Das Ding da hinten sieht ein bisschen aus, als hätte ein ziemlich begabter Set-Designer es dort hingehängt. Wie eine gigantische Fledermaus, die sich gerade anschickt, abzuheben unter der riesigen roten Rosette, um im Innern des Trondheimer Nidarosdoms herumzufliegen.

Das Ding ist die Steinmeyer-Orgel von 1930. 140 Register insgesamt. Gesteuert von einem viermanualigen, fahrbaren Spieltisch, der jetzt hell leuchtet aus dem Halbdunkel des Nordschiffs. Eine der größten Kirchenorgeln der Welt. Ein Spielzeugladen der Klänge. Ein computergelenktes, technisches Hochleistungsinstrument.

Es zieht kalt in die Knöchel. Anna Lapwood ist das egal. Es war schon mal kälter hier. Anna Lapwood ist offizielle Organistin der Royal Albert Hall, Cheferklärerin und -botschafterin ihres Instruments. Die sichtbarste Organistin der Welt, das stand in der „New York Times“, und dass sie die Antwort der Klassik auf Taylor Swift sei. Millionen folgen ihr in den sozialen Medien.

Das Konzert im Kölner Dom, für das sie jetzt in Berlin den Musikpreis Opus Klassik bekommt, musste sie wiederholen. Wollten zu viele zuhören. Die Schlange vor der Dompforte zog sich einen Kilometer lang durch die Kölner Innenstadt. T-Shirts hat sie hinterher drucken lassen, auf denen stand „I was in The Queue“.

Kälter war es im Trondheimer Dom – beinahe tausend Jahre alt, „Herz Norwegens“ – als sie hier „Firedove“ aufgenommen hat, ihr jüngstes (Orgel-)Album. Das war im Januar und nachts um drei. Organisten sind Nachttiere. Aber dazu später mehr.

Jetzt ist Nachmittag. Kameras stehen herum im Trondheimer Dom. Kabel werden verlegt. Von einem Mischpult am Rand der Vierung aus werden Bilder auf den eigentlich ziemlich langweiligen Orgelprospekt geworfen. Sterne, Wasserpflanzen, ein feuriger Ring. Morgen wird hier Anna Lapwoods Konzert aufgezeichnet.

Kein Konzert eigentlich. Eine Lapwood-Show. Ein gigantischer Hörkino-Abend mit Hans Zimmers „Da Vinci Code“-Musik, mit „Drachenzähmen leicht gemacht“ und Lapwoods gut vierzigminütiger Sinfonie, die sie aus Howard Shores Score zu Peter Jacksons „Herr der Ringe“ kompiliert hat. Monate hat das gedauert, sagt sie später. Immer wieder habe sie die DVDs abgehört, die Musik transkribiert und dann in eine ganz eigene Form gebracht, orchestriert, dramatisiert.

Spinnenbeinig ist Anna Lapwood in die Kathedrale gekommen. Grünes Jackett, zwei Stofftaschen über dem Rücken, eine für Tablet und Notizbuch. Eine für die Orgelschuhe. Die sind wichtig. Die müssen weich sein, mit den Füßen ändert sie Registrierungen, drückt auf golfballgroße Knöpfe, tanzt auf Tasten. Anderthalb Jahre, sagt sie, hält ein Paar.

Größe ist schon wichtig

Sie ist unheimlich schnell. Hüpft herum. Elektrisiert alle. Und dann sitzt sie da in einem ärmellosen Shirt. Stoisch. Und spielt und singt elbenhaft. Stört sich nicht am Gewusel um sie herum.

Das Jackett liegt hinter ihr auf irgendeinem Stuhl. Die Schuhe glitzern. Das Tablet steht vor ihr auf dem Notenpult – rote Punkte markieren die Registratur, grüne, wann sie das Manual wechseln muss, lila für Registerwechsel. Sie ändert ständig. Mit dem Blinzeln ihrer Augen blättert sie um.

Größe, sagt die schmale, gazellenhafte Frau, ist schon wichtig für das, was sie macht. Drei Manuale braucht sie mindestens, ein modernes Sequenzersystem, unter hundert Registern geht eigentlich gar nichts. Sie mischt die Farben, sie orchestriert ihre Musik, nicht grell, warm soll sie klingen, das ist ihr Ideal. Die 400 verschiedenen Kombinationen von Klängen, die ihr Programm braucht, sagt sie, kriegt man auf kleinen Orgeln nicht hin.

Das bekommt sie auch nicht an jeder Orgel gleich hin. Vierzehn Stunden, sagt sie, braucht sie, um ihr Hörkino zu übertragen auf ein neues Instrument. Acht Stunden, um die Registrierung auszutüfteln. Bei großen Orgeln dauert das manchmal länger. Sechs Stunden dann, um die Abläufe in ihre Muskeln zu bekommen. Nachts macht sie das vor allem, wenn die Kirchen, die Philharmonien geschlossen sind. Orgelspiel ist Nachtarbeit – und Ganzkörperarbeit. Wenn sie Zeit hat (sechs bis acht Stunden übt sie täglich), schwimmt sie. Und geht. „Ich gehe sehr schnell“, sagt sie.

Sie lässt die Klänge wandern an den Wänden des Doms entlang. Das kann man hier prima, weil die verschiedenen Werke der Orgel über das ganze Gotteshaus verteilt sind. In diesen Raumklang, dieses musikalische Totaltheater, das sie entfesseln kann, hat sie sich verliebt, als sie das erste Mal hier war. Nach einem schrecklichen Flug war das, auf dem alles schiefging. Und dann saß sie da am Spieltisch. Und der ganze Stress war wie von den Tausenden Pfeifen weggeblasen.

Dass sie mal schüchtern und introvertiert gewesen ist, wie sie erzählt, kann man sich kaum vorstellen. Die Orgel, von der sie sagt, nicht sie spiele sie, sondern sie werde von ihr gespielt, hat ihr geholfen, hat sie größer gemacht, selbstbewusster. Es hat dennoch gedauert, bis sie sich aus den Vogelnestern und von den Emporen heruntergetraut und in die Sichtbarkeit gewagt hat. Bis sie sich aus der, wie sie sagt, Komfortzone des klassischen Organistentums getraut hat, die so komfortabel für sie gar nicht war, weil sie – die alles spielen kann – Angst hatte, was falsch zu machen, dem Konkurrenzdruck nicht mehr zu genügen.

Los ging’s mit der Musik lange vor ihrer Zeit. Eine Wahrsagerin hat ihrer Oma aus den Karten gelesen, dass eines ihrer Kinder musikalisch besonders begabt sein werde. Das hat dann eine Generation übersprungen. Ihr Vater – Prior an der Parish Church in High Wycombe – hat ein bisschen gesungen. Aber dafür gesorgt, dass immer Musik war bei den Lapwoods.

Mit vier hat sie die ersten Klavierstunden bekommen. Dann hat sie – ihrem Bruder hinterher, der irgendwann aber Schluss machte mit der Musik – ein Instrument nach dem anderen gelernt, sich überwiegend selbst beigebracht. Auf 15, sagt sie, kommt sie nach letzten Zählungen. Mit der Harfe ist sie dann ins National Youth Orchestra gekommen. Irgendwann siegte dann aber doch die Orgel.

Ein Mädchenchor für Cambridge!

Anna Lapwood wurde – sie war überall die Jüngste und die erste Frau – die erste Orgelstipendiatin in der Geschichte des Magdalen College in Oxford, dann – 2016 war das und sie 21 – die erste Musikdirektorin in der Geschichte des Pembroke College zu Cambridge. Da hat sie gleich einen Mädchenchor gegründet.

Und da wäre sie möglicherweise immer noch, hätte es diesen Abend in der Royal Albert Hall nicht gegeben. Ein Mitglied der Band von DJ Bonobo hatte sie nachts nach einer Show auf der „Stimme des Jupiter“ spielen hören, der ehemals weltgrößten, von Henry Willis gebauten Orgel (147 Register, 10.000 Pfeifen). Bonobo wollte sie am nächsten Abend unbedingt dabeihaben. Sie arrangierten, schrieben zwölf Stunden lang am Programm herum.

Dann saß sie da im Gewitter der Lichter. Es änderte ihr Leben. Besser: Der anschließende YouTube-Erfolg tat das. Sie fing an, endgültig nur noch ihrem musikalischen Instinkt zu folgen, nur noch die Musik zu spielen, die ihr taugt – und sich einen Dreck zu scheren um die konservative Stiff-Upper-Lip-Fraktion der Orgelwelt. Menschen barrierefrei für Musik zu begeistern, ist ihre Mission. Und gerade Frauen auf die Orgelbänke zu bringen (acht Prozent der Orgelstellen sind mit Frauen besetzt).

Auf #organtok auf der Internetplattform TikTok erzählt sie Geschichten von sich und ihrem Leben mit dem größten Instrument der Welt. Und ist sich für nichts zu schade. Das hat sie so sichtbar gemacht, dass sie sich ihre Reservate der Ruhe erkämpfen muss.

Morgen wird sie vor dem Konzert tun, was sie immer tut. Dasitzen in der Stille. Anderthalb Stunden lang. Sie wird die Gedanken aufschreiben, die ihr durch den Kopf gehen. Notieren, erinnern, was sie an genau diesem Abend vorhat. Dann isst sie eine Banane, macht Atemübungen.

Dann hüpft sie raus. Und hält Zwiesprache mit ihrem Publikum. Nicht nur musikalisch. Sie moderiert, sie erzählt. Sie reißt mit ihrer Energie, ihrer gänzlich undivenhaften Fröhlichkeit und Nahbarkeit sämtliche Brandmauern zwischen Klassik und Pop ein, die gerade Orgelfans gern noch im Kopf haben.

Gelegentlich, wenn man hier so sitzt und Anna Lapwood die Piraten aus der Karibik durch den Dom jagt und die Orks, wünscht man sich eine kleine, feine Fuge von Bach herbei. Oder so eine Toccata von Charles Widor. Kann sie auch. Spielt sie auch. Will sie aber gerade nicht.

Es wird ein bunter Abend. Ein Abend voller Abenteuer. Der geht noch lang. Das Adrenalin wird sie so wenig loslassen wie einen Radrennfahrer nach der Etappe auf den Tourmalet. Kann schon mal bis drei Uhr gehen, bis sie sich beruhigt hat, sagt sie. Organisten haben halt einen anderen Biorhythmus.

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