Massenmord und (Selbst-)Mord, Kurzschlüsse des Lebens und die Rebellion gegen Ignoranz wie Intoleranz sind die Themen des gelungenen Doppelschlags, mit dem das Thalia Theater am Wochenende in die neue Saison gestartet ist. Dabei steht und sitzt das Publikum vor den Bühnen im großen Haus und in der Gaußstraße unfassbaren, schrecklichen und grausamen Ereignissen gegenüber und verlässt das Theater erschüttert.
Deutsches Haus, deutsches Schweigen
Das Stück „Deutsches Haus“ nach dem Roman von Anette Hess untersucht anhand der Protokolle und Aufzeichnungen des 1963 von Staatsanwalt Fritz Bauer in Gang gebrachten Frankfurter Auschwitz-Prozesses das deutsche Schweigen nach der Entnazifizierung, in Zeiten des Wirtschaftswunders. Die angeklagten SS-Offiziere, die Täter des Holocaust, berufen sich auf Befehlsnotstand. Beschwichtigende Verschwörungstheorien machen die Runde: Die Opfer übertreiben, wollen doch nur Entschädigungen erschleichen. So schlimm wird es schon nicht gewesen sein, kann es im Lager doch gar nicht gewesen sein. Viele haben gute persönliche Gründe, so zu reden, wie sich bald herausstellt.
Protagonistin des Geschehens in der zwischen vielen Erzählsträngen klug ausbalancierten, einfühlsamen und mutigen Regie von Jorinde Dröse ist die Übersetzerin Eva Bruhns (Nellie Fischer-Benson), sie spricht Deutsch und Polnisch, ohne dass zunächst groß thematisiert oder klar wird, warum ausgerechnet diese beiden Sprachen. Die Staatsanwaltschaft (Sandra Flubacher) braucht ihre Hilfe, um die Zeugenaussagen der Überlebenden aufnehmen zu können. Was Eva während des Prozesses erfährt, raubt ihr die trügerische Ruhe ihres Elternhauses in der Gaststätte „Deutsches Haus“, in der zu Beginn alles glatt zu laufen scheint. Getanzt wird hier nach amerikanischen Hits heißer Rock’n’Roll. Eva ist mit dem unbedarften, unpolitischen Versandhandelserben Jürgen Schoormann (Denis Grafe) verlobt.
Wie lange hält die Zivilisation stand?
Das Bühnenbild von Barbara Steiner ist so multi- wie hochfunktional, nicht um Schönheit bemüht. Ihre Kostüme lassen die Sechziger auferstehen. So sieht die Kulisse aus: links das Deutsche Haus innen, mit Einbauofen, aus dem zu Weihnachten eine dampfende Gans gezogen wird. Ein schlichtes Podest mit Mikrofon und Aktenstapeln, die Staatsanwaltschaft rechts. Von Band eingespielt werden ergreifende Originaltonaufnahmen aus dem Prozess. Wie tiefgreifend ist die Zivilisation, wenn der Rechtsstaat ständig auf der Kippe steht? Die Fragen, die direkt und indirekt aufkommen, haben es in sich.
Gute Laune im Deutschen Haus: Familie Bruhns feiertVom industriellen Massenmord an den Juden, vom Genozid, von den Folterungen der Gefangenen durch Nazi-Ärzte wie Josef Mengele zu erfahren, der unter dem Namen „Todesengel von Auschwitz“ bekannt ist, bringt Eva fast um den Verstand. Zu Hause, wo sie doch eigentlich davon hätte erfahren sollen, schließlich war ihr Vater, wie sich herausstellt, als fanatisches Mitglied der SS Lagerkoch, will niemand etwas davon hören. Aktueller könnte die Premiere am Thalia Theater in dieser Hinsicht auch nicht sein. In der vergangenen Woche hat der Schweizer Nachrichtendienst geheime Akten zu Josef Mengele veröffentlicht (WELT berichtete).
Das Jahrzehnt der Emanzipation
Im Stück will Evas Verlobter ihr untersagen, weiterzuarbeiten, sie ins Heim zwingen, an den Herd. Sie hört nicht auf ihn, das ist der Anfang vom Ende ihrer Beziehung. Später lernt Eva den jüdischen Ankläger David Miller (Jeremy Mockridge) aus Kanada kennen, der unter Überlebensschuld leidet, einen ermordeten Bruder erfindet. Allmählich korrigiert Miller seine Vorurteile über das „deutsche Fräulein“ – die beiden kommen sich näher. Evas Schwester will die Gräueltaten der Nazis nicht wahrhaben und würgt lieber weiter im Krankenhaus junge Patienten, um sie anschließend erfolgreich wiederzubeleben. Sie braucht dieses Gefühl, wie sie ihrer Mutter gesteht.
Das erdrückende familiäre wie gesellschaftliche Schweigen und Leugnen ist so beängstigend, da kann man schon mal fast wahnsinnig werden. Fischer-Benson spielt das sehr stark, glaubwürdig hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch einerseits, ihren Eltern und Jürgen alles recht zu machen und andererseits der Wirklichkeit von Auschwitz gerecht zu werden, sie aufzuarbeiten. Beides lässt sich offenbar nicht unter einen Hut bringen.
Der Prozess der Aufarbeitung dauert an
Sandra Flubacher, die unbeirrbare, souveräne Erzählerin des Stückes, hat auch dafür Verständnis. Lisa-Maria Sommerfeld ist als Annegret eine wunderbare verzweifelt hasserfüllte kleine Schwester, wie aus dem wirklichen Leben. Julia Nachtmann als Mutter Bruhns und Tim Porath als Vater bleiben entschieden unnahbar, lassen sich nicht in die eigenen Karten blicken, in denen das gescheiterte Projekt eines unschuldigen Lebens verzeichnet steht.
Der Abend öffnet den Blick für aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen im wiedervereinigten Deutschland, auf unterschiedliche Phasen und Intensitäten der Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland in West und Ost, mit einem anhaltenden Prozess, der längst nicht abgeschlossen ist. Sie öffnet den Blick auch für den Umgang mit eigener Schuld in Diktaturen, auf Verdrängung, auf Ursachen von Rassismus und Faschismus. Und er erweitert das historische Verständnis.
„Die Vegetarierin“ im Thalia in der Gaußstraße
Nicht weniger beeindruckend war auf völlig andere Art die Premiere von „Die Vegetarierin“ nach dem Roman von Han Kang in der Übersetzung aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Li im Thalia in der Gaußstraße. Regisseurin Lilja Rupprecht wagt viel in ihrer Inszenierung – und das meiste gelingt auch ihr. Nachgezeichnet wird an diesem unter die Haut gehenden Theaterabend der Weg der Protagonistin Yeong-hye, die einer schweren Krankheit zum Opfer fällt. Was mit der Entscheidung für eine vegetarische Ernährung beginnt, endet in Anorexie, an der Yeong-hye schließlich stirbt.
Das Verhungern, das Verweigern der Nahrungsaufnahme durch das Opfer, ist dabei der schweren psychischen Erkrankung geschuldet und kein Selbstmord aus freiem Willen, auch wenn es von außen so scheint, als wäre die Entscheidung zum Essen stets möglich. Wie sehr aber gesellschaftliche Gründe mit in die Störung hineinspielen, als Auslöser fungieren, macht Rupprecht durch Abstraktion klar. Yeong-hye wird zunächst zum Opfer, bevor sie sich selbst opfert.
Von der „durchschnittlichen Frau“ zur kranken Person
Zu Beginn des Stückes erzählt ihr Ehemann, was er von Anfang an für verrückt hält: Nach einem Traum, in dem ihr der Weg gewiesen wird, entscheidet sich seine aus seiner Sicht angenehm „durchschnittliche Frau“, kein Fleisch mehr zu essen. Bei derart mangelnder Empathie ist der Bestand der Ehe nur noch eine Frage der Zeit. Eine Essstörung ergreift Yeong-hye mehr und mehr.
Es spielen zunächst mit wechselnden Rollen: Patrick Bimazubute (hauptsächlich der verständnislose Gatte), Bernd Grawert, Jannik Hinsch und Caroline Junghans (mit Maske als nahezu gesichtslose Yeong-hye). Mal einzeln auftretend, dann wieder als soziale Einheit, als Druck ausübende Gemeinschaft, auf der Bühne nimmt eine aufgeblasene Plane mehr und mehr Raum ein, schluckt die Personen, die hindurch taumeln, hineinstolpern, und spuckt sie wieder aus, wenn der Druck nachlässt. Erst nach und nach gewinnt der Raum wieder an Kontur.
Überwältigender Schlussmonolog von Caroline Junghans
Monstergroße Projektionen von Fleisch, das auch sonst – in Gestalt von Fleischbrocken – auf der Bühne auftaucht, nehmen die Bühnen in Besitz. Das Musikkonzept von Romain Frequency unterstützt das Geschehen streckenweise, immer wieder aber wird es etwas zu großartig, übernimmt und stört das Schauspiel empfindlich. Zwei, drei eingespielte Songs kosten allesamt Zeit und liefern keinen Mehrwert, einer wird zur Umbaumusik, aber wohl mehr aus Hilflosigkeit als mit Absicht, da kommt der ganze Abend etwas ins Stolpern.
In-hye, Yeong-hyes Schwester (Caroline Junghanns), bei ihrem halbstündigen MonologDer 30-minütige Schlussmonolog von Caroline Junghanns als Schwester, die Yeong-hye im Krankenhaus beim Sterben begleitet, ihre Antworten mitspricht – für Minuten begleitet von einem großartigen, erbärmlich hilflosen Ärzteballett – entschädigt für die Irritationen und rettet den zuvor mitunter etwas zu bombastisch gehaltenen Abend. Dieser Abschluss geht unter die Haut – auf der Bühne, wie in Yeong-hyes Leben.
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