Mitten im Gewusel des Erfurter Hauptbahnhofs hält Gabriele Stötzer Ausschau. Leicht breitbeinig überblickt die 73-Jährige das Kommen und Gehen. Durch ihre konzentrierte Haltung fällt sie schon von Weitem auf. Dann ein überraschend leichter Händedruck. „Wir gehen erstmal in den Knast“, sagt sie trocken. Man folgt, so wie das ständig ist, wenn sie etwas vorschlägt.
Der Knast: Das ist die heutige Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Hier, unweit des Erfurter Doms, sperrte zu DDR-Zeiten das Ministerium für Staatssicherheit seine Untersuchungshäftlinge ein. Auch Stötzer, weil sie und ein Freund Unterschriften gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns gesammelt hatten. Zuvor schon war die Lehramtsstudentin für Deutsch und Kunst von der Uni geflogen, weil sie sich mit einem zwangsexmatrikulierten Kommilitonen solidarisch gezeigt hatte. Fünf Monate saß sie in der Andreasstraße ein, bevor sie im Sommer 1977 weitere sieben Monate ins Frauengefängnis Hoheneck kam. „Haft“, steht heute auf dem Boden der Gedenkstätte, daneben ein Pfeil, an einer anderen Stelle: „Diktatur“.
Stötzer flitzt routiniert durch die Stockwerke, erklärt, dass sie und ihre Mitstreiterinnen einst die Zellen-Stahltüren retteten, „die lagen schon auf dem Müll“, und klopft spontan an die Bürotür des Leiters der Gedenkstätte, Jochen Voit. Der lacht, offenbar taucht „Gabi“ öfter mal unangemeldet auf. Das Büro besteht aus zwei ehemaligen Zellen. Darin stapeln sich Kunstbücher, an den Wänden hängen Plakate, auf einem steht: „Hitler muss weg“, schräg darüber ein betender John F. Kennedy. Die Septembersonne glitzert durch die Fensterbögen, als wäre hier noch nie etwas anderes zu Hause gewesen als die Gedankenfreiheit.
Am 4. Dezember 1989 verschaffte sich Stötzer zusammen mit vier weiteren Frauen in einer klug orchestrierten Aktion Zutritt zur Erfurter Stasizentrale. Sie konnten so die Vernichtung der Akten stoppen. Es war die erste Besetzung einer Stasi‑Behörde überhaupt, andere Städte wie Rostock oder Berlin folgten. „Wir waren in Rostock nicht so mutig wie Sie in Erfurt“, sagte 2013 Joachim Gauck, als er Stötzer das Bundesverdienstkreuz verlieh. Dass im Moment ein Hype um sie ausgebrochen ist und Museen und Sammler weltweit ihre Werke kaufen, hat viel damit zu tun, dass sie über Grenzen geht, wie sie selbst sagt – auch über Schmerzgrenzen. Und wieder und wieder Räume betritt, bis es nicht mehr wehtut.
Doch es hat sich etwas geändert in der Stötzer-Rezeption. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun vor allem auf ihre als frisch und gegenwärtig empfundene Kunst: wilde Super-8-Filme aus den 1980ern, in denen Frauen ihre Träume und Albträume als Performances gestalteten, Modenschauen in selbstgemachten Kostümen aus Coladosen, Metallgestängen oder Zeitungen, Aktfoto-Skulpturen, Selbstporträts, übermalte und überschriebene Fotos und Künstlerbücher. Radikal Individuelles, das den Kunstvorgaben des SED-Staats zuwiderlief und zuwider war.
Erstes Stockhausen-Konzert in der DDR
Wie erklärt sie sich den aktuellen Boom? So etwas passiert ja nicht einfach so, oder? „Doch, es passiert einfach. Das kann man nicht steuern.“ Während wir durch die pittoreske Altstadt laufen, von der ein Großteil nur noch steht, weil Stötzer und andere Erfurterinnen und Erfurter den Abriss verhinderten, klingelt immer wieder ihr Telefon. Dann knurrt sie, dass wieder jemand wolle, „dass ich irgendwas mache, entweder über Frauen in der DDR oder über Sichtbarmachung unsichtbarer Frauen in der DDR. Ich sage dann: Ich bin nicht unsichtbar. Jetzt nicht mehr.“ Ein Radfahrer grüßt im Vorbeifahren, ein anderer bleibt stehen, erkennt sie vom Auftritt in Weimar am Abend zuvor. Sie nutzt die Gelegenheit, für die Ausstellung im Kunsthaus zu werben. Das gründeten 1990 die Frauen von Stötzers „Künstlerinnengruppe Erfurt“ (auch „Exterra XX“) im damals noch maroden Gebäude.
Stötzer hat uns auch hier nicht angekündigt, aber die Leiterin, Mitbegründerin und langjährige Weggefährtin Monique Förster, gibt uns eine spontane Führung. In einem der Super-8-Filme über „Frauenträume“ gleitet Stötzers Kamera über eine Frau mit drei Brüsten. Es wirkt wie ein kultisches Ritual. Nacktheit ist für Stötzer nie bloße Provokation, sondern künstlerisches Mittel, um der Wahrheit nahezukommen. Die kann auf allen Oberflächen sichtbar werden. Wer an diesem Tag auf Stötzers Hintern schaut, und das darf und soll man, den blickt von jeder Gesäßtasche ein großes, waches Auge an. Handbemalt: Stötzer trägt Stötzer. Dazu eine Jacke in Schlangenleder-Optik. Ihr chinesisches Sternzeichen ist die Schlange. So ein Wesen häutet sich, kommt mit Wenigem aus und kann Größeres bewältigen als die allermeisten.
Gabriele Stötzer in ihrer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in BerlinWie den Kraftakt, ihre Stasiakten und die von 32 anderen Menschen aus der damaligen Erfurter Kunstszene zu lesen und zum sachlichen Forschungsbericht „Der lange Arm der Stasi“ (Spector Books) zusammenzutragen. Darin kann man das Geflecht von Zersetzungsmaßnahmen gegen sie und andere nachvollziehen. Stötzers „Galerie im Flur“ etwa, wo 1981 erstmals in der DDR ein Konzert von Karlheinz Stockhausen veranstaltet wurde, hat die Stasi verboten; ebenso „Pleinairs“ mit ihren Freundinnen im 80 Kilometer entfernten Eichsfeld. Ihr freier Kunstbegriff hatte nichts gemein mit der Staatslinie. Deshalb bringt sie auch heute noch das Label „DDR-Künstlerin“ auf die Palme.
Auf dem Weg zum Café Hilge, nur ein paar Schritte von Domplatz und Gedenkstätte entfernt: Gefällt ihr Erfurt heute besser als früher? „Ja“, sagt sie, „ich mag Veränderung.“ Was jetzt als selbstverständlich empfunden werde, sei auch vergänglich. „Viele denken, dass es so bleibt, das ist aber nicht so. Ich habe keine Angst vor dieser Veränderung. Das Vergangene hat uns doch etwas gelehrt: sich nicht an etwas zu hängen.“ Das würden diejenigen verkennen, „die die DDR heute so toll finden“. Es gebe bestimmt irgendwann mal auch eine Generation, „die sagt: Weißt du noch, wie schön das damals bei McDonald‘s war?“
„Basteiromane“ in der Wäsche
Stötzer holt ihren Zeichenblock heraus, den sie immer dabei hat, weil Zeichnen sie „ruhig und glücklich“ macht. Auf einem Blatt steht: „ES wird sein & ist weiblich.“ Lange sitzen wir nicht. „Jetzt fahren wir nach Emleben“, sagt sie. Ihr Geburtsort liegt unweit von Gotha, eine halbe Autostunde von Erfurt entfernt. Stötzer parkt direkt vor einem Fachwerkhäuschen, ihrem Elternhaus. In den vergangenen Jahren starben binnen kurzer Zeit ihre drei Geschwister, ihre Mutter und ihr Partner: „eine unwahrscheinlich schwere Zeit“.
Es stand die Frage im Raum, was mit dem Haus geschehen solle. Um Verwandte ausbezahlen zu können, fehlte das Geld. Bis sie 2024 in Bremen mit dem Pauli-Preis ausgezeichnet wurde, 30.000 Euro, die richtige Summe zur richtigen Zeit. Im Elternhaus entsteht jetzt ihr erstes Atelier. Wir klettern die enge Wendeltreppe hinauf. „Genau hier“, sie stellt sich leicht wippend in die Zimmerecke, als wollte sie ihr Hierhergekommensein noch einmal unterstreichen, „wurde ich geboren“.
Ihre Mutter war Buchhalterin, ihr Vater Werkzeugmacher, einfache Verhältnisse, es gab kaum Bücher. Dafür „Basteiromane“: „Wo die Unterwäsche war, da fand ich immer die Basteiromane, die die Frauen im Dorf untereinander getauscht haben. Mit denen bin ich groß geworden.“ Im Garten machte sie als Kind erste Modenschauen und schockte die Erwachsenen damit, Künstlerin werden zu wollen. „Das war natürlich das Schlimmste: brotlose Kunst.“ Nebenan im großen Zimmer steht im Winkel eine Toilettenschüssel aus Meißner Porzellan, bunt bemalt mit freundlichen Augen und Mund. „Die Handwerker haben sich gewundert, dass ich keine Wände um die Toilette haben will. Diese Scham habe ich ja nicht, seit dem Knast.“
Eigentlich wollte sie noch zu einer tausendjährigen Eiche, die sie immer besuche, wenn sie einen Wunsch habe. Doch es regnet wie aus Eimern. Also zurück nach Erfurt, in ihre Wohnung. Es ist fast die gleiche Adresse wie auf den Observierungsfotos der Stasi, im Blechbüchsenviertel im Norden der Stadt. „All die IMs und offiziellen Mitarbeiter haben bis heute keinen Namen und kein Gesicht“, schreibt sie in „Der lange Arm der Stasi“. „Sie sind geräuschlos aus der Rolle des Täters in die des Opfers geschlüpft.“
Befürchtet sie eine neue Diktatur? „Nein“, sagt sie. „Wer sich heute nach autoritärer Macht sehnt, das sind meist die Feigen und Bequemen von damals und deren Kinder. Diejenigen, die schon in der DDR keine Verantwortung übernehmen wollten“. Und was tun, damit es nicht wieder so weit kommt? „Keine Angst haben. Angst ist die Gefährtin des Bösen.“
In ihrer kleinen Küche entstehen gerade zwei wandhohe Wesen. Eine fast fertige Sphinx rechts und eine erst angedeutete links, geknüpft aus Original-Schafwolle aus den 1980ern auf alten Fischernetzen, mit weichen Farbverläufen und Brüsten aus Keramik. Daneben Familienfotos. Warum die Sphinx? „Weil ich denke, jetzt wird es Zeit, die richtigen Fragen zu stellen, dann kriegst du auch die richtigen Antworten.“
Vita
Gabriele Stötzer, 1953 in Emleben in Thüringen geboren, wurde 1977 wegen Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns inhaftiert.
Die Schriftstellerin und Künstlerin wird in diesem Herbst mit dem Goslarer Kaiserring geehrt, einem der weltweit bedeutendsten Kunstpreise. Schon im August verkündete Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, dass Stötzer das „Johanna und Eduard Arnhold-Stipendium“ der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo erhält.
Noch bis zum 6. Dezember zeigt der Berliner Gropius Bau mit „Dabei sein und nicht schweigen“ die erste Einzelschau einer ostdeutschen Künstlerin in diesem Haus.
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