Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im November 2026 lohnen sich – auch für kritische Lektüren:
1. Franz Walter:
Joachim Fest. Ein Leben im 20. Jahrhundert. dtv, 720 Seiten, 36 Euro*
Mit Biografien zu Albert Speer und Adolf Hitler sorgte Joachim Fest für Aufsehen, später war er 20 Jahre lang „FAZ“-Herausgeber. In seinem Leben verdichtet sich das 20. Jahrhundert, und Walter legt ein Personen- und Zeitporträt der Extraklasse vor. (Eine ausführliche Besprechung bei WELT folgt in Kürze).
2. Svenja Flaßpöhler:
Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen. Klett-Cotta, 304 Seiten, 25 Euro*
Treue gilt in der Multi-Options-Gesellschaft als verlogen, eine feste Beziehung als Besitzanspruchsdenken? Flaßpöhler erklärt, warum wahre Freiheit womöglich darin besteht, sich bewusst an eine Person zu binden. Lesen Sie hier ein Interview mit der Autorin.
3. Roger de Weck:
Glanz und Elend der Konservativen. Suhrkamp, 184 Seiten, 20 Euro*
Ob dieses Buch der deutschen Christdemokratie noch helfen kann? Ähnliche Analysen erschienen auch schon von Peter Hoeres und Thomas Biebricher. Zudem kann man den Klassiker „Konservatismus“ von Panajotis Kondylis studieren.
4. Otto-Hans Thomashoff:
Du bist nicht deine Eltern. Wie wir toxische Familien überwinden und in Freiheit leben. Ariston, 224 Seiten, 20 Euro*
Der Autor ist Psychiater und schildert seine eigene Kindheit in einer dysfunktionalen Familie. Schrittweise konnte er sich von Schuldgefühlen, emotionaler Abhängigkeit und alten Machtspielen befreien.
5. Antony Beevor:
Der letzte Akt. Rasputin und das Ende des Russischen Reiches. Reclam, 412 Seiten, 28 Euro*
Rasputin, der sibirische Wanderprediger am Hof des letzten Zaren, ist der perfekte Stoff für einen Historiker wie Beevor, der schreiben kann wie ein Klatschreporter. Ähnlich süffig zu lesen wie Simon Sebag Montefiore.
6. Martin Doerry, Hauke Janssen:
Augstein. Ein deutsches Leben. C. H. Beck, 533 Seiten, 34 Euro*
Diese Biografie über den Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ beleuchtet einen Machtmenschen im Medienbetrieb, der Geschichte geschrieben hat. Mit Staatsaffären, Frauengeschichten und NS-Vergangenheit.
7. Teresa Präauer:
Nie mehr weinen. Tränenkunde für Fortgeschrittene. Residenz, 96 Seiten, 20 Euro*
Warum weinen wir und warum so oft im falschen Moment? Es gibt drei Arten von Tränen und fünf Gefühle, die uns zum Weinen bringen. Doch nur in einem Fall weicht die Tränenchemie ab, erfährt man im Essay der österreichischen Schriftstellerin. Lesen Sie hier die ausführliche Buchbesprechung.
8. Susanne Weigelin-Schwiedrzik:
China und die Neuordnung der Welt. Brandstätter, 208 Seiten, 22 Euro*
Die Wiener Sinologin erklärt Chinas Weltmachtstrategie in Rivalität zu den USA und Russland – und erörtert, welche Handlungsoptionen Europa bleiben.
9. Wolf Biermann:
Ihr löscht das Feuer mit Benzin. Tagebücher. Über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall. Penguin, 416 Seiten, 32 Euro*
Biermanns DDR-Ausbürgerung 1976 hat Geschichte geschrieben. In seinen Tagebüchern schreibt er über Stasispitzel, Manfred Krug als aggressiven Autofahrer und den Selbstversuch, kurz vor dem Mauerfall in die DDR einzureisen. Lesen Sie hier einen Auszug.
10. Alexander Smoltczyk:
Lissabon 1941. Stadt der Spione, Hafen der Hoffnung. dtv, 346 Seiten, 26 Euro*
Erkennbar ein Buch für alle, die schon „Marseille 1940“ von Uwe Wittstock und „Die Buchhandlung der Exilanten“ von Uwe Neumahr gelesen haben. Auch der begnadete Reporter Smoltczyk macht Zeitgeschichte lebendig. Am Schauplatz Lissabon tummelten sich während des Zweiten Weltkriegs Exilanten und Agenten.
Die Extra-Empfehlung
Neben den zehn Favoriten der Jury kommt jeden Monat eine Extra-Empfehlung von einem Gast. Diesmal von Lisz Hirn (Philosophin und Publizistin). Sie empfiehlt:
Simone Weil: Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt. Matthes und Seitz, 102 Seiten, 9,99 Euro*
„In Christopher Nolans filmischer Interpretation der ‚Odyssee‘ kämpft sich ein alternder Held zurück in die Heimat, die er Jahre davor für den Krieg aller Kriege verlassen hat. Troja ist endlich gefallen, zurückgeblieben sind nicht nur Trümmer, sondern auch die Legenden jener Menschen, die das Epos ‚Ilias‘ thematisiert. Die Philosophin Simone Weil griff in den 1930er Jahren eben dieses Epos auf, um dessen Relevanz für die furchterregenden Entwicklungen ihres Jahrhunderts zu zeigen: ‚Der wahre Held, das wahre Thema, die Mitte der Ilias ist die Gewalt. Die Gewalt, wie sie von den Menschen geübt wird, die Gewalt, die die Menschen unterwirft, die Gewalt, vor der das Fleisch der Menschen zusammenschrumpft. Nicht Achill oder Hektor seien die Hauptfiguren der Ilias, sondern die Gewalt selbst. Sie ist die eine alles durchdringende wie unerbittliche Macht, die Menschen in Dinge verwandelt.
Das Außergewöhnliche der Ilias ist, dass in diesem Lied keine der beiden Kriegsparteien bevorzugt dargestellt wird. Sowohl Griechen als auch Trojaner, Sieger als auch Besiegte, werden schließlich Opfer der Gewalt: Achilles fällt für seinen Ruhm, Agamemnon heimkehrend durch die Hand seiner Frau Klytaimnestra. Weil resümiert, ‚dass man die Gewalt niemals bewundern soll, die Feinde nicht hassen und die Unglücklichen nicht verachten.‘ Man könnte schneller, als man denkt, zu ihnen gehören.“ (Lisz Hirn)
Die Jury der Sachbücher des Monats
Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, radio 3 vom rbb; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. – Die Redaktion der Jury-Voten liegt bei Andreas Wang.
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