In ihrem prägnanten Buch „La guerre d’Europe a commencé“ (Der Krieg in Europa hat begonnen), das von ihrer ausgeprägten Kenntnis Russlands zeugt, liefert die Wissenschaftlerin Céline Marangé eine genaue Analyse der „imperialistischen und revanchistischen Beweggründe“ des Putin-Regimes.

Frage: Nach den Drohnenangriffen auf die Züge nach Kiew, ganz in der Nähe der polnischen Grenze, stellt sich nun die Frage: Rückt der Krieg immer näher? Und warum?

Céline Marangé: Wir erleben hier eine extreme Eskalation, und zwar sowohl in der Ukraine, mit immer brutaleren Angriffen auf die Zivilbevölkerung, als auch parallel gegenüber Europa, mit einer großen Zahl indirekter Attacken. Mit diesen Angriffen will man auf die ukrainische Regierung und die europäische Führung Druck ausüben. In der Ukraine wird die Brutalität immer offensichtlicher – und auch die Aktionen gegen Europa werden immer hemmungsloser, riskanter und könnten tatsächlich zu einem Casus belli führen.

Was wir beim Angriff auf den Zug, zwei Kilometer von der Grenze entfernt, sowie bei der Entdeckung einer mit Waffen bestückten Drohne am Leipziger Flughafen, ganz in der Nähe eines mit Waffen für die Ukraine beladenen Frachtflugzeugs, gesehen haben, das zeugt von einer Bereitschaft zur Eskalation hin zum Äußersten. Alles hängt mit der militärischen wie wirtschaftlichen Sackgasse zusammen, in der sich die russische Regierung mittlerweile befindet.

Seit mehreren Monaten setzen die Ukrainer auf eine „strategische Neutralisierung“, weil sie erkannt haben, dass ein Sieg auf dem Schlachtfeld nur sehr schwer zu erringen sein dürfte. Also versuchen sie, den Krieg nach Russland zu tragen, um die russische Führung auf diese Weise vor ein strategisches Dilemma zu stellen, indem sie die Angriffe im operativen und strategischen Hinterland intensivieren. Auf diese Weise will man die Front von der Versorgung mit Nachschub abschneiden, die ohnehin bereits angeschlagene Wirtschaft in Russland weiter schwächen und das Ansehen von Präsident Putin schädigen.

Und es ist tatsächlich zu beobachten, dass diese häufigen Angriffe auf höchster Ebene der russischen Macht für eine gewisse Unruhe sorgen. Prompt reagiert der Kreml nun seinerseits mit einer verstärkten Offensive. Das bedeutet, dass die ukrainische Strategie effizient ist, aber auch sehr riskant, da die russische Armee nun ihre Attacken als Vergeltungsmaßnahmen weiter intensiviert.

Céline Marangé

Frage: Ist eine Eskalation nicht unvermeidlich, weil hier beide Kriegsparteien ein existenzielles Spiel spielen?

Marangé: Nach den Parlamentswahlen in Russland wird man sehen, ob Putin sich tatsächlich auf Verhandlungen einlässt oder sich lieber für eine erneute Mobilisierung entscheidet. Ich neige eher zu der Ansicht, dass Putin bereits einen Punkt erreicht hat, an dem es für ihn kein Zurück mehr gibt. Es geht für ihn um sein politisches Überleben und seinen Platz in der russischen Geschichte.

Sollte der Krieg enden, würde man Bilanz ziehen müssen – und die ist nicht gerade ruhmreich. Dann müsste er zugeben, dass sein Unternehmen angesichts der erlittenen Verluste, der kaum vorhandenen Erfolge und der nationalen Interessen – so wie man sie vor der Invasion in die Ukraine definiert hatte – einen schweren Misserfolg darstellt.

Frage: Das macht seine Beweggründe nur noch mysteriöser – und genau darum geht es in Ihrem Buch.

Marangé: Mein Buch soll zeigen, dass dieses Regime einerseits den ukrainischen Staat zerstören will, um die Ukraine selbst zu beherrschen, und sich andererseits symbolisch und geopolitisch bei den westlichen Ländern revanchieren will, indem es eine komplette Umstrukturierung der sicherheitspolitischen Arrangements in Europa erzwingt. Wir neigen dazu, die Radikalität seiner Absichten eher zu bagatellisieren.

Putin wird sowohl vom Imperialismus als auch vom Revanchismus getrieben, und diese beiden Beweggründe sind vor allem ein Beweis für sein absolutes Verlangen nach Macht, eine zutiefst verankerte Weigerung, die Machtposition aufzugeben, die der Kreml zu Zeiten der Sowjetunion besaß, als er sowohl die Sowjetrepubliken beherrschte als auch die Länder des Warschauer Pakts. Die zunehmende Brutalität in Putins Krieg ist eine Folge der aufgestauten Frustration über seinen Machtverlust, der als unerträglich empfunden wird.

Das bringt mich zu dem entscheidenden Gesichtspunkt: Der Krieg in der Ukraine ist kein territorialer Konflikt, in dem es vor allem um die Eroberung von Gebieten geht. Tatsächlich werden hier gleich drei Ziele verfolgt: Das erste Ziel ist das Verschwinden der Ukraine als souveräne Einheit, was man über die Schwächung oder sogar Vernichtung des ukrainischen Staates und eine gänzliche Ausradierung der ukrainischen Identität erreichen will. Das lässt sich sowohl in den Reden als auch anhand der Taten erkennen.

In den von Russland besetzten Gebieten betreibt das Putin-Regime derzeit eine ausgesprochen aggressive Russifizierungspolitik. So ist die ukrainische Sprache verboten, sämtliche Symbole der Ukraine wurden aus dem öffentlichen Bereich verbannt. Vor allem aber werden alle vermeintlichen oder tatsächlichen Unterstützer der Ukraine als Nazis behandelt. Folter ist an der Tagesordnung.

Auch die Rhetorik ist eindeutig. Wladimir Putin leugnet sogar die Existenz einer ukrainischen Nation und behauptet, die Ukrainer seien Russen, die sich dessen nur nicht bewusst seien. Russen, denen der Westen den Kopf verdreht hat – man müsse sie deshalb wieder auf den rechten Weg bringen.

Leider ist nicht nur Putin dieser Meinung. Seine Vorurteile bezüglich der Ukraine werden in der russischen Gesellschaft von vielen geteilt und auch von der russisch-orthodoxen Kirche vertreten. Diese hält nach wie vor am Konzept eines dreiteiligen russischen Volkes fest, dem die Vorstellung einer großen russischen Nation zugrunde liegt, die aus drei nicht voneinander trennbaren Teilen besteht: den Großrussen (den Russen), den Kleinrussen (den Ukrainern) und den Weißrussen (aus Weißrussland).

Frage: Worin besteht das zweite Ziel Russlands?

Marangé: Das zweite Ziel von russischer Seite besteht darin, Europa zu schwächen, indem man den beiden Institutionen Nato und EU, die seit Jahrzehnten für die Sicherheit in Europa zuständig waren, Schaden zufügt und, wenn möglich, sogar ihre Auflösung herbeiführt.

Eine weitere Möglichkeit zu einer Schwächung Europas besteht in einer beschleunigten Entwestlichung der Welt insgesamt, dem Untergraben der liberalen Weltordnung und dem Versuch, eine alternative „multipolare“ Ordnung aufzubauen, die sich rund um das organisiert, was Putins Ideologen als „Zivilisationsstaaten“ bezeichnen. Demnach steht der „Zivilisationsstaat“ im Gegensatz zum „Nationalstaat“. Es ist ihre Art und Weise, zum Ausdruck zu bringen, dass die ehemaligen Reiche in ihrer unmittelbaren Nähe über besondere Vorrechte verfügen sollen.

Und schließlich gibt es noch ein drittes, besonders wichtiges Ziel: Man will den Krieg dazu nutzen, die russische Gesellschaft zu verändern. Seit 2022 lässt sich eine verstärkte Autokratie, mehr Militarismus, Zensur und Selbstzensur feststellen. Die Angst vor der Willkür ist zurückgekehrt, die Kultur wird immer mehr militarisiert. Fast 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche gehören der Jugendarmee (Junarmija) an, wo sie eine militärische und ideologische Ausbildung erhalten.

Frage: In Ihrem Buch zeigen Sie auch typische sowjetische Vorgehensweisen auf.

Marangé: Die Sowjets setzten vor allem auf Zwang und Subversion – beides auch heute noch wichtige Vorgehensweisen, die mit Propaganda, Desinformation und institutionalisierten Lügen einhergehen, sowohl im Landesinneren als auch im Ausland. Zu diesem Thema wäre, angesichts der Erfahrungen aus der Vergangenheit, gerade heute etwas mehr Vorsicht angebracht. Da wäre beispielsweise die russische Technik der Scheinverhandlungen, die die russische Führung dazu nutzt, die Europäer in eine falsche Sicherheit zu wiegen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir es hier mit Tschekisten zu tun haben, die in der Schule des sowjetischen KGB ausgebildet wurden. Und das heißt, dass Verhandlungen nicht immer mit guten Absichten geführt werden. Man kann Verhandlungen führen, ohne jegliche Garantie eines Ergebnisses. Man kann jedoch auch Verhandlungen aufnehmen, ohne die geringste Absicht, tatsächlich eine Einigung zu erzielen. So eine Verhandlung kann auch eine List, eine Ablenkung oder eine Art Verzögerungstaktik bedeuten, die nur darauf aus ist, den Gegner gegenüber seinen Verbündeten zu diskreditieren.

Ich bin der Meinung, dass wir es bei Putin zurzeit mit genau so einem Manöver zu tun haben. Es ist daher von grundlegender Bedeutung, dass wir auf die Frage nach den tiefliegenden Absichten und den von Russland tatsächlich angestrebten Zielen zurückkommen: Wenn Sie der Meinung sind, dass es sich bei diesem Krieg nur um einen territorialen Konflikt handelt, dann werden Sie auch territoriale Zugeständnisse anbieten, wie es Donald Trumps Schwiegersohn und sein Golfpartner tun!

Wenn man jedoch erkennt, dass der Krieg der Zerstörung des ukrainischen Staates und der Schwächung Europas dienen soll, dann werden Sie jegliche territorialen Opfer ablehnen, weil diese bedeuten würden, befestigte Verteidigungslinien und Schlüsselstädte aufzugeben, was die Ukraine in eine zusätzliche Situation der Unsicherheit bringen würde.

Frage: Die sogenannten Realisten erklären, dass man bezüglich der Ukraine Zugeständnisse machen muss, und behaupten, dass Europa auf diese Weise einen Krieg vermeiden kann.

Marangé: Wer das glaubt, der vergisst, dass der Appetit beim Essen kommt und dass ein militaristisches Regime vom Krieg lebt. Es wird dem Putin-Regime sehr schwerfallen, dem ein Ende zu setzen. Übrigens existieren auch objektive Hinweise darauf, dass sich die Russen auf eine mögliche Ausweitung des Krieges nach Europa vorbereiten, insbesondere, was die Vergrößerung der Armee betrifft, deren Kapazität von 1,15 Millionen aktiven Soldaten in Russland auf 1,5 Millionen gestiegen ist. Dann ist da noch die Armee der Jugend, die wir bereits erwähnt haben. Offiziellen Quellen zufolge verfügt Russland außerdem über rund zwei Millionen Reservisten, ein Reservoir, das Putin, wenn nötig, die Möglichkeit zu einer weiteren Verstärkung der Streitkräfte bietet.

Der zweite Indikator betrifft wirtschaftliche Entscheidungen. Die Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben liegen derzeit offiziell bei 38 Prozent des Bundeshaushalts, wobei manche die tatsächliche Zahl sogar auf 44 Prozent schätzen. Und das, ohne die Rüstungskapazitäten Russlands in Betracht zu ziehen, die sehr viel schwieriger einzuschätzen sind. Daten der Nato zufolge ist Russland in der Lage, pro Jahr mehrere Millionen Drohnen und Granaten, 2000 ballistische Raketen und Marschflugkörper und bis zu 300 Panzer zu produzieren, während Frankreich beispielsweise insgesamt nur über 215 Panzer für die gesamte Armee verfügt.

Frage: Unterschätzen wir als eher risikoscheue Gesellschaft nicht die Tatsache, dass Putin über eine erhebliche Risikobereitschaft verfügt, wie er ja schon in Syrien, Tschetschenien und nun auch in der Ukraine bewiesen hat?

Marangé: Die Personalisierung und Konzentration der Macht erleichtern riskante Entscheidungen. Aber es ist richtig, dass Putin eine große Vorliebe für strategische Überraschungen gezeigt hat, wie bei der Annexion der Krim, der Destabilisierung des Donbass, seinem Eingreifen in den Bürgerkrieg in Syrien und natürlich auch der Invasion in der Ukraine.

Es ist daher angebracht, sich auf den Gedanken einzustellen, dass die Russen die Eskalation noch um eine Stufe steigern und sich auf eine Provokation Europas vorbereiten könnten. Wichtig ist dabei der Punkt, dass sie nicht unbedingt eine totale Konfrontation brauchen, vor allem, da sie derzeit nicht über die entsprechenden Mittel verfügen. Russlands Armee ist zwar kampferprobt, aber auch geschwächt.

Bei mindestens 300.000 toten Soldaten, mindestens 7000 gefallenen Offizieren und schon zu Beginn des Krieges komplett dezimierten Eliteeinheiten hat die Armee Kapazitäten eingebüßt, die sich nicht von einem Tag auf den anderen wiederherstellen lassen. Ihre Ziele könnten die Russen dennoch erreichen – nämlich die Sinnlosigkeit des Artikels 5 der Nato aufzuzeigen, indem sie eine schwerwiegende Provokation inszenieren, auf die die Nato dann jedoch nicht ernsthaft reagiert. Sollte sie zum Beispiel zu einem Rückzug der USA führen, dann würde das für einen tiefen Riss in der Atlantischen Allianz sorgen.

Dieses Interview erschien zuerst im französischen „Figaro“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance LENA.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.