Darauf haben James-Bond-Fans seit fünf Jahren gewartet. Fünf Jahre seit dem Start des 25. Bond-Films „Keine Zeit zu sterben“, an dessen Ende sich Daniel Craig in der Festung des Schurken mit tödlichen Nanobots infiziert, per Funk von seiner Geliebten Léa Seydoux verabschiedet und dann auf dem Dach des Bunkers wartet, bis die von ihm angeforderten Raketen alles zerstören.
Das hat echte Bond-Fans zwar durchaus beeindruckt, aber nicht verschreckt. Hat nicht immer die Devise „Nach dem Bond ist vor dem Bond“ gegolten, musste man nicht einfach die Ernennung eines Craig-Nachfolgers abwarten? Das nun allerdings schon so lange wie nie zuvor in der sechs Jahrzehnte andauernden Bond-Film-Historie. Und selbst wenn Mr. Bond Nr. 7 in absehbarer Zeit feststehen sollte, dauert es immer noch zwei Jahre, bevor der fertige Film zu sehen sein wird.
Mit den Probeaufnahmen in London wird ein Meilenstein gesetzt. Vier Einladungen an künftige Bonds haben die Produzenten angeblich ausgesprochen, und drei Namen sind bereits durchgesickert: der Brite Callum Turner (36), der zuletzt in der Liebeskomödie „One Night Only“ zu sehen war und zudem als Ehemann der Popsängerin Dua Lipa bekannt ist; Jack Lowden (auch 36, ebenfalls Brite), aktuell in der Agentenserie „Slow Horses“ als strafversetzter MI5-Agent zu sehen, sowie Josh O’Connor (noch ein 36-jähriger Brite), der in der Netflix-Serie „The Crown“ den jungen Prinz Charles spielte.
Eine Besetzungschefin mit Vorgeschichte
Die drei stehen für eine erhebliche Verjüngung der Figur, wenn auch nicht für eine radikale, wie es der 26‑jährige englische Musicalschauspieler Tom Francis gewesen wäre, der angeblich schon im Mai für die Rolle vorsprach. Nur die Nummer vier – falls sie es gibt – bleibt mysteriös, wir können aber zuversichtlich sagen, dass es sich um einen Mann handelt.
Callum Turner brächte, was ein Bond immer brauchen kann, eine kantige Härte mit. Jack Lowden wäre mit seinen 1,85 Meter immerhin sieben Zentimeter größer als Daniel Craig, während Josh O’Connor mit seiner Wärme für die Rolle des unnahbaren Agenten möglicherweise zu sanft wirken könnte. Alle drei sind keine vertrauten Namen, aber genau dies ist es, was die Produzenten suchen, Halbbekannte, die erst durch die Bond-Rolle berühmt werden.
Casterin Nina Gold im März bei den OscarsDie Casterin ist eine der berühmtesten ihres Metiers, die 59-jährige Waliserin Nina Gold, die unter anderem die Filme „Konklave“, „Die eiserne Lady“ und „Hamnet“ sowie die Serie „Game of Thrones“ besetzte – und Besetzungschefin für „Slow Horses“ (mit Jack Lowden!), „Rosebrush Pruning“ (mit Callum Turner!) und „The Crown“ (mit Josh O’Connor!) war. Die Kandidaten wurden vergangene Woche jedenfalls auf Herz und Nieren geprüft. Neben Stunts mussten die Schauspieler ihre Präsenz vor der Kamera und ihr Können in Dialogszenen beweisen.
Vorteil „Britishness“
Immerhin sind jetzt Namen aus dem Rennen, mit denen seit Jahren bondmühlenartig spekuliert wurde, vor allem der besonders hartnäckig gepriesene Idris Elba. Es begann bei der italienischen Premiere von „Ein Quantum Trost“, die einen Tag nach der US-Präsidentschaftswahl 2008 stattfand; Daniel Craig sagte damals, Barack Obamas Sieg deute darauf hin, dass die Zeit für einen schwarzen Bond gekommen sei. „Es war immer nur ein unrealistisches Gerücht“, sagte Elba jüngst in einem Interview mit dem Magazin „GQ“. „James Bond wurde aus gutem Grund so geschrieben, wie er geschrieben wurde. Aber ich habe mich dadurch geschmeichelt gefühlt. Im Übrigen glaube ich, dass ein Afrikaner als Bond in manchen Märkten einfach nicht ankommt.“
Elba ist zudem der Ansicht, dass eine Veränderung von Bond nicht wirklich notwendig ist. „Bond ist so unrealistisch, dass ein Hauch von Realität gut ist, aber wir sollten nicht versuchen, ihn ‚woke‘ zu machen. Ich denke, man muss dem Wesen der Sache treu bleiben: Realitätsflucht.“ Und da ist noch das Argument, das einen Elba-Bond von vornherein ausschloss: Er war zu alt. Bei Craigs Abschied war er 49, beim nächsten Bond wäre er Mitte 50 gewesen. Bonds müssen aber zehn Jahre „halten“.
Die Geschichte der Bond-Suchen ist voll von illustren Namen, die es nicht wurden. Cary Grant (der sich mit damals 58 zu alt fühlte) und Richard Burton (der zu viel Geld wollte) wurden es nicht, ebenso wenig Michael Caine (der nach „Ipcress – streng geheim“ nicht noch einen Geheimagenten spielen wollte). Clint Eastwood und Burt Reynolds waren auch mal im Gespräch, sahen aber ein, dass sie nicht „britisch genug“ waren, was in den Achtzigern auch für Mel Gibson galt (MGM wollte ihn, Bond-Gralshüter Albert Broccoli nicht). Christian Bale äußerte gar mal die Meinung, die Bond-Figur verkörpere „jedes verachtenswerte Klischee über England und britische Schauspieler“ – und disqualifizierte sich damit selbst.
Wie man sieht, war die „Britishness“ von 007 und dessen Darsteller immer ein entscheidender Punkt. Die Frage ist, ob sie es immer noch ist, denn Anfang 2025 hat Amazon MGM für mehr als eine Milliarde Dollar die „volle kreative Kontrolle“ über die Bond-Lizenz übernommen. Albert Broccoli starb 1996, seine Tochter Barbara und sein Stiefsohn Michael G. Wilson führten die Bond-Tradition die nächsten 30 Jahre weiter; jetzt werden die Entscheidungen von einem amerikanischen Gewinnmaximierer getroffen.
Der englische Stammbaum in der Regieabteilung wurde bereits 1995 für verzichtbar erklärt, als der Neuseeländer Martin Campbell „GoldenEye“ drehen durfte; ein paar Jahre später folgte dessen Landsmann Lee Tamahori mit „Stirb an einem anderen Tag“. Der Deutsch-Schweizer Marc Forster inszenierte „Ein Quantum Trost“, und den neuen Bond verantwortet der Kanadier Denis Villeneuve – dessen Muttersprache Französisch ist. Nun ja, eigentlich ist Bond ja Teilfranzose. Die Inspiration für „Casino Royale“ holte sich Ian Fleming in dem nordfranzösischen Badeort Le Touquet, und in der Bar des dortigen Hotels „Le Westminster“ unterschrieb Sean Connery seinen ersten Bond-Vertrag.
Callum Turner und Jack Lowden haben übrigens vor zehn Jahren in der Miniserie „Krieg und Frieden“ schon mal zusammen gespielt. Aber das war eine russische Geschichte.
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