Man hat mir oft gesagt, ich hätte Glück gehabt. Es hätte auch schlimmer kommen können. Man müsse die gute Seite sehen. Ich sei ja, trotz allem, verschont worden. Ich habe darauf nie zu antworten gewusst. Mit wem, womit hätte ich mich vergleichen können? Mit Unglücklicheren? Mit Glücklicheren? Und wer weiß schon, was ihn erwartet? Wir alle ziehen es vor, feige wie wir sind, weder Tag noch Stunde unseres Todes zu kennen. Das sagt viel darüber, wie sehr uns die Wahrheit erschreckt und wie angenehm uns das Schweigen der Lüge ist. In diesem Land des Lichts, Algerien, wird alles immer als fortwährendes Wunder dargestellt. Das Schlimmste wird erträglich, das Unannehmbare erklärbar, das Absurde vernünftig.

Man nimmt dir eine Freiheit weg, und erklärt dir, es sei zu deinem Besten. Man entzieht dir ein Recht und versichert dir, es geschehe zu deinem Schutz. Man sperrt dich ein und spricht von Notwendigkeit. Und nach und nach, ohne dass du es bemerkst, fängst du an, an dir selbst zu zweifeln. Ist es tatsächlich ungerecht? Ist es tatsächlich so schlimm? Gibt es nicht anderswo Schlimmeres? Die Sprache verformt sich. Die Worte entgleiten. Das Selbstverständliche verschwimmt. Was Empörung auslösen sollte, ermüdet. Was Alarm auslösen sollte, vergeht. So funktioniert Algerien, „das Land der Wunder“, wie es alle Präsidenten, jeder auf seine Weise, genannt haben, die seit der Unabhängigkeit an der Spitze des Staates aufeinanderfolgten.

Man bricht dich nicht auf einmal

Nichts ist frontal. Alles ist schrittweise, schleichend, undurchsichtig. „Normal“, wie die Algerier angesichts des Dramas sagen, das sie verfolgt und ihnen vorausgeht. Man bricht dich nicht auf einmal. Man lässt dir Zeit. Man bringt dir bei zu warten. Zu bitten. Zu betteln. Danke zu sagen. Dankbar zu sein. Vor allem lehrt man dich, die Dinge nicht zu benennen. Benennen ist ein Akt der Auflehnung. Benennen heißt, den Zauber der freiwilligen Unterwerfung zu durchbrechen, die beruhigt und tröstet. Benennen heißt, den Erzählstrang zu sprengen. Benennen heißt, zu sehen beginnen. Zu handeln. Zu leben. Also lernt man zu schweigen. Oder anders zu sprechen. Durch Anspielungen. Umwege. Schweigen. Durch jenen verschlüsselten Humor, in dem Algerier glänzen.

Man wird vorsichtig. Dann misstrauisch. Dann sich selbst fremd. Und eines Tages, ohne genau zu wissen, wann es geschehen ist, entdeckt man, dass man in einer verkehrten Welt lebt – einer Welt, in der die Wahrheit stört, die Gerechtigkeit beunruhigt, die Freiheit Angst macht. Einer Welt, in der man dir ernsthaft erklärt, dass all das normal ist. Die Welt von Orwell und Abistan. In dieser Welt, in diesem Land der Wunder, beginnt meine Geschichte. Oder endet vielleicht. Ich weiß es nicht mehr genau. (Abistan ist das fiktive, totalitäre Reich aus Sansals Roman „2084“, Anm. d. Red.). In dieser Welt, in diesem Land der Wunder, beginnt meine Geschichte. Oder endet vielleicht. Ich weiß es nicht mehr genau.

Man hat mich ohne großes Aufsehen festgenommen. Keine Sirenen, keine Scheinwerfer. Keine Waffen, keine Warnungen und keine spektakuläre Gewalt. Nicht einmal eine implizite Drohung. Nur ruhige Befehle: „Stell deine Tasche ab“, „Streck die Arme aus“, „Geh“.

Was mir in diesen Momenten auffiel, war die Nüchternheit der Geste, vielleicht ein wenig übertrieben, die überanstrengte Art des Emporkömmlings, wenn er sich in die Stadt wagt, auf die reiche Seite der Geldmauer, und zeigen will, dass er sich dort auskennt. Das war es im Grunde: Der Stammesstaat, der sich dabei zusieht, wie er den Zentralstaat spielt – der steinreiche und souveräne Staat, versteht sich, von vielen beneidet –, zeigt, dass er der Aufgabe gewachsen, dass er sich seiner Sache sicher ist, dass er es nicht nötig hat, sich anzustrengen, um Eindruck zu machen; beeindruckend ist er ohnehin schon mehr als genug. Es genügt ihm zuzupacken und mit den Schultern zu zucken. „Sie haben mich gepackt. Und sie haben mit den Schultern gezuckt.“

Was geschah, war kein Fehler, sondern eine normale Entschei­dung, wenn auch hochmütig und im Prinzip rechtswidrig. Ein Gerichtsschreiber sprach meinen Namen mit betont administrativer Sorgfalt aus: Sa..nsââl. Weder Hass noch Zorn. Nur eine gewissenhafte Aussprache, schulmeisterlich.

Im Sumpf der algerischen Justiz

Mir wurde klar, ich war kein Mensch mehr, sondern der Beginn einer Akte, die man verschieben, mit Anmerkungen versehen, beiseitelegen und in einem schiefen Schrank verstauen würde, sie würde Gegenstand eines arglistigen Wettstreits zwischen Richtern, Anwälten und allen Hierarchien sein, zivilen, militärischen und religiösen, von denen jede ein Stück von mir haben wollte. Ich bin der größte Staatsfeind Nummer 1 der gesamten Geschichte. Da ist Ehre zu gewinnen, wenn man mit mir zu tun hat, und Geld herauszuholen.

In diesem Sumpf voller guter und treuer Diener wurde es mir bewusst, ich war dabei, im Treibsand der algerischen Justiz zu versinken. Ich habe keinen Widerstand geleistet. Ich folgte zwischen zwei Wachen, Muskelprotze, die mich an den Ellbogen hielten, einem dritten, der den Weg anführte, und einem vierten, der ihn abschloss. Sie bildeten eine Schutzmauer. Schon sah ich die mich umgebende Welt nicht mehr und bekam kaum noch Luft. Ich war ein gefährlicher Gefangener, streng bewacht. Die Muskelpakete schienen eine Art Stolz zu empfinden, so zahlreich einen alten Mann mit schwacher Gesundheit zu umringen, von dem sie ahnten, er würde von ganz oben und international, wo er die Schlagzeilen des Tages beherrschte, genau beobachtet. Sie hatten sehr wohl gesehen, wie den Richtern die Knie zitterten, während sie sich bemühten, mich mit furchteinflößenden Justizaugen zu mustern. Sie wussten Dinge über den Mann, diesen klapprigen Kerl mit seiner zerbrochenen Brille und seinem höchst regelwidrigen Pferdeschwanz.

Sie werden meine Seele erobern wollen

Man nahm mir alles ab, was ich bei mir hatte, meine kleine Reisetasche, meinen Laptop und mein Handy, alles, was mich mit Nahestehenden und der Welt verband und zwei Jahrzehnte eines Wanderlebens in allen Ecken des Planeten dokumentierte. Darin würden sie genug finden, um jede Anklage gegen mich zu untermauern.

Das war ein Anfang. Der Rest wird noch kommen. Sie werden meine Seele erobern und sie bis in die tiefsten Tiefen quälen wollen, um mir selbst die Geheimnisse meiner Kindheit zu entreißen. Doch ich war todmüde. Das ist mein Problem, ich habe nie gelernt abzuschalten und mich auszuruhen. Ach, sich ausruhen, das ist, das Leben in Klammern setzen und an einen blöden Kleiderbügel hängen, man verliert den silbernen Faden, der uns mit den Dingen und den Menschen verbindet. Das Leben ist ein Ganzes, die Müdigkeit gehört dazu, sie existiert nicht allein, nicht für sich. Sie wohnt im Körper, wie der Körper in ihr wohnt. Wenn sich die Müdigkeit bemerkbar macht, ist sie nicht unsere eigene, sie ist ein Angriff von außen.

Ich habe keine Fragen gestellt. Es war sinnlos. Außer diese eine, die das Glück hatte, sie außerordentlich zu verärgern: „Wo ist mein Anwalt?“, und diese zweite, die das Glück hatte, sie außerordentlich zu betrüben: „Ich verlange, den französischen Konsul zu sehen.“ Und diese dritte, die sie außerordentlich verblüffte: „Nun, da Sie mir alles verweigert haben, was kann ich dann noch vom Habeas Corpus erhoffen? Der Untersuchungsrichter warf mir einen vernichtenden Blick zu und schlug mit seinem Absatz die Tür hinter sich zu. Ich befand mich auf seinem Terrain, in seinem Reich; er glaubte, ich würde ihm mit diesem kabbalistischen Ausdruck aus einer gottlosen Welt Respektlosigkeit entgegenbringen, oder ihm vielleicht einen Fluch auferlegen: Hokuspokus, Abrakadabra! Entschuldigung, ich wusste nicht, dass Habeas Corpus für die algerische Justiz böhmische Dörfer sind.

Dem Staatsanwalt, der mir gelassener und damit gefährlicher erschien, sagte ich mit unschuldiger Miene: „Ich weiß, das ist ohne Bedeutung, Herr Staatsanwalt, Algerien ist souverän und volljährig, aber ich sage es Ihnen trotzdem, in aller Offenheit: Vergessen Sie nicht, ich bin irgendwo auch französischer Staatsbürger mit allen Rechten, und Frankreich wird alles tun, um herauszufinden, was hier vor sich geht, es wird Sie fragen, geht’s hier um Speck oder Hammelfleisch.“

Ich spürte, dass ich ihn wieder einmal gewaltig verärgert hatte mit dem Wort „Schwein“, das ich doch gar nicht ausgesprochen hatte. Ach, diese Vorurteile! Und, schlimmer noch, die semantischen Verschiebungen.

Es trat Ruhe ein, im Rhythmus der Vorschrift, die bei der Frage der Sachlichkeit keine Kompromisse macht. Der Staatsanwalt war nicht feindselig. Nicht direkt. Er war professionell und vor allem war er in seinem Element. Jeder erledigte seinen Teil der Arbeit. Auch ich musste meinen Teil erfüllen: beobachten, versuchen zu verstehen und alles in meinem Kopf notieren, ohne es jemandem zu zeigen, um keinen Verdacht zu wecken und die Wachen nicht zu alarmieren. Ich hatte viel zu verlieren, man würde mich sehr genau überwachen, mich zehnmal am Tag durchsuchen, mich mit Arbeit erschöpfen, mich am Denken hindern, indem man mich den ganzen langen Tag damit beschäftigte, mich im Leerlauf zu drehen, die Mühle am Laufen zu halten.

In der Sprache des herrschenden Clans

Der Weg ist kurz. Verwaltungsgebäude sehen alle gleich aus: dieselben tristen Flure, dieselben gepolsterten Türen, dieselben Gitterwände, die alles mithören und nichts zurückgeben. Ich habe Papiere unterschrieben, ohne sie zu lesen. Wozu das Ganze? Zeitverschwendung, Geldverschwendung. Der Text wurde woanders geschrieben, mit unsichtbarer Tinte, in der Sprache des herrschenden Clans, mit einem nervösen Finger an der Schläfe des für die Schriftstücke zuständigen Gerichtsschreibers.

Man hat mich aller Dinge beschuldigt, zusammengefasst in drei sehr schwerwiegenden Worten: Terrorismus. Spionage. Gefährdung der Sicherheit des Staates, ohne Betonung hingeworfen, wie Betonplatten, die auf den Tisch gelegt wurden.

Für ein verunsichertes Regime ist ein Schriftsteller niemals nur ein einzelner Mann. Er steht unweigerlich im Verdacht, mehrere zu sein. Hinter ihm vermutet man Netzwerke, Einfluss, Pläne. Das Wort wird zu einem Bestätigungscode, der Satz zu einer Verschwörung, das Buch zu einer Waffe, der Schriftsteller zu einer Armee.

Ich wusste bereits, ich saß nicht im Gefängnis, dem Untergang geweiht, für das, was ich getan hatte, sondern für das, was ich angeblich getan hatte. Man verhaftet einen Schriftsteller nicht wegen seiner Taten, sondern wegen der vermeintlichen Auswirkungen seiner Worte auf das brave Volk und seiner Schriften auf den Lauf der Welt.

Als sich die Zellentür hinter mir schloss, spürte ich zum ersten Mal etwas ganz Bestimmtes, unendlich Schmerzhaftes: nicht das Wegsperren, sondern den Raub der Zeit. Es war schrecklich, die Zukunft war soeben aus meinem Leben verschwunden. Ich konnte sie mir nicht einmal mehr als Hypothese vorstellen. Die Justiz hat meine Vergangenheit zu einer Schande gemacht, hat sie verurteilt, das Gefängnis wird sie auslöschen; es blieb nur eine beengte, vergängliche, überwachte, gezählte und wieder gezählte Gegenwart, und ich, Häftlingsnummer 46611, zerrüttet, bereit, in der Falltür des Wahnsinns und des Nichtseins zu verschwinden.

Boualem Sansal ist algerisch-französischer Schriftsteller, bekannt durch Romane wie „Das Dorf des Deutschen“ und „2084“. Wegen unliebsamer Äußerungen wurde er am 16. November 2024 am Flughafen Algier festgenommen und vom Regime zu 5 Jahren Haft verurteilt. Es gab internationale Protestaktionen, in Deutschland etwa von Herta Müller, Daniel Kehlmann und anderen namhaften Schriftstellern. Am 12. November 2025 wurde Sansal auf Ersuchen von Bundespräsident Steinmeier durch den algerischen Präsidenten Tebboune begnadigt. Sansals oben stehender Text ist ein Vorabdruck aus seinem Buch über die Zeit in Haft: Es ist unter dem Titel „Die Legende. Freie Meditationen eines unbequemen Gefangenen“ soeben in deutscher Übersetzung von Vincent von Wroblewsky erschienen (Merlin Verlag, 220 Seiten, 22 Euro).

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