Kaum ein Kandinsky-Gemälde besitzt eine so bewegte Biografie wie „Das bunte Leben“. Das Werk, das jahrzehntelang im Museum Lenbachhaus in München hing und erst im Jahr 2023 an die Erben seiner früheren jüdischen Eigentümer restituiert wurde, kommt nun beim Auktionshaus Christie’s in London unter den Hammer.

1907 stellte der russische Maler Wassily Kandinsky „Das bunte Leben“, eine 130 mal 163 Zentimeter messende Leinwand, die bis zu dem Zeitpunkt größte des Künstlers, frisch von der Staffelei, im Pariser „Salon d’automne“ aus. Zwei Jahre zuvor hatte der Künstler München den Rücken gekehrt und war rastlos durch Europa und Nordafrika gereist, begleitet von seiner damaligen Partnerin, der Malerin Gabriele Münter. In den Niederlanden, in Tunis, in seinen Heimatorten Moskau und Odessa, in Venedig und schließlich in Paris suchte Kandinsky nach frischen Inspirationen.

Er setzte sich mit aktuellen Stilen wie Neo-Impressionismus, Pointillismus und Art Nouveau auseinander. In seinem ambitionierten Gemälde jedoch beschwört er die Folklore, die Vision des alten Russlands. Mit halluzinatorisch glühenden Farben vor einem dunklen Hintergrund komponierte er mit Tempera und Gouache ein vielfältiges Mosaik. Man erkennt Pilger, Popen, Adlige und Bauern. Das Bild spannt einen Bogen vom Beginn des Lebens mit Mutter und Kind bis zum Ende auf dem Friedhof.

Wassily Kandinsky, „Das bunte Leben“, 1907

Im Jahr 1927 kauften der jüdische Nähmaschinenfabrikant Emanuel Lewenstein und seine Frau Hedwig Lewenstein-Weyermann aus Amsterdam das Werk für 900 Gulden. Seit den 1930er-Jahren war „Das bunte Leben“ dem Amsterdamer Stedelijk-Museum anvertraut. 1940 wurde es unter Verfolgungsdruck der Nationalsozialisten versteigert und von dem jüdischen Sammler Salomon Snijper für 250 Gulden erworben.

Zunächst verblieb es im Stedelijk-Museum, womöglich, um den Eigentümer und sein Bild zu schützen. Später kam die Leinwand als Leihgabe ins Gemeentemuseum in Den Haag. Nach Salomon Snijpers Tod verkaufte seine Witwe das Gemälde im Jahr 1972 für 900.000 Gulden an die Bayerische Landesbank. Die Bankgesellschaft erwarb es „in gutem Glauben“ und ohne eine intensivere Provenienzforschung vorzunehmen, eine Praxis, die erst viel später üblich wurde. Als Dauerleihgabe konnte sich seitdem das Publikum im Münchener Lenbachhaus am Kandinsky-Bild erfreuen.

Vergeblich forderten die Erben der Lewenstein-Familie seit 2015 die Rückgabe dieses Bildes, das von ihnen als „Raubgut“ erklärt worden war. In die Öffentlichkeit geriet der Fall 2017 durch den kanadischen Kunstdetektiv James Palmer, Gründer der Mondex Corporation, die sich für die Restitution von NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunst einsetzt. Als Berater der Geschwister Robert und Wilhelmine Lewenstein machte er ihre Auseinandersetzung mit der Bayerischen Landesbank in internationalen Medien publik. Bei ihrem Antrag auf Herausgabe vor einem New Yorker Distriktgericht wurde sogar die Summe von 80 Millionen Dollar gefordert, um das Werk dem Lenbachhaus zu überlassen.

2023 gab es eine Einigung: Der Kandinsky wurde schließlich den Erben zugesprochen – auch auf Empfehlung der damals für die Vermittlung von Restitutionsanfragen an öffentliche Institutionen zuständigen Beratenden „Limbach“-Kommission.

Am 15. Oktober kommt „Das bunte Leben“ bei Christie’s in London zur Versteigerung. Mit der Schätzung von „über 30 Millionen Dollar“ orientiert sich das Auktionshaus an den drei bislang höchsten Auktionsergebnissen, die für Werke von Wassily Kandinsky erzielt wurden. Der Rekord wurde 2023 erreicht: 44,9 Millionen Dollar zahlte der erfolgreiche Bieter bei Sotheby’s in London für das ebenfalls restituierte Gemälde „Murnau mit Kirche II“ von 1910.

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