Da ist die Mutter, aufgewachsen in einem großbürgerlichen Haushalt, die sich mit 17 den elterlichen Heiratsplänen entzieht und in ihrer „bizarren, antibürgerlichen“ Haltung einen mittellosen, drei Jahre älteren Hilfsarbeiter auswählt, der sich als angehenden Schriftsteller sieht: Gisela Elsner heiratet Klaus Roehler.
So beginnt Oskar Roehlers neuester Roman „Das weiße Blatt Papier“. Der Vater liest bei der Gruppe 47 und lektoriert Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“. Aber sieben Jahre später ist es Gisela Elsner, die reüssiert, Preise bekommt und versucht, „den ganzen Wahnsinn in ihrem Kopf auf ein weißes Blatt Papier [zu] bannen“. Währenddessen sitzt ihr Mann „in der Scheiße“, muss sich um das Kind kümmern und sieht in seiner Überforderung keine andere Möglichkeit, als den dreijährigen Oskar mit Alkohol betrunken zu machen, um ihn ruhigzustellen. Nur mit dem Schreiben will es trotzdem nicht mehr klappen. 1963 lassen sich die Eltern scheiden. Oskar kommt zu den Großeltern, verbringt dort eine „glückliche Zeit“, die poetisiert wird.
Aber dann die große Überraschung, als der Vater die Großeltern-Ära beendet, den Sohn wieder zu sich nimmt, ihn in einen Keller einsperrt und gelegentlich, etwa bei einer Party, den Freunden Grass, Johnson und Enzensberger vorzeigt, indem er dem spindeldürren Jungen „die Pyjamajacke über den Kopf und die Pyjamahose“ herunterzieht und mit „der Spitze eines weißen, federnden Stocks“ die „durch die Rachitis hervorgerufenen Missbildungen“ hervorhebt.
Enzensberger empfiehlt dem Vater, den Sohn anzuketten, damit er nicht mehr ausreißen kann. Später am Abend werden Reden für Willy Brandt entworfen, und der Junge muss zurück in den Keller. Der Lektor schindet sein Kind, und die Intellektuellen klatschen dazu? „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, Resteficker, mich zwei Jahre in deinen Keller zu sperren?“, fragt der Ich-Erzähler, der von nun an diese Invektive für den Vater verwendet. So wird aus Hass Verachtung.
Nicht auszudenken, wenn er, der jähzornige und unverhofft gewalttätige Kontrollfreak, mitbekommen hätte, was der Junge noch so in der Schreibtischschublade entdeckt. Eine Waffe, ein Foto aus dem April 1945 mit Jungs, von denen vermutlich niemand mehr lebt, „das Dokument der Waffen‑SS mit dem Konterfei des unausgegorenen Sechzehnjährigen“. Es waren „die Symbole und Insignien seiner Identität“. Mehr als einmal kommt dem Jungen der Gedanke, die Waffe zu nehmen und den im Bett liegenden, seinen Rausch ausschlafenden Vater zu erschießen.
Rebellion im Internat
Im Internat ist er dann „ein gefangenes Tier“, das sich mit Krankschreibungen vom Schulbetrieb absentiert. Er hat Hass auf die „dümmlichen, verpickelten Pubertätskrüppel“. Er nimmt sich „Heideggers Sein und Zeit, den ,Archipelagus‘ von Hölderlin und den Ackermann von Böhmen“. Bisweilen brüllt er in die leeren Gänge seine Wut heraus oder setzt einen Kothaufen in den Flur. Schließlich die Flucht, Einbruch beim Großvater, kein fester Wohnsitz mehr, „ich onanierte nachts auf Friedhöfen“.
Viele Jahre nach der Trennung der Eltern besucht der Sohn die Mutter auf ihren Wunsch hin wieder. Sie ist abgemagert, in schlechter Verfassung, aber immer noch Kommunistin. Er, der Sohn: „ein Punk mit kurz geschorenen Haaren, ein Totalverweigerer ohne festen Wohnsitz, der manchmal in einer Peepshow als Putzer arbeitete“. Der Rowohlt-Verlag hatte sich von Elsner getrennt. Captagon und Rohypnol waren die Helfer vor der gefürchteten Schreibhemmung. „Wir versuchten zu vergessen, was geschehen war, und betranken uns bis zum Umfallen.“
Inspiration im Kino
Erkenntnis und ästhetische Initiation findet Oskar im Kino. „Salò oder Die 120 Tage von Sodom“ von Pasolini, ein „langsamer, kalter Film, vollkommen hermetisch, der Grausamkeiten zelebrierte und langsam steigerte“ und dessen Bilder man nicht mehr aus dem Kopf bekam. „Vom amerikanischen Kino blieb nach Salò nichts mehr übrig außer einem gewissen Ekel vor der geistigen Primitivität.“ Dann „Im Reich der Sinne“ des japanischen Regisseurs Oshima und Fassbinders „In einem Jahr mit 13 Monden“, ein „verrückter Drogenfilm“.
„‚Salò’ war das Koks. ‚13 Monde’ waren das Heroin.“ Und weiter, wie ein frühes Manifest, wie ein Schwur des späteren Regisseurs: „Ich würde später das Filmhandwerk lernen und Tausende von Filmen gucken“, aber am Ende bleiben nur die drei.
Später wird der Erzähler den Kanon noch mit „Possession“ und „Eraserhead“ erweitern, über den dummen Film „Apocalypse Now“ lästern und „Taxi Driver“ rehabilitieren. Einer der Helden des Ich-Erzählers wird Andreas Baader, „die Verkörperung der Freiheit“. Der Vater prahlt mit der Bekanntschaft zu Gudrun Ensslin. Jahre später ist dann der „Glam weg“. Resignation: „Die Zeit war über die vier Leute, die da im Gang des Hochsicherheitstrakts saßen und vor sich hinbrüteten, gnadenlos hinweggegangen. Das war der eigentliche Mord an ihnen gewesen, dass man sie in einem Vakuum hatte sitzen lassen und ihnen zusah, wie sie sich langsam zerstörten.“
Und Ulrike Meinhof formuliert Briefe, die „auch ein unterzuckerter Hitler von der Tonalität her hätte schreiben können“. Vorläufige Endstation Frankfurt, Bahnhofsgegend, ein Mikrokosmos aus Junkies, Dealern, Prostituierten. Leben als Extrakt aus drei Initiationsfilmen. Von Ferne fühlt man sich an Dennis Cooper oder mindestens Jörg Fauser erinnert.
„Das weiße Blatt Papier“ ist eine maßlose Mischung aus Vaterhasserbuch, Internatsbericht, Bekenntnismanifest, Erweckungsroman, Ekeltraum, Filmerzählung, Verwahrlosungsgroteske und Rauschprotokoll. Der Ich-Erzähler, der Oskar Roehler ist oder vielleicht auch nicht, ist misanthropisch und liebevoll, desillusioniert und euphorisch, ungerecht und nicht versöhnt, aber niemals klagend oder larmoyant. Wer diese Zumutungen akzeptiert und aushalten kann, wird belohnt.
Oskar Roehler: Das weiße Blatt Papier. Ullstein, 240 Seiten, 24 Euro
Lothar Struck betreibt das Blog begleitschreiben.net. Zuletzt erschienen seine Erzählungen „Grindelwald & Liebevolle Gleichgültigkeit“.
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