Der Cantautore ist ein Phänomen, das mit „Bänkelsänger“ kaum wiederzugeben ist, wenn auch Wolf Biermann und vielleicht Reinhard Mey, Herman van Veen oder Franz Josef Degenhardt ihm nahekommen. Mittlerweile steht im „Ewigen Brunnen“ Liedgut von Tocotronic neben Lyrik von Durs Grünbein. Dennoch hält sich in Deutschland die Trennung von ernster Lyrik und heiterem Gesang, von Elfenbeinturm und Hitparade. In Frankreich und Italien war das dank der poetischen Qualität von Chansons und Canzoni anders.
Dass Fabrizio De André Gesangspoeten wie Bob Dylan und Leonard Cohen ins Italienische übertrug, zeugt von der Tradition, in welcher sich der 1940 geborene Genueser Industriellensohn situierte. Genua gilt als Dichterstube Italiens, kamen doch fast alle großen italienischen Stimmen des 20. Jahrhunderts aus Genua oder Ligurien, wie Eugenio Montale, Giorgio Caproni, Giuseppe Ungaretti, dem wir den von der Bachmann verdeutschten Zweizeiler „Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches“ verdanken.
Kolumbus’ Heimat war für Nietzsche, Ezra Pound und andere inspirierend – und ist es wohl immer noch. Fabrizio De André war ein singender Poet von eigenem Format. Als der Jurastudent Anfang der 1960er auf Alben im Stil von Georges Brassens die Prostituierten in der Genueser Altstadt besang, war das im italienischen Schlager ein Novum. Bei De André ging es um eine Schöne namens „Bocca di Rosa“, die auf Moral pfeift und den Männern eines Dorfes im Hinterland den Kopf verdreht. Um einen anarchistischen Bombenleger und um Arme, Verruchte und Verstoßene. Seinen literarischen Hintergrund verstand „Faber“, wie seine Fans ihn nannten, kongenial mit Musik zu verknüpfen, etwa als er aus der „Spoon River“-Anthologie von Edgar Lee Masters ein ganzes Album bastelte. Faber war kritischer Begleiter der italienischen Gesellschaft, ohne dabei zum Parteigänger einer Ideologie zu werden. „Signora Libertà, Signorina Fantasìa“, hat er die beiden ihn prägenden Passionen genannt, auf Konzerten gern letzteres durch „Anarchìa“ ersetzt. „Andrea“ handelt vom Bauernsohn aus Süditalien, der an der Isonzofront während des Ersten Weltkriegs einen sinnlosen Tod erleidet. Die bittersüße Melodie ist, einmal gehört, ein lebensbegleitender Ohrwurm; der Dichter Ulrich Zieger wünschte sie sich zum Begräbnis.
Im Jahr 1979 wurde „Faber“ aus seinem Sommerhaus in Sardinien mit seiner Partnerin, der Sängerin Dori Ghezzi, von sardischen Piraten entführt und erst Monate später nach Zahlung eines hohen Lösegelds freigelassen. Zwei Jahre darauf erschien ein Album ohne Namen, nach dem Cover „L’Indiano“ genannt, mit Anspielungen auf die Zeit des Eingesperrtseins: Der Sänger zeigte Verständnis für die archaische Lebensform seiner Kidnapper auf der vernachlässigten Insel. „L’Indiano“ enthält einige der schönsten Verse dieses modernen Troubadours, etwa das einprägsame Oxymoron: „Auch wenn ich dich in Stücke risse, setzte der Wind dich wieder neu zusammen.“
Der Schriftsteller Raoul Schrott griff dieses Bild später in seinem Gedichtband „Sub Rosa“ auf. Der Höhepunkt von De Andrés Schaffen ist „Creuza de Ma’“ von 1984, ein Album im Genueser Dialekt. Es eröffnet eine Welle von Welt- und Ethnomusik. Die E-Gitarre ist gegen Dudelsack, Oud und Straßenchöre eingetauscht, mit denen er die Vielstimmigkeit des östlichen Mittelmeers einfangen will. Die Lieder des 1999 verstorbenen Kettenrauchers stehen in italienischen Schulbüchern, in seiner Heimat Genua sind Straßen, Plätze und eine Cantautore-Akademie nach ihm benannt. Die Poesie und Leidenschaftlichkeit seiner Lieder fehlen heute – nicht nur in Italien.
Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.
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