Von Hermeskeil im Hunsrück, dem Geburtsort der Buchpreisgewinnerin Shida Bazyar, ist es mit dem Auto eine knappe halbe Stunde nach Morbach. Das ist der Geburtsort des Filmregisseurs Edgar Reitz, der mit seiner epochalen Fernsehfilm-Reihe „Heimat“ in den 80er-Jahren eine exemplarische Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts erzählte, eine Chronik aus der deutschen Provinz. Bei Reitz wurde Morbach zum fiktiven Ort Schabbach. In ihrem Roman „Die Lücken“ (Kiepenheuer & Witsch) hat Shida Bazyar ihr Hermeskeil in Heimesbach verwandelt, einen Ort, „der so vielen anderen Orten gleicht und doch nur dieser eine ist“. Entstanden ist so eine ganz eigene, ganz andere Erzählung von deutscher Heimat, die nun in Frankfurt hochverdient mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Shida Bazyar, die 1988 dort als Kind iranischer Flüchtlinge geboren wurde, hat, wie sie erzählt, erst spät begonnen, sich im Detail mit der Geschichte ihres Geburtsortes in der Nazi-Zeit zu beschäftigen. In einem Buch eines Lokalhistorikers über „Juden im Gaumusterdorf“ erfuhr sie 2019 von den Schicksalen der vertriebenen, der deportierten und ermordeten Juden von Hermeskeil. Das war der Keim des Romans, in dem Bazyar die fiktionalisierte Erzählung der Dorfgeschichte seit den 20er- und 30er-Jahren mit einer Migrationserzählung aus den frühen 90ern verbindet.

Eine aus dem Totenreich erzählende Stimme legitimiert den Sprung durch die Chronologie und die Figurenreden; ganz nah zoomt der Roman in Opfer- wie Täterperspektiven hinein. Eine Mädchenfreundschaft zwischen einem katholischen und einem jüdischen Mädchen, von der zunächst scheinbar ganz unschuldig die Rede ist, zerfällt im Erwachsenenalter, als die eine aus Geltungsdrang zur Nationalsozialistin wird und ihre Freundin verleugnet.

Die Pogrome vom November 1938 werden in der mikroskopischen Dorfperspektive in ihrer ganzen Niedertracht und Grausamkeit geschildert. Die Profitgier der einstigen Nachbarn, die Verteilung der Beute aus der Arisierung und der Vertreibung, die Reinwaschung der Verbrecher nach 1945, all das wird minutiös (und historisch belegt) wie unter einer Lupe erzählt, anschaulich, unverblümt und tief erschütternd. In ihrem Dank zitierte Bazyar später einen Satz Hannah Arendts, der sie beim Schreiben sehr beschäftigt habe: „Das Problem ab 1933 war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.“

Die Jurorin Maha El Hissy sagte in ihrer Kurzvorstellung des Buchs, Bazyar habe den Heimatroman neu definiert. Noch klarer könnte man sagen, sie habe ihn zerstört. Wieder einmal. Denn natürlich steht „Die Lücken“ in einer langen Reihe von Anti-Heimatromanen der deutschsprachigen Literatur, die bis in die 70er-Jahre zurückreichen. Paradoxerweise schreibt sich Bazyar mit ihrer Wiederaufnahme dieses „Herkunftskomplexes“ (Thomas Bernhard) unter postmigrantischen Vorzeichen in eben diese Tradition ein. Heimat ist in Deutschland (und natürlich auch in Österreich) nur zu haben im Wissen, dass sie – als unschuldige, ungebrochene, unbefleckte Herkunft – für immer verloren ist.

Im Vorstellungsvideo bei der Preisverleihung zog Shida Bazyar den Vergleich zu einem Großvater, von dem man nachträglich erfährt, dass er als Wehrmachtssoldat an Kriegsverbrechen beteiligt war. Auch ihrem eigenen Blick auf den Ort, der ihrer Familie einst zur „neuen Heimat“ wurde, sei es so ergangen, als sei plötzlich „eine Milchglasscheibe weggezogen“ worden. Der „Nazi-Opa“, den gerade so viele Deutsche in der eigenen Familie entdecken, das war bei ihr ein Kindheitsort, der eine ihr lange unbekannte Vergangenheit als „Gaumusterdorf“ hatte und einst „judenrein“ gemacht worden war – und das jahrzehntelang beschwieg und beschönigte.

Die Menschen, die ermordet worden waren, so heißt es einmal im Roman, hätten im Ort „eine Lücke in der Luft“ hinterlassen: „Als hätte man der Luft etwas entrissen, und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer, wenn man im Ort spazieren gehen möchte, deswegen vielleicht ist jede Stille eine Behauptung, aber niemand ist so ehrlich und sagt es laut.“ Als Shida Bazyar zur Verleihung des Preises auf die Bühne des Frankfurter Römer trat, war ihre Freude gedämpft. Sehr klar, sehr ernst und ohne jeden Verdacht der Koketterie, sagte sie, es komme ihr „nicht ganz richtig vor“, sich über den Preis für einen Roman zu freuen, der von Menschen erzählt, die „verfolgt, terrorisiert und ermordet“ wurden.

Und dann erwähnte sie den Holocaust-Überlebenden Heinz Kahn, eine der (historischen) Hauptfiguren von „Die Lücken“ –„er wurde 1922 in Hermeskeil geboren, da wo ich auch geboren bin, 66 Jahre später“. Kahn wurde nach dem Krieg eine Ehrenbürgerschaft seines neuen Wohnorts Polch verliehen. Auf die Frage, was ihm diese Auszeichnung bedeute, habe er damals gesagt: „Gar nichts. Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg auch eine Menge Orden bekommen und wurde doch vergast.“ Dann verwies Bazyar darauf, dass antisemitische und rassistische Straftaten aktuell auf einem Höchststand seien: „Ich möchte darauf hinweisen, dass es im Moment keine Minderheit in Deutschland gibt, die keinen Grund zur Sorge hat.“ Wieder sei von Deportationen die Rede, auch wenn man ein anderes Wort dafür verwende.

Zur Auftakt der Frankfurter Buchmesse ist damit ein Ton gesetzt. Es gibt in der Tat keinen Grund zu feiern, dass ein Roman wie „Die Lücken“ im Jahr 2026 unheimlich aktuell erscheint. Aber man darf der Jury zu dieser Entscheidung gratulieren – und Shida Bazyar zutiefst dankbar sein.

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