Vor zehn Jahren starb der Schauspieler und Sänger Manfred Krug (1937–2016). Seine Tagebücher, die der Kanon Verlag seit Jahren publiziert, sind posthume Bestseller. Am 17. September 2026 erscheint der vierte Band „Ich habe nicht viel erwartet. Tagebücher 2002–2004“ (Hg. von Krista Maria Schädlich. Kanon Verlag, 288 Seiten, 24 Euro). Nachstehend veröffentlichen wir Auszüge.

Di 1.1.2002

Ab heute gilt der Euro, die D-Mark hat ausgedient. Ich erwarte nichts Gutes.

So 10.3.2002

Abends mit Otti vorsichtig und erstmalig richtig über ihre Schwerhörigkeit gesprochen. Das ist schiefgegangen. Sie sei nicht schwerhörig. Wie ich denn darauf käme. Nein, sie wolle weder zum Arzt noch zum Hörgerätespezialisten. Das hatte ich ihr empfohlen. Einfach mal einen Check zu machen und zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Es fällt mir nämlich auf, daß ich immer seltener mit ihr vor dem Fernseher sitze, weil es mir einfach zu laut ist. Obwohl ich selbst schon einen gewissen Grad an Schwerhörigkeit erreicht habe, was ich mir vor fünf Jahren von einer Spezialistin habe bescheinigen lassen.

Do 11.4.2002

Aus Verzweiflung an einer Tankstelle die „Super-Illu“ gekauft und einen Artikel über Harald Juhnke und sein Leben in der Klapsmühle gelesen. Und die trostlosen Fotos dazu. Und die eklig schleimige Schreibe von dem Journalisten. Gott, verschone mich vor dem Schicksal.

15.00 Uhr nach Jena gefahren (96 km). Dort im fast ausverkauften Volkshaus eine sehr schöne Vorstellung gemacht. Alle waren zufrieden, auch das Publikum, das trotz seiner Armut viele Bücher und Platten gekauft hat. Wie so oft war das Postkartenbuch „Jureks Neuigkeiten“ bald ausverkauft. Ich lese jeden Abend daraus vor. Über die Postkarten lachen die Leute am meisten. Ich lese es Jurek (Becker, Anm. d. Red.) zu Ehren, aber auch saugut. Und man kann Texte nur gut lesen, wenn sie gut geschrieben sind.

Di 16.4.2002

Heute kam ein Fax bei mir an:

„15.4.2002 Absender: ‚Bild‘ / ‚Bild am Sonntag‘

Sehr geehrter Herr Krug,

‚Das Neue Blatt‘ berichtet in seiner morgigen Ausgabe über ein uneheliches Kind, das Sie mit der Schauspielerin Petra D. haben sollen. Dies hat uns Ihr Bruder Roger in einem Telefongespräch bestätigt.

1. Haben Sie regelmäßigen Kontakt zu Ihrer Tochter Marlene?

2. Wie hat Ihre Familie und insbesondere Ihre Ehefrau auf den Nachwuchs reagiert?

3. Sind die Unterhaltsfragen geklärt?

4. Wie steht es um Ihre Ehe?

Rufen Sie mich doch bitte unter 040/3472… zurück.

Herzliche Grüße und vorab vielen Dank für Ihre Mühe,

Axel Springer Verlag AG“

Darauf habe ich nach Rücksprache mit Otti folgendes Fax an die „Bild“-Zeitung gesendet:

Sehr geehrte Damen und Herren von der „Bild“-Zeitung,

1.) Ja, selbstverständlich. Es ist doch mein leibliches Kind. Warum sollte ich zu ihm keinen Kontakt haben und pflegen? Alle Kinder kommen letztlich von Gott. Meine Frau Otti und ich haben alle Kinder lieb, eheliche wie uneheliche.

2.) Nach kurzer Irritation sehr positiv. Wir freuen uns, daß die kleine Marlene altersmäßig zu unseren Enkeln paßt und mit ihnen so schön zusammen spielt.

3.) Ja. Vom ersten Tag an. Zu aller Beteiligten Zufriedenheit.

4.) Wie seit 40 Jahren. Sie ist harmonisch und liebevoll. Was glauben Sie, wie viele uneheliche Kinder es auf der Welt gibt, deren Dasein nichts am Fortbestehen irgendwelcher Ehen geändert hat.

Bitte schön. Gern geschehen.

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Krug, Ottilie Krug

Mi 1.5.2002

Abends im Ersten „Lola rennt“ gesehen. Ist ja ’n dolles Ding. Da hat sich einer was ausgedacht. Fürs Leben lernen kann man nicht viel. Erinnerungen an Matzerath, „Rashomon“ usw. steigen auf. Wie haben die bloß die Straßen so leer gekricht? Sie werden vieles am frühen Morgen gedreht haben usw. Franka Potente und Moritz Bleibtreu sehr gut.

Zufällig zappe ich durch und stoße im ORB auf „Spur der Steine“. Immer noch und immer wieder ein interessanter Film. Ein Schluck aus der DDR-Pulle. Im „Gong“ wird aus dem Fischer Filmalmanach nur der Satz zitiert: „Ein Meilenstein der DDR Filmgeschichte“. Na bitte.

Sa 15.6.2002

Brief von Angela Merkel: Sie will auf Rügen eine „Volkswanderung“ machen und fragt, ob ich mitwandern würde; die Rügener hätten angeblich danach gefragt. Sage ich nett ab.

Frei 26.7.2002

(…) Der Grüne Cem Özdemir tritt als Fraktionssprecher zurück, weil er Bonusmeilen privat verflogen hat.

Mi 31.7.2002

(…) Gysi tritt als Kultursenator in Berlin zurück, weil er auf Steuerzahlers Kosten ergatterte Bonusmeilen privat verflogen hat. Das sei ein Fehler gewesen, den er sich nicht verzeihen könne … Ganove.

Sa 18.1.2003

Ein drängender Brief von der Duisburger Prinzengarde ist gekommen: Ich solle unbedingt am „Herrenessen“ im „Duisburger Hof“ teilnehmen. Das steigt um 12.00 Uhr mittags am 15.2.2003 und da sollen einige Neu-Narren aufgenommen werden, darunter der CDU-Politiker Friedrich Merz. Na, das fehlt mir gerade noch. Ich schicke der Prinzengarde eine Spende über 2.000 Euro und hoffe, mich so endgültig loskaufen zu können.

Mi 26.3.2003

Der polnische Papst gewinnt wieder Kräfte. Er dürfte der erste Papst sein, der glaubwürdig den Krieg verabscheut. Ich bin zum ersten Mal froh, unter einem deutschen Kanzler zu leben, der NEIN zu diesem dreckigen Ölkrieg der Amerikaner und Briten gesagt hat, und zwar von vornherein. Nachts keine große Arbeitslust. Immer wieder vom Irak-Krieg im Fernsehen abgelenkt und mich über die anhaltenden Sandstürme gefreut.

Mo 4.8.2003

Die Verlegerin will es schaffen, bis zum 4. September die Auslieferung von MSL (Krugs Memoiren „Mein schönes Leben“, Anm. d. Red.) in allen deutschen Buchhandlungen zu erreichen

So 28.9.2003

Im ARD-„Presseclub“ läuft die Sendung zum Thema Kopftuch im Staatsdienst oder nicht. Ich bin völlig auf der Seite von Alice Schwarzer, die den islamischen Kampflappen nicht will und die das Urteil wischi-waschi findet. Die Menschen sollten auf der Hut bleiben, daß nicht irgendwelche brutalen Fanatiker sich in die Idee vernarren, die Weltherrschaft zu erringen. Mögen das nun Religionen oder Diktatoren oder amerikanische Präsidenten sein.

Di 7.10.2003

17.40 Uhr Abflug mit Otti und der Schädlich von Tegel nach Frankfurt zur Buchmesse. Dort der getreue Hübenthal, der uns in das wuselige, überfüllte Hotel Hessischer Hof („Häßlicher Hof“) bringt. Muffig, vornehm, teuer. Wir fahren in die Stadt und gehen ins Block House. Schnell, billig, lecker. Dann zurück ins Hotel, wo ich mit Otti ungewohnterweise im Ehebett schlafe. Das fällt mir mittlerweile schwer.

Mo 13.10.2003

Hübi faxte mir einen Brief von Denis Scheck. Der will einen kleinen Beitrag mit mir machen. Das betrachte ich als ein Ritterschläglein, denn der Scheck hat hohe Ansprüche. In seinem Fax folgende Passage: „… vor allem aber: Manfred Krugs Buch ist ein so not- und wohltuendes Antidot (Gegengift) zum grassierenden Prominenten-Schwachsinn, daß es binnen drei Wochen vielleicht auch auf zwei (TV-)Kanälen vorkommen darf.“ Ich rief ihn sofort an und sagte für den 21. Oktober zu.

Di 21.10.2003

Kaum war ich mit dem Faxen fertig, holte mich Denis Scheck ab. Wir fuhren mit dem Taxi nach Weißensee, wo ein Boxstudio bereits eingeleuchtet war. Dann kam ein langes Interview mit zwei heftig sich bewegenden Kameras, dann fiel mir ein Gag für einen Trailer ein: Scheck und ich mit Boxhandschuhen hauen uns gegenseitig auf die Kalotte. Sehr komisch. Scheck und seine Leute sind sehr sympathisch.

Sa 27.12.2003

Das wird heute wohl das letzte Konzert sein, das ich veranstalte. Erst gegen 8.00 Uhr bin ich am Morgen eingeschlafen, so aufgeregt war ich wegen des wohl letzten Konzerts. Hübis holten mich um 16.45 Uhr ab zur Philharmonie, wo ich fast alles mit den Musikern durchprobte. Das Konzert war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Ich drehte mich, wie beim letzten Mal, wieder dem ungünstig sitzenden Publikum zu. Etwa über tausend Leute waren da, und sie waren von Anfang an bestens gelaunt. Das Ganze dauerte zwei Stunden vierzig Minuten. Ich las nur aus dem neuen Buch. Otti sagte dann, es sei eines der allerschönsten Konzerte gewesen. Mag sein.

Mi 21.7.2004

In der Post ein knallharter Brief von dem neuen Chef des Ullstein-Verlages: Knapp 400.000 Exemplare von „Mein schönes Leben“ sind nur verkauft. Gegenüber der Vorauszahlung ist der Verlag in den Miesen. Bücherschreiben ist Mist. Das mache ich nicht mehr. Da muß man der Menschheit schon Sachen zu sagen haben, die man notfalls auch umsonst sagen würde.

Do 19.8.2004

Nachmittags zeigt mir ein fremder Mann an der Wohnungstür seinen Ausweis vom RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg), er sei berechtigt, im Auftrag der GEZ (Gebühreneinzugszentrale) als Mitarbeiter des RBB die Radio- und Fernsehgebühren einzuziehen und die Verhältnisse zu prüfen. Warum bei mir an der Wohnungstür das Namensschild KERBER zu finden sei. Ich erkläre ihm, daß ich mit Zweitnamen Kerber heiße, daß die Wohnungen beide mir und meiner Frau gehören, daß meine Frau und ich ein Ehepaar seien und damit in einem Haushalt zusammenleben. Ich sage ihm, daß es darüber bereits einen Briefwechsel gebe, den ich schon vor Jahr und Tag mit der GEZ geführt hätte, und daß seither Ruhe geherrscht habe.

Der Mann zieht ab, kommt aber nach etwa ein bis zwei Stunden wieder und erklärt, wenn die beiden Wohnungen nicht intern miteinander verbunden seien, dann handele es sich um eine Zweitwohnung, dann müsse ich das Fernsehen und das Radiohören doppelt bezahlen. Basta. Ich erkläre ihm, daß die kleine Wohnung ein Teil meiner Gesamtwohnung sei, daß ich dort ungestört Musik und Texte mache, Bänder abhöre usw., daß ich ansonsten mit meiner Frau in dem größeren Teil der Wohnung zusammenlebe. Ich gab zu, daß ich gleichwohl ein Radio als auch einen Fernseher in dem kleineren Wohnungsteil habe und nutze. Daß meine Frau noch als Lehrerin arbeite und daß ich sie, zum Beispiel beim Korrigieren, nicht durch Fernsehen belästigen wolle. Das sei gleichgültig, sagt der Mann, die Tatsache, daß die beiden Wohnungen nur durch getrennte Eingangstüren zu betreten seien, sei das Entscheidende. Allein damit sei RBB/GEZ berechtigt, nicht von einem Haushalt auszugehen, sondern von zweien.

Ich sagte, daß ich dies nicht glauben könne und daß ich mich weigere, die doppelte Zahlung zu akzeptieren, er solle mir seinen gesetzlichen Anspruch bitte schriftlich vortragen, damit ich eventuell einen Anwalt zur Überprüfung beiziehen kann. Es ist nicht wegen des Geldes. Mich kotzt dieses ganze Abstaubergesindel an, es ekelt mich einfach. Ich möchte diese Leute hinhalten und ärgern, so gut und so lange es geht.

Di 21.9.2004

„Früher oder später erfindet jeder eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Genial. Max Frisch.

Sa 25.9.2004

In der Post eine Einladung des RUNDFUNK BRANDENBURG. Ich soll mit Gregor Gysi und Erich Böhme (dem alten Sack, der jetzt ausgerechnet mit Angelika Unterlauf, der strammsten TV-Nachrichtensprecherin der DDR, verheiratet ist, weshalb er sie in diese Talk-Show mitbringen will) über den Abriß der Mauer sprechen: „15 Jahre Mauerfall – alles nur ein Mißverständnis?“. Das wird natürlich eine Absage.

Mi 29.9.2004

Zu meinem Entsetzen wiege ich heute 120 Kilo. Das geht nicht. Ich muß sofort die Notbremse ziehen.

Do 7.10.2004

Die Österreicherin Elfriede Jelinek, von der ich verdammt keine Zeile kenne, hat dies Jahr den Literatur-Nobelpreis bekommen. Ich sehe und höre sie im Fernsehen immer gern. Irgendwie geil, die Frau.

Di 12.10.2004

Nach 10.00 Uhr kam der Rohrleger. Ohne Werkzeug. Er wolle erst mal kucken, es gebe fünfzig verschiedene Fabrikate. Ob er denn den Brief nicht bekommen habe, den ich extra mit Foto der Wasseruhren an die Hausverwaltung geschickt hatte. Nein, den habe er nicht. Ich konnte ihn überreden, heute noch mal zu kommen und dann endlich die Uhren zu tauschen. DDR läßt grüßen. Die Verzonung des Westens ist unaufhaltsam. Aber auch schon vor der Wende ging es mit Deutschland abwärts. Deutschland ist stinkend faul.

Friedrich Merz (CDU) hat das Handtuch geworfen. Viele trauern ihm nach. Das Bundestagsmandat wird er behalten.

Sa 11.12.2004

Der Präsidentschaftsanwärter Juschtschenko ist während des Wahlkampfes Ende September vom Chef des ukrainischen Geheimdienstes zu einem Essen eingeladen und bei der Gelegenheit durch Dioxin, das dem Cremesüppchen beigemischt war, vergiftet worden. Überlebte aber mit Glück. Politiker. Putin, Kutschma und Konsorten.

Den Rest der Nacht im Ersten Boxen gesehen. Hauptkampf um circa 6.00 Uhr morgens: Vitali Klitschko gegen den britischen Boxer Danny Williams, der einige Monate zuvor den Mike Tyson besiegt hatte. Hier war er von der ersten Runde an eine Niete und ging in der achten k. o.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.