Wenn man in letzter Zeit mal zwischen Pubertierenden stand, in einem Konzert des linken Hamburger Polit-Sängers Marlo Grosshardt beispielsweise, den sie alle so mögen, weil er singt, was sie denken und fürchten, wundert man sich eigentlich, dass die Selbstmordrate unter ihnen noch so derart niedrig ist. Die Welt ist am Ende in seinen Liedern – Krieg droht und das Ende der Demokratie und der Kollaps der Natur. Und dass irgendwo in all der Gefahr auch das Rettende wächst, scheint nahezu ausgeschlossen.
Vielleicht ist es deswegen ganz gut, dass Disney+ das Streamen von „City of Blood“, seiner ersten deutschen Großserie, erst für Menschen ab 16 Jahren freigegeben hat. „City of Blood“ ist sozusagen ein achtstündiger Marlo-Grosshardt-Song. Ein dystopischer Gegenwartshorrorfilm, der mehrteilige Fiebertraum eines panischen Pubertierenden. Das viele Blut, das in Philipp Kadelbachs Fantasmagorie erwartbar vergossen wird, kann jedenfalls genauso wenig ursächlich für die Freigabebeschränkung sein (da sind Vierzehnjährige schon Ärgeres gewohnt) wie das typisch deutsche Politserien-Erzählungsdesaster, das sich mit „City of Blood“ fortsetzt. Aber dazu später.
Die Geschichte geht so: Irgendwann in einer nicht allzu fernen Zukunft, Deutschland ist vertrocknet. Brandenburg liegt staubig da wie ein nordeuropäischer Ableger der Sahara. Das Licht ist grell. Die Farben sind schwindsüchtig.
Das Land ist, so heißt es, nach der letzten großen Pandemie zerfallen in Kleinstaaten wie vor 1870/71. Einzig die Republik Berlin, so heißt es, kämpft noch um Freiheit und Demokratie. Sie wird regiert von einer ausgefuchsten Über-Mutti (Dagmar Manzel) und befindet sich – da muss man als plakatemüder Hauptstädter gerade durch – im Wahlkampf. Es geht um alles.
Berlin sieht aus wie ein Großslum. Wo die Spree war, fließt nichts mehr. Beinahe alle haben beinahe nichts, ein paar haben alles. Die wohnen im Dome. Das ist eine gigantische Anlage unter einer Glaskuppel über der ehemaligen City-West um die Gedächtniskirche. Eine Art Tropical Island für Superreiche, ein vollklimatisiertes, sorgfältig vor tödlichen Sonnenstrahlen geschütztes Paradies, in dem Blümchen blühen, Vögel piepen und Wasser und Latte Macchiato fließen.
Ein melancholischer Vampir hat Angst
Das hat ein bleicher Mann entworfen, der – subtil ist nicht so wahnsinnig viel in „City of Blood“ – Johann Moderson heißt. Den spielt Franz Hartwig, der war schon mal der wahnsinnige Krampusmörder in „Der Pass“. Hier ist er noch wahnsinniger und besser. Und allein er ist ein Grund für ein kurzfristiges Disney+-Abo. Aber das nur nebenbei.
Moderson ist Vampir, ein melancholischer, einer, der Angst hat, das Menschliche in sich zu verlieren – sehr leise sagt er das, es gibt Momente, da muss man „City of Blood“ sehr mögen, weil es doch Tiefe gibt unter der allzu sehr auf berechenbare Gegenwartsverdrehung polierten Oberfläche. Das mit dem Vampir darf man verraten, weil Kadelbach und seine Co-Showrunnerin Elena Lyubarskaya, damit nicht sehr lange hinterm Berg halten.
An Vampiren herrscht gegenwärtig nicht mal im deutschen Serienwesen ein Mangel. Unmengen von Blut gesaugt wurde in „Oderbruch“ (ZDF), und Fahri Yardim ließ sich in „Der Upir“ (RTL) von Rocko Schamoni beißen. Das eine ist eine finstere Familiengeschichte, das andere eine lustige Horrorgroteske. „City of Blood“ will alles sein. Aber das deuteten wir ja schon an.
Eine Familiengeschichte ist der blutrote Faden durch Kadelbachs abgefucktes Berlin: Die Schwestern Bea (Lea Drinda) und Phoebe (Soma Pysall) wurden als Kinder getrennt nach einer Desinfektionsmaßnahme, an der Bea beinahe gestorben wäre. Die soziale Schere ist seitdem aufgegangen zwischen ihnen. Bea lebt als Tochter bei der Bausenatorin (Jördis Triebel), Phoebe als drogensüchtige Lieferheldin in den verdreckten Straßen der ehemaligen Hauptstadt (es wird ein schwunghafter, aber illegaler Bluthandel betrieben). Jetzt will sie Bea eine Niere spenden.
Die Zeit läuft. Operation und Wahltag haben den gleichen Termin. Im Wahlkampf ringt die Über-Mutti von der regierenden konservativen BDP mit dem „Aufbruch Berlin“ des proletarischen Rechtspopulisten Oliver Lawall (David Schütter). Seine Kampagne – auch das darf man erwähnen, weil Kadelbach und Lyubarskaya ihre blutigen Karten so früh auf den Plottisch dreschen, dass man sich relativ schnell langweilt – wird von den Vampiren finanziert, was symbolisch ganz hübsch ist, aber zu relativ durchsichtigen Konsequenzen führt.
Im Weiteren geht es um die Legalisierung des Bluthandels. Um die friedliche Koexistenz zwischen Vampiren und Menschen. Ein bisschen um Liebe. Und halt ziemlich viel um die kaum kaschierte Widerspiegelung des gegenwärtigen Berliner Politikbetriebs. Wobei auch Kadelbach und Lyubarskaya nicht aus der Falle finden, die noch jeder deutschen Hauptstadtpolitikserie den Garaus gemacht hat. Dieser Betrieb ist so derart medioker, dass die bleiernen Gewichte seiner Mittelmäßigkeit alles Bemühen um fiktionale Dramatisierung im Treibsand der Langeweile versinken lassen.
Das kann auch der Cast nicht retten, der hier sein Unwesen treiben darf. Es machen alle mit, die nach dem Ende von „Babylon Berlin“ und dem Ende des deutschen Serienbooms nichts zu tun hatten. Lars Eidinger tut als Sohn der grandiosen Vampir-Urmutter Jenny Schily und nachtmahriger Boss eines Bluthandelsclans mit Hang zu brutalen Bissen und floralen Hemden Lars-Eidinger-Dinge. Trystan Pütter lebt rasch ab. Melika Foroutan gibt ihrer doch ziemlich unlogischen Figur als Gattin des Populisten eine scharfe Kontur. Mark Waschke schaut mal vorbei.
Soll keiner sagen, er sei nicht gewarnt worden
Die Gesichter – leider gerade die von Lea Drinda und Soma Pysall, die ständig und schön im engen Gefängnis ihrer Figuren herumrandalieren – sehen meistens aus, als läge eine dicke Schicht Saharastaub über ihnen. Gerne würde man sie schütteln, um zu gucken, ob da noch wirkliches Leben in ihnen ist.
Am Ende bleibt die Geschichte absichtsvoll an einem gewaltigen Cliff hängen. Eine Fortsetzung wird sich wahrscheinlich so wenig verhindern lassen wie der Klimawandel. Soll keiner sagen, er sei nicht gewarnt worden.
„City of Blood“ läuft ab 16. September auf Disney+
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