Aus dem hellen Foyer des Pei-Baus muss man in das Halbdunkel des Kellers hinabsteigen, um die neue Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin zu besuchen. Und das hat seine Richtigkeit. Denn „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ untersucht die Leichen im Keller fast aller europäischen Länder. Wer nach einigen Stunden aus diesem Horrorkabinett wieder ins Licht auftaucht, ist – wenigstens für kurze Zeit – verändert.
Vergleiche des NS-Regimes mit anderen Formen der Gewaltherrschaft sind in Deutschland mehr als anderswo umstritten, zu Recht. Denn hier lag und liegt die Versuchung nahe, mit dem – notwendigen und berechtigten – Vergleich auch eine Relativierung der deutschen Verbrechen zu betreiben.
Das war beim Historikerstreit 1986 um die Vergleichbarkeit der Verbrechen Stalins und Hitlers bei einigen Protagonisten der Fall. Das ist heute der Fall, wenn linke wie rechte Aktivisten von einem den Deutschen eingebläuten „Schuldkult“ reden, der – so die Linken – die Deutschen hindere, den Zionismus zu bekämpfen, oder – so die Rechten – sich des „Großen Bevölkerungsaustausches“ zu erwehren.
Analogien – und beträchtliche Unterschiede
Nicht ganz so plump ist jene Kritik, die zuerst im Zusammenhang mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg von antikolonialen Intellektuellen wie Aimé Césaire formuliert wurde. Césaire meinte, einen „Bumerangeffekt“ zu erkennen: Die koloniale Gewalt der Weißen schlage nun auf sie selbst zurück. Was der „christliche Bourgeois Hitler nicht verzeihen kann“, so Césaire, „ist nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen gegen den Menschen, nicht die Erniedrigung des Menschen als solchen, sondern das Verbrechen gegen den weißen Menschen, die Erniedrigung des weißen Menschen und die Tatsache, dass er in Europa kolonialistische Methoden angewandt hat, die bis dahin ausschließlich den Arabern in Algerien, den ‚Kulis‘ in Indien und den ‚N*gg*rn‘ in Afrika vorbehalten waren.“
Diese Haltung kommt auch im Feiertagsgerede über den „Zivilisationsbruch“ durch die Nazis zum Ausdruck. Als hätten zur europäischen Zivilisation nicht seit Jahrhunderten und auch im 20. Jahrhundert Gewalt, Rassismus, Sklaverei, Zwangsarbeit, Konzentrationslager, Massen- und Völkermord, ja auch industrielle Vernichtung – etwa die Entvölkerung weiter Teile Abessiniens durch aus der Luft geflogene Giftgaseinsätze der Italiener in den 1930er-Jahren – gehört. All das dokumentiert die Ausstellung im DHM.
Ein Gemälde erinnert an die erste Schlacht von Tembien 1936, in der äthiopische gegen vorrückende italienische Truppen kämpftenWährend Großbritannien mithilfe des Empire den Faschismus und Nationalsozialismus in Europa und den japanischen Imperialismus in Asien bekämpfte, kam es in Britisch-Indien 1943 zu einer vollkommen vermeidbaren Hungersnot, bei der zwei bis drei Millionen Menschen starben. Vermeidbar deshalb, weil das Land währenddessen noch Weizen für die britische Armee und Bevölkerung lieferte. Es ist ein Schandfleck, der auch dann unverzeihlich bleibt, ja gerade dann, wenn er von der Nazi-Propaganda weidlich ausgeschlachtet wurde. So wie die kolonialen Verbrechen auch dann Menschheitsverbrechen bleiben, wenn sie von antikolonialen Aktivisten benutzt werden, um den Holocaust im Sinne Césaires zu relativieren.
Hinzu kommt, dass der deutsche Krieg im Osten tatsächlich auch ein Kolonialkrieg war. Ost-Polen, Weißrussland und insbesondere die Ukraine sollten, wie Hitler sagte, „unser Indien“ werden, die Kornkammer des Reichs, wo eine kleine Schicht „arischer Wehrbauern“ eine Masse slawischer Sklavenarbeiter beaufsichtigte.
Die Analogien und beträchtlichen Unterschiede zwischen der britischen Herrschaft in Indien – oder der französischen in Algerien – und der deutschen Besatzungspolitik in Osteuropa hätten wohl eine eingehendere Untersuchung verdient, als es eine thematisch so weit gefasste Ausstellung erlaubt. Doch sollte man bedenken, dass die Schau, wie DHM-Direktor Raphael Gross im Vorwort zum lesenswerten Begleitband schreibt, „Neuland“ betritt: „Bisher hat wohl noch kein Museum versucht, diese historischen und politischen Konfliktfelder in einer Ausstellung zum Thema zu machen.“
Der Schrecken überwiegt
Ist sie gelungen? Schaut man sich die Kommentare an, zu denen die Besucher, wie es heute üblich ist, am Ende des Rundgangs eingeladen werden, könnte man meinen: Nein, da überwiegt der schlichte Schrecken über die Fülle der dokumentierten Grausamkeit der angeblich zivilisierten Menschheit gegen angeblich weniger zivilisierte Menschen – und kaum die von Gross beschworene „historische Urteilskraft“.
In dieser Fülle kann der – in der Ausstellung dokumentierte und betonte – Unterschied zwischen kolonialer Gewalt und der speziell gegen die Juden gerichteten Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten untergehen. Er liegt eben nicht in dem Unterschied zwischen der Knute des kolonialen Aufsehers und dem Kanister Zyklon B, den beiden ersten Ausstellungsobjekten. Denn, wie die Schau auch gleich eingangs betont, benutzten auch die Aufseher in Auschwitz Knuten, und die Kolonialisten zuweilen industrielle Vernichtungsmethoden.
Der Wesensunterschied liegt vor allem in der Ideologie und ihren Folgen. Kein Kolonialist wäre auf den Gedanken gekommen, eine „schwarze Weltverschwörung“ anzunehmen, die darauf aus sei, die „weiße Rasse“ zu unterwerfen und zu vernichten. Im Gegenteil, die unterstellte Minderwertigkeit aller „Farbigen“ war die Rechtfertigung ihrer Unterwerfung. Allein den Juden unterstellte man die schier übermenschliche Bosheit und Intelligenz, die Welt beherrschen zu wollen und zu können – und sich dafür der Bolschewisten und der Kapitalisten, der Kolonialisten und des Antikolonialismus zu bedienen.
Noch heute unterstellen Rassisten selten den Zuwanderern böse Absichten; im jüdischen Finanzier George Soros etwa sehen sie den Kopf hinter dem „Großen Austausch“. So wie der lange von der deutschen Elite umworbene postkoloniale Theoretiker Achille Mbembe den Israelis vorwirft, die Speerspitze einer geplanten neokolonialen Unterwerfung der Welt zu sein und die entsprechenden Techniken an den Arabern auszuprobieren, weshalb die irische Schriftstellerin Sally Rooney meint: „Die Befreiung Palästinas ist der Anfang der Befreiung der Welt.“ Darunter tat und tut man es nicht, darum überlebt der Judenhass den Kolonialismus, dem er in Gestalt des Antijudaismus auch voranging.
Die provokative Schau des DHM wirft also genauso viele Fragen auf, wie sie beantwortet, und verlangt geradezu nach vertiefenden und erweiternden Ausstellungen. Mehr kann man nicht verlangen.
Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ ist bis zum 11. April 2027 im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin zu sehen.
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