Das ist meine Privatbibliothek in Berlin“, scherzt Ben Lerner im imposanten Saal der American Academy – für ein Gespräch mit einem der belesensten Schriftsteller seiner Generation sicher der angemessene Ort. Vorher haben wir ein Fotoshooting gemacht mit Blick auf den an diesem Mittag leicht verregneten See. Gleich am gegenüberliegenden Ufer der Bucht, nur wenige Hundert Meter entfernt, liegt das Haus der Wannsee-Konferenz, was Lerner selbst anmerkt, als wir über seine komplexe Beziehung zum Judentum sprechen. Das jüdische Denken sei für ihn „ganz unwichtig, und zugleich ist es alles“. Ein typischer Lerner-Satz, tiefgründig und paradox, er selbst würde sagen „dialektisch“, ein Satz, der selbst in der für sein Schreiben so bedeutungsvollen Tradition linker jüdischer Intellektueller wie Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno steht.
Lerner wuchs in Topeka auf, einer kleinen Stadt in Kansas. Seine Eltern arbeiteten als Psychologen in der Menninger Foundation, einem Zentrum der psychiatrischen Bewegung. Obwohl säkulare Juden aus der Generation der Gegenkultur, schickten sie Lerner in die Synagoge, gerade weil es in Kansas kaum Juden gab, abgesehen von einigen Holocaust-Überlebenden unter den Institutsangehörigen. „Meine Großmutter hingegen lebte in Brooklyn. Sie war Marxistin und absolut gegen jede Form von institutionalisierter Religion, einschließlich des Judentums. Zugleich aber war sie überzeugt davon, dass jeder Mensch Jiddisch kann, weil alle ihre Bekannten Juden waren.“ In seinem Familienroman „Die Topeka-Schule“ (2019) hat Lerner dem Milieu seiner Herkunft ein Denkmal gesetzt, auch das psychoanalytisch-sachgemäß, nämlich ambivalent.
Seit dem Sensationserfolg seines Romandebüts „Abschied von Atocha“ (2011) zählt Lerner zu den wichtigsten Stimmen aus den USA, gleichwohl war er in Deutschland lange eher noch ein Geheimtipp. Das scheint sich erst mit seinem neuen, in diesem Frühjahr erschienenen Roman „Transkription“ (auf Deutsch bei Suhrkamp) zu ändern, der sich gerade wie ein Schwelbrand durch buchbegeisterte Kreise frisst – eine Zeit lang unter der Oberfläche und urplötzlich in aller Munde.
Bei seinen beiden Lesungen auf dem Berliner Literaturfestival – einmal stellte er mit dem Künstler Thomas Demand den Roman vor, einmal im Rahmen der „Poetry Night“ seine Lyrik – wurde er wie ein Star gefeiert. Und so wie Lerner schreibt – sprachlich brillant, gedanklich theoriegeschult originell, dabei mit abgründigem Humor –, so spricht er auch: Mühelos transponiert er selbst etwas naiv und in unterkomplexem Englisch vorgebrachte Fragen in seiner Antwort in die Sphären einer privaten Poetikvorlesung, und das, ohne dabei herablassend zu wirken. Das muss man erst einmal hinbekommen.
Die Ausgangssituation von „Transkription“ ist zusätzlich geeignet, den Interviewer nervös zu machen: Darin besucht ein Kulturjournalist seinen 90-jährigen Mentor, den Großintellektuellen Thomas, für ein bilanzierendes Gespräch; kurz vor dem Termin fällt ihm sein Smartphone ins Wasser, was er verschweigt. Thomas doziert und improvisiert wie stets mit kühnen Assoziationen und wildesten Gedankensprüngen, im irrigen Glauben, seine Worte würden für die Nachwelt aufgezeichnet.
Im Fortgang des Romans wird erzählt, wie nach Thomas’ Tod bekannt wird, dass das schließlich doch erschienene Gespräch eine nachträgliche Rekonstruktion des Autors war. Also eben das, was wir zuvor gelesen haben: eine Fiktion in der Fiktion, die Simulation einer – inzwischen verschwundenen – Stimme. „Mich interessiert, wenn ein Mentor zugleich ein Medium ist“, so fasst Lerner selbst die Grundidee seines Buchs zusammen, das ebenso schmal wie schwergewichtig ist – und unglaublich lustig.
Dieser Thomas seines Romans ist ein fiktionalisiertes Porträt von Alexander Kluge, der in den Jahren vor seinem Tod im März dieses Jahres für Lerner zu einem Freund, Mentor und poetischen Dialogpartner wurde. „Es war eines der glücklichsten Dinge in meinem Leben“, sagt Lerner heute, „und so unwahrscheinlich, dass meine Gedichte ihn erreicht haben und wir diesen Austausch hatten.“ Kluge wird in Amerika wenig gelesen, doch als Lerner als Student in Providence, Rhode Island, an seinem ersten Gedichtband „The Lichtenberg Figures“ (2004) arbeitete, las er Kluge in Übersetzung.
Damals wollte der Debütant Kluge den von ihm inspirierten Band schicken, hatte aber keinen Schimmer, wie er das anstellen sollte – „er war wie ein Außerirdischer“. 15 Jahre später erschien er in winziger Auflage auf Deutsch, übersetzt vom Dichterkollegen Steffen Popp; und ohne Lerners Zutun erhielt der Lichtenberg-Afficionado Kluge ein Exemplar von einem Freund. Was dann geschah, kann Lerner immer noch kaum fassen: „Dann fand ich in meinen Mails eine Nachricht von ihm, sie wäre fast in meinem Spam-Ordner verschwunden. Da stand: ‚Ich habe Ihre Gedichte gelesen, hier sind 20 Geschichten, die ich als Antwort geschrieben habe.‘ Verrückt!“ (In der zweisprachigen Suhrkamp-Ausgabe „No Art“ mit Lerners lyrischem Werk sind die Kluge-Texte als Vorwort abgedruckt.)
Über Kluge kann Lerner mit kongenialer Begeisterungsfähigkeit sprechen, über dessen Neigung zum Harlekinhaften, seine Mischung aus Sophistication und Albernheit, seinen Willen zur „Wiederverzauberung der Sprache“ und seine Präsenz, die die Umgebung regelrecht „aufgeladen“ habe. Vor allem sei Kluge „ein Kanal für die Stimmen der Vergangenheit“ gewesen. „Transkription“, das kurz vor Kluges Tod erschien, sei aber kein Porträt, sondern es enthalte „ein Porträt seiner Stimme“, so Lerner. „Er schrieb mir eine wunderbare Mail ein paar Wochen vor seinem Tod. Ein sehr unwahrscheinlicher Kreis.“
Weil er gerade ohnehin in Europa ist, verbringt Lerner eine Woche in Berlin. Er würde gern einmal länger bleiben, doch sein Familienalltag in Brooklyn – seine Kinder sind 11 und 13 – lasse sich damit nur schwer vereinbaren.
Die Frage liegt nahe, wie bei Lerner das Familienleben auf das Schreiben wirkt – und umgekehrt, zumal Eltern-Kind-Verhältnisse, auch die zu Über- und Ersatzvätern, in seinem Werk zentral sind. Er erzählt, dass er sich im vergangenen Jahr einer Herz-OP unterziehen musste und hinterher in der „New York Review“ einen Essay darüber veröffentlicht habe. Während man den Kindern vorher nichts als Zuversicht demonstriert habe, seien darin auch die verschwiegenen Risiken und Ängste zur Sprache gekommen. Er gehöre nicht „zu den Autoren, die einfach alles aufschreiben, ohne jede Verklärung“. Doch man könne auch nicht schreiben, als würden die Kinder dabei über die Schulter gucken: „Ich muss sie vor meinem Schreiben schützen, aber ich muss auch mein Schreiben vor genau diesem Impuls beschützen.“
Vater zu werden, verstärke das eigene Bewusstsein für die Stimme als einer „intergenerationellen Technologie“, sagt Lerner. Auch da muss man wieder an seinen Kluge-Bot denken, aber auch an die „Topeka-Schule“, wo der Protagonist mit der Stimme seiner eigenen Eltern erzählt. „Wenn man Vater wird, ist es wie ein Bonsai: Man ist Erwachsener und Kind zur selben Zeit, als würde man seine eigene Kindheit erneut durchleben. Man öffnet seinen Mund und all das Vaterzeug kommt heraus. Man wird zum Kanal der Vaterstimme.“
So abstrakt Lerner das erklärt (nicht grundlos ist er der Sohn von Psychologen-Eltern), so konkret wird das in seinen Romanen, die er „eine Art gefühlte Mediengeschichte“ nennt. „Meine Lieblingsstelle in der Weltliteratur ist in Prousts ‚Recherche‘, wenn der Erzähler mit seiner Großmutter telefoniert. Das ist so schön und bewegend. Romane sind sehr gut geeignet, um zu beschreiben, wie Technologien unsere Beziehungen verändern.“
Und was folgt daraus für unsere Gegenwart, die sich im KI-getriebenen medialen Wandel selbst zu überschlagen droht? Wird der nächste Lerner ein Roman über Liebe in der KI‑Ära? Er wisse noch nicht, wie das aussehen könnte, aber es sei „nicht denkbar, dass ein Roman davon unbeeinflusst sein könnte“. Darin, dass die Sprache selbst „als Kulturträger fraglich“ werde und Bücher nicht mehr die standardmäßige Kulturform seien, könne auch eine Chance liegen: „eine Gelegenheit, neu zu entdecken, was wir an Büchern bewundern“.
Eine Crux liege darin, dass Romanschreiben so langsam sei. „Es kann sein, dass die Welt, die man beschreibt, schon nicht mehr existiert, wenn das Buch erscheint.“
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