Das größte Problem der CDU ist möglicherweise gar nicht Friedrich Merz. Das größte Problem der CDU sind vielleicht vielmehr verbitterte alte Knacker (das bezieht sich nicht aufs biologische Alter, man kann auch schon mit 28 ein verbitterter alter Knacker sein), die wollen, dass die Partei ausschließlich von verbitterten alten Knackern wie ihnen repräsentiert wird.

Dieses Milieu – davon viele gar keine CDU-Mitglieder – hat in den vergangenen Tagen zwei Berliner CDU-Kandidaten mit Spott und Hass überzogen: Elisabeth Ignasiak, eine promovierte Astrophysikerin mit blau gefärbten Dreadlocks, die in die Bezirksversammlung von Friedrichshain will, und Kevin Steuer, Charlottenburger Direktkandidat der Partei für die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Steuer, ein Bankkaufmann, hatte sich auf Plakaten vorgestellt: „Hi, ich bin Kevin aus Deinem Kiez“ und mitgeteilt, dass er seinen Kaffee gern mit Hafermilch trinkt und mit einem Mann verheiratet ist.

Beide Kandidaten wurden in den sozialen Medien von übelwollenden Krawallschachteln höhnisch als Beispiele für den Linksruck der CDU angeführt – und als Omen für den unaufhaltsamen Weg unter die Fünfprozenthürde gedeutet. Die ehemalige AfD‑Vorsitzende Frauke Petry wollte auch gleich im Ton zweifelnder Unterstellung wissen, wo Ignasiak promoviert habe. Die Antwort bekam sie dann von Menschen, die etwas klüger gegoogelt haben: in Belfast, nachdem sie vorher an der LMU München studiert hatte (letztere in allen globalen Rankings die höchstbewertete deutsche Universität).

Es ging nicht um politische Standpunkte, obwohl die Tatsache, dass Ignasiak sich für Klima- und Umweltschutz einsetzen will, bei manchen schon den Linksradikalismusverdacht triggert. Das bloße Aussehen und der Beziehungsstatus und das Frühstücksgetränk genügen, um einen Bankkaufmann und eine selbstständige Unternehmerin als Indizien für den Niedergang und die Wokisierung der CDU zu deuten.

Statt sich zu freuen, dass es moderne Phänotypen gibt, die den Weg in eine bürgerliche Partei finden, beklagen sich Digitalgrantel-Opas und -Omas über ein paar Leute, die ausnahmsweise mal nicht aus der seit 80 Jahren für alle CDUler verbindlichen Keksform gestanzt sind. Aber so wie die beiden sieht nun mal das 21. Jahrhundert (auch) aus. Es kann nicht alles Amthor sein.

Die Pointe ist, dass es Konservative gibt, die nicht akzeptieren können, wenn CDUler anders aussehen als das Klischee, das Linke von ihnen zeichnen. Sie wollen ihre Klassiker wiedererkennen. Wenn alles sich ändert, sollen wenigstens von den Wahlplakaten der CDU weiterhin auch nur wohlgescheitelte, gut gegelte, offensiv spießige Typen herabsehen, die dort mit etwas breiteren oder schmaleren Krawatten (je nach Jahrzehnt) auch schon in den Siebzigern oder Achtzigern hätten hängen können.

Solche Figuren sind nie jung gewesen. Sie können sich nicht vorstellen, dass es auch bei Menschen, die an Marktwirtschaft, Recht und Ordnung glauben, das Bedürfnis gibt, ihre Individualität mit mehr oder weniger originellen Lebensstilaccessoires hervorzuheben. Sie hätten auch die junge Gloria von Thurn und Taxis weggeschickt, wenn sie in die CDU hätte eintreten wollen. Und sie würden wohl sogar die eigenen Kinder aus dem Haus werfen, wenn diese sich bei ihrer Selbstsuche mal auch nur minimal auf fremdartiges Terrain begäben – anders als beispielsweise der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, der sogar zuließ, dass sein Punk-Sohn die Toten Hosen für ein Wohnzimmerkonzert ins Leineschloss einlud.

Das Widerwärtigste daran ist, dass diese Menschen auf zwei CDUler eindreschen, die noch ziemlich weit unten an der Basis agieren, dort, wo kein Ruhm zu gewinnen ist, sondern nur Parteiarbeit der unglamourösesten Art wartet. Wenn junge Menschen sich das überhaupt antun, sollte man dankbar sein. Es kann nicht sein, dass sie sich vorher vor dem Spiegel die quälende Frage stellen müssen: „Bin ich langweilig genug für die CDU?“

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