Good Cop, Bad Cop: Ein wenig erinnert die Dynamik zwischen einem Vater und seinem Bruder an die Verhörmethode der Polizei. Und es muss gefragt werden, ob sich der Vater in der Rolle des Bad Cop überhaupt wohlfühlt, während sein Bruder, der Onkel seines Kindes, sich in den Vorteilen der Rolle des Good Cop sonnt. Aber was soll er schon machen? Sein Kind muss eben zum Zähneputzen gezwungen und zu Hausaufgaben angehalten werden, und auf die Idee, die Spülmaschine einzuräumen, kommt das Kind in der Regel auch nicht allein.

Alles Dinge, mit denen sich der Good Cop nicht herumschlagen muss. Bei ihm ist Wohlfühlprogramm angesagt: Er darf mit seinem Neffen ins Fußballstadion, ihm eine Bratwurst kaufen und danach gibt es vielleicht sogar noch einen Artikel aus dem Fanshop. Wahnsinn, was für ein schöner Tag! Vor Euphorie kann das Kind abends nicht schlafen. In seinem Kindskopf wächst nun der leicht anstößige Gedanke, ob es nicht schöner wäre, wenn der Onkel der Vater wäre. Bei ihm kann es sich frei entfalten und muss kein Abbild elterlicher Erwartungen sein. Dass es sich beim Onkel nur so befreit fühlen kann, weil der eigene Vater die Erziehungsarbeit erledigt, kann ein Kind noch nicht so sehen.

Denn der Onkel ist nur der bessere Vater, weil er nicht der Vater sein muss. Müsste er sich über Zähneputzen und Hausaufgaben Gedanken machen, bräche sein Kartenhaus zusammen. Genau das passiert im Filmdrama „Come on, come on“, in dem Joaquin Phoenix einen kinderlosen Radiojournalisten spielt, der sich vorübergehend um seinen neunjährigen Neffen kümmert. Für den kleinen Jesse ist das anfangs ein Riesenabenteuer. Sein Onkel streift mit ihm durch die Stadt, zeigt ihm seine Aufnahmegeräte. Doch irgendwann muss auch der coole Onkel wieder Geld verdienen. Es fällt ihm zunehmend schwerer, das mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren. Der Onkel wird zum Vater und just in diesem Moment findet auch seine Idealisierung ein Ende.

Die Freiheit des Onkels, die Grenzen des Vaters

Für den leiblichen Vater wäre es nun ein Leichtes, schelmisch die Hände zu reiben und dem Kind klarzumachen, dass es sich beim coolen Onkel eben um einen Hallodri handelt. Er sollte davon absehen und dem Kind zuliebe die bittere Pille schlucken: Er bleibt stetsein wenig der Bad Cop.

Und das ist auch gut so, denn erstens: Wenn es mal Krach gibt und eine Entscheidung ansteht, denkt das Kind zuerst an den eigenen Vater. Trotz aller Verführungen mit Bratwurst weiß auch ein Kind, dass ein erwachsener Mann, der sich so unverkrampft gibt und nicht einmal seine Hemden bügelt, die ganz großen Probleme doch nicht lösen kann.

Zweitens muss sich der Vater eingestehen, dass auch er als Kind von zwanglosen Charakteren profitiert hat, die keine Erwartungen an ihn stellten. Ein Teil von ihm würde auch noch gerne so kindisch sein wie der Bruder. Aber philosophisch gesehen ist es ganz einfach: Die Freiheit, die das Kind beim Onkel genießt, verdankt sich auch den Grenzen, die ihm der Vater setzt. Es ist wie beim Verhör: Ohne den einen kommt auch der andere nicht weiter.

Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen.

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