Bescheuert“! „Blutgetränkt“! „Borderline-fetischistisch“! Deutlicher als die Kritikerin des „Guardian“, einer für emanzipatorische Projekte sonst ja jederzeit offenen Zeitung, kann man eine Serie kaum verreißen. Aber was ist im Zeitalter der Kundenbewertung schon Kritik und wen, mag die Expertin auch noch so hübsch alliterieren, kümmert sie noch?

„Die Geschichte von Lizzie Borden“, Teil vier von Netflix’ sogenannter „Monster“-Anthologie, sammelte auch so in Woche eins mehr als zwölf Millionen sogenannter Views ein und vermochte den Wert, nachdem sich die Kritik so richtig ausgekotzt hatte, sogar noch zu steigern. Anders als die gute alte Rezension wirkt die gute alte Mundpropaganda noch, denn in Woche zwei hieb Lizzie nicht zwölf, sondern gleich 14 Millionen Mal mit der Axt auf Vater und Stiefmutter ein. „Bescheuert“ bleibt Ansichtssache, aber „blutgetränkt“ stimmt.

Apropos stimmt/stimmt nicht: Lizzie Borden aus Fall River, Massachusetts (1860–1927), wurde vom Vorwurf des Axtmords einst freigesprochen. Das zählt durchaus zu den Kritikpunkten schäumender Rezensenten („bescheuert“), verkennt andererseits aber, dass die „Monster“-Anthologie nach zwei halbwegs akkuraten Staffeln (über Jeffrey Dahmer und die Menendez-Brüder) und einem narrativen Totalschaden („Die Geschichte von Ed Gein“) auf die Straße nach Bridgerton abgebogen ist. Also in die Gefilde jener berühmt-berüchtigten Romance-Serie, die eine historische Kulisse allein mit Gegenwart abfüllt.

Charlie Hunnam als Andrew Borden und Vicky Krieps als Bridget

Am leichtesten ist das wohl an der Figur der Hausmagd Bridget festzumachen (übrigens großartig gespielt von der deutsch-luxemburgischen Schauspielerin Vicky Krieps). Denn sie ist hier erstens eine Supermagd wie aus einem DC-Comic und zweitens selbstredend in Liebe zu Lizzie (Ella Beatty) entbrannt. Und drittens müsste sie schon von der munter die Farbe wechselnden Haartracht her im Massachusetts des 19. Jahrhunderts mehr auffallen als auf dem CSD in Manhattan heute.

Es nutzt also gar nichts, sich über mangelnde historische Akkuratesse aufzuregen. Denn die streben die Serienmacher Ryan Murphy und Ian Brenner gar nicht an – die schönen Kulissen werden ja nicht umsonst ständig mit Kotze, Hirnmasse und Menstruationsblut beschmiert. Worum aber geht es dann, wenn es schon nicht um Lizzie Borden geht? Vielleicht ja um das, worüber die jungen Leute wirklich reden, nämlich die zusehends unüberbrückbare Kluft zwischen Frau und Mann, die der Gender-Theoretiker Asa Seresin 2019 zuerst „Heteropessimismus“ genannt hat und heute, umso erfolgreicher, „Heterofatalismus“ nennt. Dem Patriarchat, übersetzt das „Die Geschichte von Lizzie Borden“, ist nur mit der Axt beizukommen und die Liebe nur mehr gleichgeschlechtlich zu finden.

Dass sich das, vom Produzenten bis zum Autor und Showrunner, ausschließlich Männer ausgedacht haben, ist übrigens auch gegen diese Serie eingewandt worden. Dabei hätte die historische Lizzie Borden vielleicht nichts sonst, aber genau das wiedererkannt.

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