Die Klaviertasten scheinen zu fliegen, das Metronom knattert den Schicksalstakt. Erst ist er nur eine Silhouette von hinten, dann sitzt er da, in gelbblauen „Werther“-Kleiderfarben – und die Haare hängen wild, hohl sind die Wangen. So wird er, in Gestalt des durchaus leidenschaftlich agierenden Akteurs Eryk Kulm, rosig-bleich wiedergeboren für das Instagram-Zeitalter: Monsieur Frédéric Chopin, die die Salons beglückende, kreischig-spillerige Partymaus.

Und bald spuckt er auch Blut, die Tuberkulose-Diagnose folgt kurz darauf. Frische Luft und Sonne werden verordnet. Chopin flieht zurück nach Polen, soll heiraten, doch er kann nicht lieben. „Ich fühle nichts“, seufzt der ennuyierte Chopin und sucht die Flucht vor der Verlobung in Dresden. Die Braut wird sowieso einen anderen heiraten. Irgendwann erscheint die Zigarren schmauchende Frau Sand in Hosen und fragt: „Warum sind Sie so traurig?“

Es folgt hektischer Beischlaf in der Kutsche, dann geht’s zum berühmten feuchten Winter nach Mallorca, wo Adam und Eva ein nasses Paradies erwartet. Chopin rettet sich hustend gerade noch so aus dem Abenteuer, das Regentropfen-Prélude bleibt ausnahmsweise akustisch außen vor. Die nervigen Schülerinnen und oberflächlichen Gönnerinnen sind dem neuen Chopin nun egal, denn er hat keine Lebenszeit mehr, muss nicht mehr gefallen, sondern komponiert, was er fühlt: „Schon bald bin ich tot, zum ersten Mal bin ich frei“, lautet jetzt das Motto.

„Chopin – Eine Sonate für Paris“ ist nun auch in deutschen Kinos erschienen. So fabulieren sich die Polen in der mindestens fünfzigsten hausgemachten Verfilmung über das Leben ihres nie vom Klavier weggekommenen, so schwer zu fassenden Nationalkomponisten einmal mehr Kitsch und Kolportage zusammen. Dem Chopin der polnischen Schulbücher, der mit leidender Miene am Flügel sitzt, während draußen die Weiden rauschen und die Heimat verloren ist, stellt Regisseur Michał Kwieciński nun in den Kinos einen eitlen, nervösen, witzigen, gelegentlich ziemlich unausstehlichen jungen Mann gegenüber, der sich in Paris amüsiert, Menschen sammelt, Frauen verwirrt, Freunde braucht, Applaus genießt – und nebenbei einige der schönsten Klänge erfindet, die jemals aus einem Klavier kamen. Und das mit unverfrorener Unverschämtheit gegen die historischen Fakten.

Ein Chopin wider besseres Wissen in „Chopin – Eine Sonate für Paris“

Was der Film wieder nicht zeigt, sich nicht traut, obwohl die Zeit doch dafür überreif sein sollte: Chopin, der meist das Erste ist, was man in Gestalt des nach ihm benannten Warschauer Flughafens in Polen betritt, liebte Männer – unerfüllt und schmachtend.

Das kann man – mag die konservative Forschung noch so sehr Briefstellen falsch übersetzen (vieles wurde zensiert, gar vernichtet), wegsehen, Verlobungen und Damenaffären erfinden – längst nicht mehr leugnen. Selbst George Sand, die angeblich so große, unsterbliche (zumindest auch bisexuelle) Geliebte, wundert sich brieflich, dass ihr neuer, berühmter Lover so gar nicht in die amourösen Gänge kommt. Die auch nicht mehr als romanische Briefschwärmereien des 19. Jahrhunderts wegzuwischende Korrespondenz spricht, wenn man die richtigen, unverstellten Schlüsse zieht, eine deutliche Sprache. Chopin war schwul. Was ihn als Objekt heutiger Begierde eigentlich interessanter machen müsste. Nur eben nicht im erzkatholischen Polen.

Michał Kwieciński hätte die Chance gehabt, solches zumindest als emotionale Möglichkeit in sein hektisches, in seiner Vorhersehbarkeit ödes Biopic einfließen zu lassen. Sie wurde krachend verschenkt. Aber warum sollen die Polen das schaffen, was den Deutschen mit Mozart (zumindest in der grauenhaften ARD-Serie) auch nicht gelungen ist: ein glaubwürdiges, für heute nachvollziehbares, zeitgeistiges, trotzdem authentisches Komponistenporträt zu modellieren.

Zum Glück ist passgenau das Buch „Chopins Männer“ im Schwabe Verlag erschienen. Darin fächert der Schweizer Rundfunkredakteur und Autor Moritz Weber akribisch und umfassend (auf 549 Seiten!) auf, was er bereits 2020 in der Radioserie „Chopin war schwul – und niemand sollte davon erfahren“ im SRF ausgebreitet hat: Die angeblichen Verlobungen sind alle erfunden. Es gibt keinen einzigen Liebesbrief von Chopin an eine Frau, aber sehr viele an den ihm von Kindheit an bekannten Gutsbesitzer Tytus Woyciechowski. Ihre Beziehung wird durch seinen Umzug nach Paris und die anschließende Revolution abgebrochen. 19 Jahre sehen sie sich nicht mehr. Woyciechowski, dem mehr als zehn Kompositionen gewidmet wurden (auch die beziehungsreichen „Là ci darem la mano“-Variationen), heiratet und bekommt vier Kinder.

Chopin stirbt 1849 an der Tuberkulose. Ihm blieb nur „der schmutzige Traum, den ich von dir hatte“, wie er einmal dem Geliebten gesteht. In Paris, umgeben von einem Kreis schwuler Dandys aus Künstlerkreisen, nicht weit weg von den Hotspots männlicher Cruising-Umtriebe, ließ es der gar nicht so blutleere Chopin krachen: „Man kann sich hier mit vorsichtiger Leichtigkeit amüsieren. Riesendinger, grandiose Urinale, wo es trotzdem keinen Platz hat, zu urinieren. Alles gebildet, alles gewaschen!“, so schwärmt er enthemmt bereits in den 1830er-Jahren.

Alles recherchiert von Musikjournalist Moritz Weber, der sich für „Chopins Männer“ (Schwabe Verlag) durch das Pariser Präfekturregister blätterte. Darin wird klar, wie Schwule im 19. Jahrhundert ihre Leidenschaften leben und doch die Gesellschaft zu täuschen imstande waren.

Doch die prüde Biografik des 19. Jahrhunderts will bis heute die ziemlich wahrscheinliche Homosexualität des berühmtesten polnischen Künstlers nicht wahrhaben – wie die von Papst Johannes Paul II. und Marie Curie übrigens auch. Das autoritäre Russland beteiligt sich ebenfalls an der Verschleierung von Homosexualität. Dort versucht man mithilfe der orthodoxen Kirche wieder, den fröhlich schwul lebenden, in deftigen Briefen mit seinem ebenfalls schwulen Bruder Modest sich ergehenden Peter Tschaikowsky geschichtsklitternd zum Hetero umzubiegen.

Chopin bleibt auch im neuen Biopic ein Hetero

Bei Frédéric Chopin freilich liegt der gleichgeschlechtliche Fall nicht ganz so eindeutig. Weil schlicht viele Beweise fehlen. Zum Beispiel verbrannten alle Briefe von Tytus Woyciechowski an Chopin angeblich im Zweiten Weltkrieg. Die Briefe Chopins blieben wundersamerweise erhalten. Und neun Jahre immerhin war das seltsame Paar Chopin-George Sand zusammen, er hustend, sie derb, ohne je eine Wohnung zu teilen. Eine Vernunftbeziehung also, eine Zweckgemeinschaft – eine queere Reisetruppe? „Ihr Gesicht ist unangenehm, hat mir gar nicht gefallen. Sie hat etwas Abstoßendes.“ So schreibt Chopin über Sand. Sie erzählt brieflich von einer „keuschen und mütterlichen Liebe“, nennt ihn Chip-Chip, den Kleinen, das Kind. „Amour fou“ sah gerade in Frankreich anders aus.

Tytus hingegen bekam zu hören: „Du hast mich gelehrt zu fühlen“, „Ich liebe nur dich“ und „Ich werde dich in einer Woche wieder liebkosen“. So liest sich beständige Entflammtheit. Seine wahren Emotionen hielt der 20-jährige Chopin, der knallhart kalkuliert in den Salons als bleicher Klavierpoet zum Objekt weiblicher Anbetung werden musste, sehr bewusst und nachhaltig verborgen. Und war darin eben doch ein Kind seiner Zeit.

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