Er werde in der Paulskirche auch über Gaza, Palästina und die deutsche Haltung dazu sprechen. Das hatte Philippe Sands, der zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, bereits im Vorfeld wissen lassen.
Schon die Meldung, dass der französisch-britische Publizist und Völkerrechtler mit dem prestigeträchtigen Friedenspreis geehrt wird, hatte im Juni geteilte Redaktionen ausgelöst. Für Sands’ publizistisches Werk konnte es nur Zustimmung geben. Die Tatsache, dass die Auszeichnung auch dem Juristen Sands gilt, provozierte. Dass Sands neben seiner Tätigkeit als Professor für internationales Recht am Londoner King’s College regelmäßig Mandate am Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen (IGH) in Den Haag übernimmt, unter anderem auch für Palästina, rief Kritiker auf den Plan.
Stand – zwei Tage, nachdem der Friedensnobelpreis an die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay dahingehend lesbar ist, dass Israel als Staat international zunehmend delegitimiert wird – in der Paulskirche Israelkritik jetzt also auf dem Programm? Eher Deutschlandkritik. Immerhin hatte Sands im Vorfeld selbstkritisch von doppelten Standards gesprochen, wenn etwa Südafrika in Den Haag einerseits gegen Israel unter Netanjahu klage, und andererseits einen Putin hofiere, ohne mit der Wimper zu zucken.
In seiner autobiografisch konturierten Dankesrede, die dem Thema Schweigen gewidmet war, schilderte der 1960 geborene Sands, wie in seiner jüdischen Familie nach dem Holocaust geschwiegen und alles Deutsche bewusst boykottiert wurde: keine deutsche Spülmaschine, kein deutsches Auto, keine deutschen Bücher. Nur Vorlieben für deutsche (okay: österreichische) Speisen wie Schnitzel und Strudel erlaubte man sich, später dann auch Lektüren. Sebastian Haffners Buch „Geschichte eines Deutschen“ habe ihn tief beeindruckt. Literatur könne uns an Orte bringen, an denen Anwälte und Richter nicht auftreten. Literatur ebne oft erst den Weg für Anliegen, die strafrechtlich erst später relevant würden. Ein solches Anliegen sei auch der Ökozid. Sands will sich im kommenden Frühjahr mit einem Buch dafür einsetzen, Umweltverbrechen als fünften internationalen Straftatbestand zu etablieren.
Gegen das Label „Genozid“
Mit Blick auf „Völkerstraftaten“ (international crimes) sagte Sands, der seine Rede auf Englisch hielt: Er wisse, dass manche Beobachter solche Straftaten am liebsten als Völkermord bezeichnet wissen wollen, doch „die Debatte über Bezeichnungen“ sei „ein nutzloses Ablenkungsmanöver“.
Sands weiter: „Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten. Töten als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist nicht weniger schwerwiegend als ein Völkermord. Dies sind alles schreckliche Verbrechen. Sie verlangen nach Verantwortlichkeit und müssen angeprangert werden, und diejenigen, die anprangern – ganz gleich, welche Bezeichnung sie verwenden –, sollten nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden, nur weil sie ihre Rede- und Meinungsfreiheit ausüben.“ Applaus.
Das letzte Drittel seiner Rede zielte auf die deutsche Politik. „Deutschland hat viele Gräuel angeprangert. Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut.“ Diese Beobachtung gelte „umso mehr nach dem eindeutigen Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 2024 zum palästinensischen Selbstbestimmungsrecht. Großbritannien, Kanada, Frankreich und andere haben seitdem einen palästinensischen Staat anerkannt. In jüngster Zeit haben sie Sanktionen verhängt, der britische Außenminister hat die Handlungsweise in den besetzten Gebieten als ethnische Säuberung bezeichnet. Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?“ An dieser Stelle forcierter Applaus von einzelnen Sitzen.
Sands erklärt, warum Deutschland schweigt
Literatur, so Sands, helfe uns zu verstehen, warum es manchmal so schwierig sei, die Wahrheit zu sagen. In seinen eigenen Büchern erzähle er, wie es Familien mit Nachfahren oder Verwandten von Verbrechern schwerfalle, letztere als solche zu bezeichnen. Sands’ Ableitung für die deutsche Staatsräson (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier saß in der ersten Reihe): Die Bundesrepublik müsse 80 Jahre nach Nürnberg ihr Schweigen über Völkerstraftaten brechen, „auch wenn es Freunde, vor allem, wenn es Freunde sind“.
Deutschland habe sich wie kein anderes Land der Welt mit seinen eigenen Verbrechen beschäftigt, betonte Sands. Seinen Appell, dass die deutsche Staatsräson aus ihrem Schweigen zu Israel ausbrechen müsse, unterstreicht Sands mit der eigenen Familiengeschichte. „Schweigen ist nicht der Weg. Nicht für eine Familie. Nicht für eine Gemeinschaft. Nicht für ein Land. Und genau hier kommen Recht und Literatur zusammen, indem sie Geschichten erzählen, Denkanstöße geben, den Mächtigen die Wahrheit sagen, Vorurteilen und Doppelmoral entgegentreten, Dinge ausgraben, die manche gern verbergen würden.“
Als sei er ein poetischer Psychotherapeut für Deutschland, bringt Sands dann auch noch maritime Metaphern ins Spiel: „Lassen Sie uns erkennen, dass Schweigen uns wie ein Albatros um den Hals hängen wird.“ Deutschland trage die Last des getöteten Albatros, der ihm – wie in der Ballade „Der alte Matrose“ des englischen Romantikers Samuel Taylor Coleridge – als schwere Schlinge um den Hals hänge. Sands hätte auch von der Bürde der Geschichte sprechen können, die wohlfeil als „Schuldkult“ verhöhnt wird.
Am Ende seiner Rede erlaubte sich Sands ein kleines Namedropping internationaler „Dichter und Songschreiber, die Dinge beim Namen nennen“, darunter (als habe ihm ein „Guardian“-Deutschlandkorrespondent souffliert) Adania Shibli und Eva Menasse. Man fragte sich nach seiner im autobiografischen Teil so starken Rede, wie viel deutschen Israeldiskurs Sands wirklich kennt und wahrnimmt. Erfordert es hierzulande für Kulturschaffende etwa Mut, Israelkritik zu äußern? Das Gegenteil ist doch der Fall: Israelfürsprecher sind in tonangebenden Kreisen dieses Landes in der Minderheit, auf den Berliner Straßen sowieso. Über die Problematik, wie sich Ablehnung von Juden von der Religion über die vermeintliche Rasse (Semiten) als basso continuo auf den Staat Israel verlagert hat, verlor Sands in seiner Rede kein Wort.
Immerhin wurde in der Laudatio von Mirjam Zadoff, der Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München, das Geheimnis gelüftet, warum Sands so gute Bücher schreibt – packend wie Thriller und mit dieser „unheimlichen Nähe“ zu seinen Figuren, Tätern wie Opfern. Sands war in London langjähriger Nachbar von Bestsellerautor John Le Carré. Sands selbst erzählte in einem Pressetermin auf der Buchmesse, er habe den King of Spionagethriller in juristischen Belangen beraten. Umgekehrt habe Le Carré ihm beigebracht, wie man anschaulich erzählt. Literatur, könnte man mit den Paulskirchen-Worten des Börsenvereinsvorstehers Sebastian Guggolz ergänzen, geht es eben genau nicht um den abschließenden Urteilsspruch, sondern darum, Widersprüchlichkeiten aufzufächern.
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