Besonders häufig hörte man die Klage von Bildungsaufsteigern. Ihre Eltern, unermüdlich der prekären Lohnarbeit nachgehend, würden das andere Leben ihres Kindes gar nicht verstehen. Der Sohn beschäftigt sich nun im Studium mit der politischen Theorie von Thomas Hobbes, doch wenn er beim Heimatbesuch am Esstisch über den Leviathan redet, schaut er in leere Augen. Für ihn, den Bildungsaufsteiger, eine Kränkung, weil er es als Desinteresse deutet. Wie kann es dem Vater gleichgültig sein, warum sich sein Kind für Thomas Hobbes begeistert?
Diese Arroganz steckte auch lange in mir, dabei war ich nicht mal ein Bildungsaufsteiger. Ich war schon lange erwachsen, in meinen 20ern in jedem Fall, und dennoch wollte ich von meinen Eltern in all meinen Facetten gekannt und gespiegelt werden. Die Enttäuschung folgte dann spätestens an Weihnachten. Das Geschenk hatte die Zielgenauigkeit einer Schrotflinte. Sie wussten, dass ich Kaffee mag und Kunst irgendwie auch. Also schenkten sie mir einen Fotodruck einer Kaffeetasse im Bilderrahmen. Der Fotodruck sah aus, als wäre er spontan im Kassenbereich vom Möbelhaus Poco in den Einkaufswagen gelegt worden.
Weihnachten war also der Moment, in dem ich meinen kindlichen Narzissmus endlich ablegen durfte. Meine Eltern werden meinen Geschmack, meine Interessen, meinen Job nie wirklich ganz verstehen. Und warum sollten sie das auch tun? Die Erwartung, Eltern seien moralisch dazu verpflichtet, ihre Kinder mindestens so gut zu kennen wie deren beste Freunde, scheint historisch ziemlich jung. Natürlich liebten Eltern ihre Kinder früher auch. Aber die Qualität dieser Liebe bemaß sich weniger daran, wie präzise sie das Innenleben ihrer Sprösslinge spiegeln konnten. Eltern sollten versorgen, schützen, bilden – zusammengefasst: ihren Kindern einen Platz in der Gesellschaft ermöglichen. Sie mussten nicht verstehen, warum Cyberpop-Musik den Liebeskummer ihres Kindes abflauen lässt.
Dass sich dieser Anspruch irgendwann eingeschlichen hat, muss auch mit der Identitätsobsession meiner Millennial-Generation zu tun haben. Wir haben wahnsinnig viel Energie darauf verwendet, unser Selbst zu einem Projekt zu machen. Alles wurde Bestandteil einer Erzählung darüber, wer wir sind. Mit der zunehmenden Mühe, die wir in die Konstruktion unserer Identität steckten, stieg auch die Kränkbarkeit gegenüber allen, die davon keine Notiz nahmen.
Ein guter Vater war nun nicht mehr nur einer, der sein Kind ernährte, beschützte und ihm eine Zukunft ermöglichte. Er sollte wissen, was in seinem Kind vorging. So konnte ein Vater objektiv alles für seinen Sohn getan haben – und dieser Sohn saß dann trotzdem dreißig Jahre später beim Therapeuten, um zu sagen: „Mein Vater hat mich nie wirklich gesehen.“
Dieser Sohn war ich. Jetzt, mit Mitte 30, kommt mir das immer alberner vor. Zumal ich meinen Vater auch nie gesehen habe, wie er wirklich ist. Welche Musik macht ihn glücklich? Jahrzehntelang hatte ich von ihm eine Neugier verlangt, die aufzubringen ich selbst kaum auf die Idee gekommen war. Dabei hat mich niemand in meinem Leben so unterstützt und geliebt wie meine Eltern. Ihren Auftrag haben sie übererfüllt. Und das, obwohl sie mich nicht wirklich kannten. Das muss man erst mal hinkriegen!
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