisse.
WELT: Warum wählen auch junge Männer rechter als junge Frauen?
Reimann: Frauen wählen progressiver, weil sie vor allem finanziell immer unabhängiger und freier werden von Männern – was wiederum zur sogenannten Male Loneliness führt, zu mehr männlicher Einsamkeit. In den sozialen Medien der Manosphere fühlen manche Männer sich zudem verstanden und von rückständigen Rollenverteilungen abgeholt und darin aufgehoben – wie bei rechtsextremen Parteien, die solche frauenfeindlichen Männlichkeitsbilder aufgreifen. Jungs sollten früh gefördert werden.
WELT: Haben Sie als Erstwählerin tatsächlich, wie Sie schreiben, Angela Merkel gewählt? Die CDU?
Reimann: Ich glaube, ja. Jedenfalls nicht links. Ich schreibe ja, dass ich damals den Eindruck hatte, Gerhard Schröder und Angela Merkel hätten die Parteibücher vertauscht. Viele in meinem Alter damals mit 18, die ich kannte, waren überhaupt nicht wählen.
WELT: Merkel hat Sie enttäuscht, weil sie sich als Ostfrau nicht offensiv genug zum Osten bekannt hat. Hat die Kanzlerin dadurch die Ostdeutschen allgemein gegen sich aufgebracht?
Reimann: In meiner Bubble damals, unter den jungen Ostfrauen, war es so. Wir waren einerseits stolz: Die mächtigste Frau der Welt, unsere Kanzlerin, war eine von uns – und andererseits machte sie vor allem in ihren ersten Kanzlerinnenjahren Ostdeutschland kaum zum Thema.
WELT: Von älteren Ostmännern wurde sie von Anfang an wenig gemocht. Durch ihre Asylpolitik 2015 ist es dann nur eskaliert. Sie war erfolgreich, sie war aufgestiegen ins Establishment, und sie hatte ihr eigenes Volk verraten. Auch Joachim Gauck war unbeliebt als Bundespräsident im Osten, Merkel umso mehr – als Frau.
Reimann: Naja, da muss man differenzieren. Das ist ja nun nicht selten, dass Männer Probleme mit mächtigen Frauen haben. Das hatte bei Merkel wohl eher mit dem Frausein an sich als mit dem Ostdeutschsein zu tun. Bei Gauck stimmt es: Ich erinnere mich, dass er gerade bei uns in Rostock, seiner Heimat, nicht beliebt war. Er hatte etwas Besserwessihaftes, sagte man. Ich finde das nicht. Ich halte ihn für einen klugen Demokraten.
WELT: Bilden sich Ostdeutsche zu viel ein auf ihre Ostidentität? Parteien freuen sich über solche Wähler, die empfänglich dafür sind, in ihren Eigenarten allzu ernst genommen zu werden. Was früher die Linke war im Osten, ist heute die AfD.
Reimann: Die Frage der Identität ist nie die Frage nach nur einer Identität. Jeder ist ein Mensch aus vielen Identitäten. In München bin ich Norddeutsche, in den USA bin ich Europäerin und in Köln vielleicht Ostdeutsche. Jemand aus Rostock ist noch mal ganz anders sozialisiert als jemand aus dem Erzgebirge. Aber da sind eben auch die gemeinschaftlichen Erfahrungen. In meiner Generation sind es die biografischen Brüche der Eltern zur Wiedervereinigung.
WELT: Trifft es Sie, wenn Ihnen ältere Ostdeutsche absprechen, für den Osten, der ja immer auch die DDR mitmeint, sprechen zu können?
Reimann: Nö. Meckerköppe, die von uns Nachwendekindern genervt sind, gibt es immer. Und ich höre gerne zu, wenn DDR-Geborene ihre eigene Ost-Identitäts-Definition haben. Das kann alles nebeneinander und gleichzeitig stattfinden. Ich spreche aber nicht für Ostalgiker und DDR-Verklärer.
WELT: Die Kinder der harten Transformationsjahre haben doch alles Recht der Welt, sich ostdeutsch zu fühlen.
Reimann: Ich bin froh über die Erfahrungen und Positionen aller Generationen, die im Osten sozialisiert wurden. Über ihre Bücher, Kolumnen, Podcasts. Alle vor uns – Jana Hensel, Sabine Rennefanz, Ilko-Sascha Kowalczuk, Steffen Mau – haben uns ja den Weg geebnet.
WELT: Nicht wenige Ältere tun sich allerdings auch schwer mit dem Wort „Wende“ und schreiben es lieber in Gänsefüßchen.
Reimann: Ich tue mich damit leichter, weil es auch Westdeutsche verstehen.
WELT: 1989 wurde das Wort den Bürgerrechtlern von DDR-Reformatoren, die alles andere wollten als Reformen, weggenommen. Heute kapert die AfD die Wende für ihre Wahlkampagnen als „Wende 2.0“. Und Sie rufen die „Zweite Wende“ aus.
Reimann: Dann kapere ich die Wende eben wieder zurück. Ich lasse mir doch keine Wörter nehmen. Manche werden sich daran stoßen, viele werden es genau so verstehen, wie ich es meine. So wie es im Untertitel steht: Ostdeutschland geht alle an, in Ost und West.
Marieke Reimann: Zweite Wende – Warum Ostdeutschland uns alle angeht. Rowohlt, 240 S., 22 €
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.