Im Internet ist es nichts Neues, dass Leute anderen Leuten dabei zuschauen, wie sie in Videospielen ihre Gegner zu blutigen Fleischklumpen verarbeiten oder ganze Reiche aufbauen und zerstören. Im Theater kennt man das so nicht. Oder doch? Am Wiener Volkstheater inszeniert Rieke Süßkow den düsteren Shakespeare-Klassiker „Macbeth“ als verstörendes Computerspiel. Das wirft einige Fragen auf: War Shakespeare der erste Gamer der Literaturgeschichte? Wäre Macbeth heute ein Drohnenpilot? Und würde das blutige Gemetzel im schottischen Adel überhaupt eine Jugendfreigabe bekommen oder als „pädagogisch wertvoll“ klassifiziert werden?

Die 1990 geborene Süßkow, die mit ihren streng formalistischen Inszenierungen bereits mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, lässt die beiden Hauptfiguren als Gamer auftreten. Nicolas Frederick Djuren als Macbeth sitzt in Jogginghose und Kapuzenpulli vorm Bildschirm, den Joystick fest umklammert. Ein typischer Zocker, der sich tagelang in seiner dunklen Höhle verkriechen kann, ganz allein mit Chips, Cola und seinem PC. Seine Mitspielerin ist Karoline Reinke als Lady Macbeth. Auch sie erschließt – oder genauer gesagt: erschießt – sich die Welt über Bildschirm und Controller: An ihrer Wand hängt das Abzeichen einer militärischen Drohneneinheit, kein Plakat von „Der Herr der Ringe“ wie bei ihrem Gegenüber. Aus dem Game ist tödlicher Ernst geworden.

Das Zockerduo hat beschlossen, ein neues Spiel auszuprobieren. Natürlich im Multiplayer-Modus. Den Avatar von Macbeth hat die Kostümbildnerin Sabrina Bosshard als rotbärtiges Muskelpaket in voller Rüstung gestaltet, Lady Macbeth bekommt ein neongelbes Kostüm mit eleganter Haube. „Wähle deine Waffe!“, heißt es nun. Wie das Geschlechterklischee es will, wählt er das Schwert und sie das Gift. Nun geht es auf zur ersten Mission. Jede Quest wird ­mit einem kleinen Intro eingeleitet, das genretypisch aufwühlende Musik mit dramatischer Erzählerstimme verbindet, während das Ensemble im Hintergrund schon einmal das brutale Hauen und Stechen veranschaulicht.

Blickt man wie Süßkow durch die Gamerbrille auf „Macbeth“, so sieht man in dem Stück tatsächlich nur eine Abfolge von Quests, die immer schwieriger zu lösen sind. König Duncan auf die Burg locken? Easy. Den König umbringen und die zuvor vergifteten Wachen mit Blut beschmieren, um den Verdacht umzulenken? Schon anspruchsvoller. Aber nachdem man zum neuen König gekrönt wurde, ein großes Komplott verschiedener Fürsten, genannt Thanes, niederschlagen? Das ist selbst für Fortgeschrittene eine echte Herausforderung, selbst wenn man einfach die Frauen und Kinder der Gegner ermordet. Macbeth ist nun völlig im Killer- und Amokmodus, wie bei den „Rampages“ in „GTA“.

Um den Videospielen optisch nahezukommen, greift Süßkow auf eine Ästhetik des Puppentheaters zurück. Außer den Avataren von Macbeth und Lady Macbeth, die Thomas Halle und Carolin Wege spielen, werden die sonstigen Figuren von den Hexen bis zu Banquo und Macduff durch die Puppen von Esther Falk verkörpert. Von Live-Musik begleitet tauchen die „Non-Player-Characters“, wie sie im Fachjargon heißen, in dem von Mirjam Stängl entworfenen abgedunkelten Bühnenkasten auf und ab, was Gregor Schuster, Alexandra Ćorović, Christian Pfütze und Katharina Kummer in ihren schwarzen Ganzkörperanzügen mit Bravour erledigen, während man zugleich die beiden Gamer per Video in Nahaufnahme sieht, wie sie ihre Spielentscheidungen kommentieren.

Wenn nach knapp über 60 Minuten wenig überraschend der Schriftzug „Game Over!“ aufblitzt, muss man sich als Zuschauer fragen, was einem dieser ungewöhnliche Zugriff auf Shakespeare jetzt gebracht hat. Dass das Ergebnis wie aus der Steinzeit der Computerspiele ausschaut, während die Industrie mit „Red Dead Redemption“, „The Witcher“ oder mit der neuesten Ausgabe von „Grand Theft Auto“ inzwischen im Jahrestakt neue Maßstäbe setzt, liegt in der Natur der Sache. Theater bleibt eben eine analoge Angelegenheit. Dass jedoch die Story so wirkt, als hätte die Regie höchstselbst die dramaturgische Doppelaxt geschwungen und „Macbeth“ auf das Format von Harald Schmidts legendären Playmobil-Kurzfassungen, nur mit weniger witzigem Kommentar, zusammengeschrumpft, betrifft sehr wohl die Kernkompetenz des Theaters.

„Macbeth“ von Rieke Süßkow in Wien

Doch eine Botschaft für das Drohnenzeitalter hat dieser „Macbeth“ zu bieten: Egal, welche Maschine man auch immer zwischen sich und die Welt schaltet, die Taten verfolgen einen trotzdem wie Banquos Geist, der plötzlich aus dem Spiel ausbricht und im Zimmer des Gamer-Macbeth steht. Auch wenn auf dem Bildschirm alles so harmlos und verspielt ausschauen mag wie die roten Stoffbahnen, die ganze Bäche aus Blut symbolisieren, wird aus dem Krieg noch lange kein unschuldiges Spiel, nur weil man ihn inzwischen mit dem Joystick statt mit einem Bajonett betreibt. Dass viele Drohnenpiloten an posttraumatischen Belastungsstörungen erkranken, spricht in dieser Hinsicht Bände.

Was Macbeth durch den Spruch der Hexen begegnet, ist die Allmachtsfantasie eines geübten Schlächters, der über Leben und Tod zu entscheiden gewohnt ist. Nur lässt sich mit Gewalt allein keine politische Ordnung errichten. Sie ist außerdem schlicht nicht auszuhalten – und zwar nicht einmal für jene, die sie täglich ausüben. Soweit der Befund. Lässt das hoffen? Nicht wirklich. Wäre dieser Abend konsequent gewesen, hätte am Ende nicht nur „Game Over!“, sondern auch „Neustart?“ eingeblendet werden müssen. Denn schon Shakespeare wusste, dass es mehr auf das Spiel als auf die Spieler ankommt, die sich im Zweifel austauschen lassen: It’s the game, not the players!

„Macbeth“ läuft am Volkstheater Wien.

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