Meine Eltern waren so glücklich darüber, dass ich jemanden gefunden hatte, dass ich ihnen jetzt unbedingt zeigen wollte, was ich an Max so toll fand. Trotz der Tatsache, dass er nun eine ganze Woche mit meinen Eltern und meinen drei Geschwistern abhängen würde, blieb Max, wie üblich, gelassen.

Diesmal hielt seine Gelassenheit allerdings nur gute acht Stunden. Während ich im zweiten Gang durch die Serpentinen kurvte und versuchte, trotz Dunkelheit und Schneegestöber die Straße zu sehen, schaute Max angestrengt auf sein Handy.

„Ich habe gerade das Skihotel gegoogelt“, sagte er. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass das superschick ist?“

Ich zuckte mit den Schultern, den Blick auf die Straße geheftet. „Das ist nicht schick, wir fahren da jedes Jahr hin.“

„Es ist ein Vier-Sterne-Hotel.“

„Na und? Ist supergemütlich. Familiengeführt.“

„Verena, ich habe Skisachen und ein paar Pullover mitgenommen, ich habe nichts Schickes zum Anziehen dabei!“

Ich schaute kurz von der Straße zu ihm rüber. „Machst du dir ernsthaft Sorgen darum? Es ist doch total egal, was du anhast.“

„Verena! Du findest so was vielleicht nicht wichtig, aber andere Menschen schon. Ich will nicht wirken wie jemand, der da nicht hingehört.“

„Ich habe auch nix Schickes mit.“

„Ja, aber du gehörst auch schon dazu!“

„Okay. Dann lass uns einen meiner Brüder anrufen, die fragen, ob sie dir ein Hemd leihen können.“

„Genau, und dann wirke ich völlig verplant und hilfsbedürftig.“

Ich grinste kurz zu ihm rüber. „So habe ich dich ja noch nie erlebt! Wo ist relaxed Max hin?“

Er verschränkte die Arme. „Ich bin entspannt. Aber ich bin auch nicht dumm, ich weiß, wie wichtig es ist, dass deine Familie mich mag.“

Wir kamen gegen neun Uhr abends an und gingen direkt vom Auto ins Restaurant, um meine Familie zu begrüßen. Ich war ein bisschen aufgeregt, klar, aber vor allem wollte ich, dass Max sich wohlfühlte. Alle stellten sich reihum vor und verwickelten ihn direkt in ein Gespräch. Eigentlich war das Ganze angenehm unspektakulär. Nur mein Vater wirkte ein bisschen steif. Ich beobachtete ihn von der Seite, wie er vor allem höflich lächelte und zuschaute.

Mein Vater war zu dem Zeitpunkt vierundsiebzig Jahre alt. Er ist die Art Mensch, der in jeder Lebenslage dasselbe Hemd mit Monogramm trägt, immer mit einem Mini-Notizblock und einem Montblanc-Stift in der Brusttasche, falls es etwas Wichtiges aufzuschreiben gibt. Er ist Zeit seines Lebens Manager gewesen, hat die Firma seines Vaters über vierzig Jahre durch jede Krise und jede Veränderung gesteuert, immer mit dem Ziel, sie irgendwann an uns Kinder weiterzugeben. Sein Geschäftsumfeld nennt ihn liebevoll WMB: ein Kürzel, das sich fast als Markenname etabliert hat.

Das Vorbild WMB

WMB war schon immer mein Vorbild. Neben seiner berühmt-berüchtigten Stoik und Disziplin ist er auch der kompromisslos freundlichste Mensch, den ich kenne. In meinem Leben habe ich keinen einzigen Moment erlebt, in dem mein Vater zu jemandem unfreundlich war, egal, wer ihm gegenüberstand. Er behandelte auch Max keineswegs unfreundlich, ich denke, er wusste nur einfach nicht, worüber er mit ihm reden sollte. Noch nie hatte eine seiner Töchter ihm einen Mann vorgestellt. Dann war dieser hier auch noch arbeitslos, also gab es keinen Business-Talk, den er als Einstieg hätte nutzen können.

Max wusste durch meine Erzählungen, was für ein absolutes Papakind ich war, wie sehr ich zu meinem Vater aufschaute, und wollte es deshalb auf keinen Fall mit ihm vermasseln. Andersherum wollte ich natürlich nicht, dass der Mann, zu dem ich ewig aufgeschaut hatte, mit der Wahl des Mannes an meiner Seite unzufrieden war. Im Ergebnis waren wir alle drei steif wie ein Brett.

Den Zenit der Steifheit erreichten die beiden am Tag drauf, als wir zum ersten Mal alle zusammen Ski fahren gingen. Noch Wochen später erzählte Max davon, wie Werner und er zusammen auf einem alten Zweier-Lift gelandet waren (auch noch dem längsten und langsamsten des gesamten Skigebiets), und wie Max sich den Kopf darüber zerbrochen hatte, was er bloß sagen könnte. Werner hatte zweimal gesagt, wie toll der Schnee und die Wetterbedingungen doch seien, was Max beide Male eifrig bejaht hatte. Den Rest der Fahrt herrschte verkrampfte Stille. Ich schüttle mich heute noch bei der Vorstellung.

Generell erlebte ich Max so angespannt wie nie. Je unsicherer er wurde, desto weniger sagte er, bis er irgendwann einfach still beim Abendessen saß und zuhörte. Sein üblicher Witz war verschwunden, als schienen selbst ihm hier die Fettnäpfchen zu groß zum Ignorieren. Ich kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu ahnen, was in ihm vorging, und ergriff immer wieder seine Hand unterm Tisch. Wie in einer Dramaserie, in der die Situation von Folge zu Folge noch ein bisschen verzwickter wird, kam an Tag drei die nächste Challenge. Zwei Arbeitskollegen von meinem Vater und mir statteten uns einen Besuch ab, da sie zufällig mit ihren Familien im selben Ort waren. Es ging ganz konkret um drei große Projekte, die im neuen Jahr wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gestrichen werden sollten, um die steigenden Rohstoffkosten auszugleichen. Ich hatte seit Monaten um die drei Projekte gekämpft mit dem Argument, dass wir unsere Langfristziele nicht aus den Augen verlieren dürfen. Die Diskussion hatte sich jetzt aber leider in die für mich ungünstigste Arena verschoben: die Hotelbar.

„Ich gehöre hier nicht hin“

Nicht nur hatte ich zum ersten Mal meiner Familie einen Partner vorgestellt und war bemüht, ihm ein gutes Gefühl zu vermitteln, jetzt musste ich auch noch zwei Tage beim Skifahren aussetzen und mich im Hotelzimmer auf die Gespräche vorbereiten.

Dabei fehlte es mir eigentlich längst an dem nötigen Elan. Die USA-Reise hatte etwas bei mir verändert. Sie hatte einen Gedanken, der schon lange in mir keimte, unwiderruflich durch die Oberfläche brechen lassen: Ich gehörte hier nicht hin. Die drei Männer an der Bar warteten bestimmt nicht auf meine Meinung, und egal, was ich sagen würde, die Chance, dass wir irgendwann wirklich dieselben Ziele hätten, war gering. Statt mich vorzubereiten, saß ich am Ende stundenlang in meinem Hotelzimmer und starrte aus dem Fenster, während es in mir arbeitete.

Verena Bahlsen

Meine Brüder passten viel selbstverständlicher in die Firma. Beide waren gut ausgebildet, höflich und sozial kompetenter als ich. Noch nie hatte einer der beiden ein Onlinemeeting im Schneidersitz verbracht. Ich hielt mich natürlich für die kreativere, spannendere Wahl als Nachfolgerin. Vielleicht drängelte sich da aber auch nur mein Ego nach vorne.

Der Gedanke daran, das Unternehmen zu verlassen, fühlte sich wie der größtmögliche Gesichtsverlust an. Aber eigentlich ahnte ich, dass ein Teil von mir die Entscheidung längst getroffen hatte. Vielleicht war ja gar nicht ich falsch. Vielleicht war das einfach der falsche Ort für mich.

Und vielleicht müsste ich jetzt endlich mal den Mut aufbringen, aktiv zu werden, zu führen? Einfach mal ein paar höfliche Fragen zur wirtschaftlichen und geopolitischen Lage in Europa versus Asien stellen, statt immer nur verschüchtert zu schweigen. War das so schwierig? Und warum musste er sich überhaupt immer Bier bestellen, statt einfach mal zum Hauptgang ein Glas Rotwein zu trinken?

Nicht dafür gemacht, Nachfolgerin zu sein

Ich befreite mich aus seiner Umarmung und trat einen großen Schritt zurück. „Ich habe entschieden“, erklärte ich entschlossen, „dass ich aus der Firma meines Vaters aussteigen werde. Ich bin nicht dafür gemacht, seine Nachfolgerin zu sein.“

Er war einen Moment still. Dann griff er nach meiner Hand. „Okay. Dann machst du halt was anderes, oder? Das ist nicht so schlimm.“

Ich schüttelte seine Hand ab: „Wie bitte? Natürlich ist das schlimm.“

„Ja, es ist schade. Aber Verena, du kannst doch auch zig andere Jobs machen.“

„Ey, du checkst es nicht. Ich habe Ambitionen, ich will beruflich erfolgreich sein. Und ich wollte mir den Arsch aufreißen, um diese Firma weiterzuführen.“

Nun trat er einen Schritt zurück. Er musterte mich. „Das weiß ich. Aber dann wirst du halt woanders erfolgreich.“

Ich räusperte mich, versuchte, den letzten Rest meiner Fassung zu bewahren.

„Max. Ich heiße Bahlsen mit Nachnamen. Mein Vater hat mir das Backen beigebracht. Diese Firma ist seit 120 Jahren in meiner Familie. Das hier ist meine Aufgabe.“

„Verena. Das ist nur eine Firma.“

„Ey, ich glaub, du willst es gar nicht verstehen, oder?“, fuhr ich ihn an. Der letzte Faden war gerissen. „Du hast keine Ahnung, wie meine Welt funktioniert. Das ist nicht nur irgendein austauschbarer Job in irgendeinem popeligen Mittelstandsunternehmen! Und weißt du, wie ätzend es ist, richtig in der Krise zu stecken und dann mit jemandem zusammen zu sein, der es einfach nicht checkt?“

Max antwortete nicht. Er guckte mich bloß an, als würde er auf etwas warten.

„Ja, was?“, rief ich. „Kommt da nichts mehr?“

Ich wollte den Mund aufreißen und schreien, so laut ich konnte, aber das schien selbst mir in einer Hotelsauna eine Stufe zu krass. Stattdessen drehte ich mich abrupt um, versuchte, mein Handtuch halbwegs würdevoll vom Boden aufzuheben, ohne ihm meinen nackten Po entgegenzustrecken, zog die Glastür auf und stürmte hinaus.

Zum Glück schaffte ich es zurück ins Hotelzimmer, ohne jemandem verheult, verschwitzt und in Badeschlappen über den Weg zu laufen. Als ich die Tür aufschloss, war die Sonne bereits untergegangen, aber ich schaltete das Licht nicht an.

In meinem Bademantel warf ich mich aufs Bett, drehte mich zum Fenster und wickelte mich fest in die Bettdecke, wie ein Burrito. Der Himmel war von einem samtigen Dunkelblau und hing in diesem Moment fest, in dem die Sonne schon verschwunden, die Nacht aber noch nicht richtig angebrochen war – meine liebste Tageszeit. Der Schnee färbte das Licht fast silbrig, und ich ließ meinen Blick über die Konturen der Bergkuppen wandern, bis mir erschöpft die Augen zufielen.

Eine Hand auf meinem Bauch weckte mich. Ich wusste nicht, wie viel Uhr es war, aber mittlerweile war es dunkel. Max hatte sich hinter mir ins Bett gelegt und umarmte mich. Ich nahm seinen Geruch wahr, die Wärme seiner Brust an meinem Rücken.

„Ich war ein richtiges Arschloch“, flüsterte ich. „Es tut mir leid.“

Er umarmte mich fester, zog meinen Körper näher an seinen und flüsterte: „Stimmt. Du warst ein richtiges Arschloch.“

„Ich habe das Gefühl, dass ich mit dir über dieses ganze Thema nicht reden kann. Und das macht mir Angst.“

„Ich weiß. Das merke ich.“

Einen Moment waren wir beide still. Ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren. „Das hier fühlt sich für mich wie etwas unvorstellbar Schreckliches an. Was für eine Versagerin bin ich bitte, wenn ich ein paar Jahre nach meinem Einstieg schon wieder aufhöre?“

„Ich verstehe, dass du das so fühlst. Was ich vorhin sagen wollte, war einfach nur: Die Welt geht davon nicht unter. Du brauchst das alles nicht. Du bist du, ob mit oder ohne Firma. Es gibt da draußen noch eine ganze Welt aus Jobs und Möglichkeiten.“

„Das kann ich mir eben nicht vorstellen. Ich werde nächsten Monat neunundzwanzig und meine Karriere wäre dann … quasi nicht mehr existent.“

„Na und? Du sagst mir doch dauernd, dass man nie zu alt für einen Neustart ist.“

„Dann wären wir beide arbeitslos. Wie ätzend ist das bitte?“

„Das könnten wir ganz schnell ändern. Wir machen uns einen Plan. Und dann starten wir gemeinsam neu durch.“

Verena Bahlsen wurde 1993 geboren und ist Mit-Erbin des Keks-Konzerns Bahlsen. Nach ihrem Rückzug aus dem Familienunternehmen lebt sie als Autorin und Markenstrategin in Berlin. Der voranstehende Text ist ein leicht gekürzter Auszug aus ihrem Buch „Panikjahre. Über Liebe, Erwartungen und den Mut, den eigenen Plan zu verpassen“. Es erscheint am 12.9. bei Tropen (240 Seiten, 22 Euro).

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