„Wenn ich groß bin, werd’ ich Polizist“, sagt der Mann, dessen Hirn der stockende Motor von „König in Gelb“ ist, dem neuen Fall für Charlotte Lindholm, Maria Furtwänglers Hannoveraner LKA‑Kommissarin. Mit ihm geht der „Tatort“ in seine neue Saison. Eben hat dieser Matthias Vogel noch über Signalverhalten doziert und darüber, dass einer der Morde, die er verzweifelt aufzuklären versucht, sexuell konnotiert ist. Dann zieht er die Waffe und zielt auf Charlotte, die er immer mal wieder „Karotte“ nennt.
Matthias Vogel muss Polizist nicht mehr werden, er ist einer. War einer, besser gesagt. Verantwortlich für Cold Cases beim LKA. Dass er das mal war, aber nicht mehr ist, dass ihn die ehemaligen Kollegen inzwischen Psychotiker nennen, vergisst Vogel immer wieder mal. Jeden Tag geht ihm etwas verloren aus seinem Gedächtnis. Er ist dement. Das weiß er. Das macht ihn schier wahnsinnig.
Matthias Vogel läuft die Zeit davon. Der Ermittler, dem bei lebendigem Geist allmählich alles abhandenkommt, was einen Ermittler zum Ermittler macht, muss den König noch erledigen. Der König wird sein letzter Fall. Gustav König, Musikpädagoge, Komponist von furchtbar verschmockter Spätromantik (die einen Großteil des „Tatort“-Scores ausmacht) und – das glaubt allerdings eigentlich nur Vogel – ein siebenfacher Mörder. Ein Mann, der seine Opfer – häufig Hilflose, Abhängige, manchmal Kinder – mit irgendwas Gelbem geschmückt und dann geradezu hingemetzelt hat.
Wie eine Statue sitzt der König inzwischen im Demenzdorf. Er sagt beinahe nichts (ganze drei Sätze hat Thomas Thieme, der Gustav König ist in „König in Gelb“, von Alexander Adolph, der für Buch und Regie verantwortlich war, zu sprechen). Nur wenn gesungen wird – „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen“ zum Beispiel –, taucht er auf aus dem Nichts, das ihm von seinem Ich geblieben ist.
Wallander verschwindet im Vergessen
Seniorenresidenzen sind – möglicherweise auch eine Folge der Überalterung der Gesellschaft – längst Hotspots des Detektivromangewerbes geworden. Spätestens seit Richard Osman in seinem global bestsellenden (und mit Helen Mirren und Pierce Brosnan verfilmten) „Donnerstagsmordclub“ geistig rüstige, finanziell potente Alte auf Mörderjagd schickt.
Und was eine Krankheit, die Gedankenketten kappt, aus einem Menschen macht, dessen Beruf es eigentlich ist, Verbindungen zu finden, das ist, seit Henning Mankell seinen Kommissar Wallander in die geistige Auflösung entließ, ein roter Faden der Krimi-Geschichte. In „Das Vergessen“, dem finsteren ARD-Sechsteiler von Daniel Geronimo Prohaska, teilt ab Ende Oktober 2026 Julia Koschitz als österreichische Dorfpolizistin Matthias Vogels Schicksal.
Alles beginnt eigentlich ganz niedlich. Mit einem schnuppernden Kaninchen. Und einer Leiche im Regen. Frau Springer ist tot. Die war eine Wohltäterin, millionenschwer. Sie hat das Demenzdorf gegründet. Demenzdörfer sind – zumindest in den Niederlanden und Großbritannien – gar nicht selten. Abgeschlossene Wohnanlagen, in denen sich geistig verflüchtigenden Menschen ein Alltag simuliert wird, den sie im wirklichen Leben ohne dauerhafte Aufsicht nicht mehr gefahrlos bewältigen könnten, mit Friseursalon, Restaurants, verkehrsbefreiten Straßen.
Das niedersächsische Demenzdorf beim (fiktiven) Kleinhude sollte – so hat es jedenfalls Frau Springers Neffe geplant – Nukleus für etwas ganz Großes werden – eine Demenzdorfkette oder so. Diesen Strang der Geschichte – mit verschwundenen Pflegedienstkräften, einer klandestinen Demenzdorfdirektorin und dem undurchsichtigen Neffen – hätte sich Alexander Adolph, der für Buch und Regie des 33. Lindholm-„Tatorts“ verantwortlich zeichnet, gern sparen können. Weil man es als Zeichen dafür deuten könnte, dass er seinem eigentlichen Thema dann doch nicht getraut hat.
Was er gar nicht gemusst hätte. Adolph macht nämlich alle Fehler, die sonst gern mit Demenz-Fällen im Sonntagabendkrimi gemacht werden, gerade nicht. Demenz dient in „König in Gelb“ nicht nur als dünnes Schmiermittel für die Mechanik einer durchschnittlichen (Gesellschafts-)Kriminalgeschichte, die mit einem ganz anderen thematischen Getriebeöl genauso funktionieren würde.
Demenz wuchert durch die Geschichte
Seine Figuren, gerade auch die im Demenzdorf, an denen „König in Gelb“ nur mal eben vorbeihuscht, missbraucht Adolph nicht zur Ablenkung oder Dekoration, er lässt ihnen ihre Würde und selbst ihren Witz. Adolph lässt Demenz – ihre Phänomene und Folgen, die Ängste, die sie auslöst – durch die ganze Geschichte wuchern.
„Wenn mir das mal passiert“, sagt Charlotte Lindholms Mutter (die – das gibt „König in Gelb“ eine ganz besondere Tiefe – gespielt wird von Maria Furtwänglers Mutter), „erschieß mich einfach.“ Vogels Schicksal verfolgt sie zunehmend in ihren Träumen, wie Vogel sie in ihrem Alltag verfolgt. Es dringt so tief ein in Lindholms Wesen, dass sie anfängt, eine Paranoia zu entwickeln, die Vogels Wahn nicht unähnlich ist.
Ihre Augen, die Adolph gern in Großaufnahme zeigt, beginnen genauso zu flackern wie die ihres Kollegen. Das alles – zusammen mit der Ruhe, mit der Adolph erzählt, mit der erfolgreichen Vermeidung von allem Spekulativen und Spektakulären – macht „König in Gelb“ schon zum wahrscheinlich stärksten aller Lindholm-Filme.
Aber da ist ja auch noch Andreas Lust. Der ist sowieso ein Großmeister der verhuschten Figuren, der Charakterverwischungen, ein eleganter Equilibrist auf dem schmalen Seil zwischen Verzweiflung und Hoffnung, Brutalität und Zartheit. Seinen Matthias Vogel wird er nicht mehr los. Diesen Kerl, der sich ständig verläuft im zerbröselnden Grundriss seiner Persönlichkeit. Lust lässt alles leuchten, die – ja tatsächlich – Poesie des dementen Daseins, den Schrecken über die eigene Unsteuerbarkeit, über die Einsamkeit.
Man lacht mit ihm, wenn er „Wixipedia“ sagt, schmunzelt, wenn er ständig „Ich sag’s, wie’s ist“ sagt, wo er natürlich häufig gar keine Ahnung hat, wie es wirklich ist. Steht staunend vor der Wand mit Bildern und Post-its, mit der er eine Ordnung schaffen will in seiner Ermittlung, die er im Leben längst verloren hat. Andreas Lust sollte alle Fernsehpreise bekommen, die er noch nicht hat.
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