Ein See, eine moderne Designervilla; flache Landschaft, diffuses Licht – weit im Nordosten. Andrei Swjaginzew hat in Lettland gedreht, wo alles postsowjetisch genug aussieht, denn in Russland hätte er diesen Film nicht machen können.

Aber „Minotaur“ ist ein Film, der kaum maskiert das Russland der „Spezialoperation“ in den Blick nimmt. Eine private und durchaus universale Geschichte aus einer russischen Provinzmetropole. An den Ausfallstraßen sieht man riesige Banner. Sie werben in bunten Lettern für den Krieg. Hohe Rubelbeträge winken denen, die sich freiwillig für die Front verpflichten.

Sehr deutlich wird der Ukraine-Krieg also gezeigt. Nur aus einer anderen Perspektive als der, die wir aus unseren Nachrichten kennen. Swjaginzew zeigt ihn als einen Krieg der Gesellschaft, in der er sich im Einzelnen abbildet. Etwa im Fernsehen, in Reden, die von den „Mächten der Dunkelheit“ und von den „Kräften Satans“ handeln. Und in privaten Gesprächen, die offener sind. Nicht zuletzt aber in der Art, wie um ihn herumgeredet wird. Und in der Art, wie er das Denken und das Handeln der Menschen durchdringt.

Swjaginzew hat sich von Claude Chabrols „Eine untreue Frau“ („La Femme infidèle“, 1969) inspirieren lassen. Der Umgang mit der Vorlage ist frei. Gleb, die Hauptfigur, ist leitender Manager. Eines Tages wird er vom Bürgermeister zu einem Treffen mit anderen Managern geladen. Es geht darum, dass jedes Unternehmen ein bestimmtes Kontingent an die Front abstellen muss.

Die ganze Ambiguität

Was macht man als Unternehmer, wenn man Menschen an die Front schicken muss, aber erstens die guten Mitarbeiter nicht verlieren will und zweitens weiß, dass ein Teil dieser vertrauten, vielleicht befreundeten Menschen im Fleischwolf des Krieges landen wird? Man rekrutiert neue Menschen. Das ist abgründig böse und zynisch – aber gleichzeitig ist es auch humanistisch-patriarchale Fürsorge für die eigenen Mitarbeiter. Jeder Mitarbeiter dürfte sich solche Chefs wünschen, die einen vor der Front bewahren – natürlich dient das auch dazu, dass die Arbeit weiter funktioniert.

Was soll Gleb denn sonst machen? All dies ist ihm in seiner ganzen Ambiguität und Abgründigkeit durchaus bewusst. Er zerbricht nicht daran, aber stumpft ab. Dmitriy Masurow spielt ihn bullig, gedrungen, muskulös, immer unter Druck, als wäre er kurz vorm Zerplatzen – ein Panther auf dem Sprung, wie eine zeitgemäße Ausgabe von Lino Ventura. „Minotaur“ ist auch das Porträt einer sehr klassischen Männerwelt.

Gleb (Dmitriy Masurow)

Schon in seinen Filmen „Die Rückkehr“, „Leviathan“ und „Loveless“ war Andrei Swjaginzew, einer der wichtigsten russischen Filmemacher des letzten Vierteljahrhunderts, nicht zuletzt ein Regisseur der Familien- und Geschlechterverhältnisse – allerdings derjenigen einer anderen Gesellschaft: Die Frauen sind klassische „Housewives“, gut aussehend und zurechtgemacht und wohl auch ein wenig desperate. Die Männer schaffen das Geld ran, klüngeln und saufen, und die Söhne werden dazu erzogen, auch so zu werden.

Architektur ist wichtig, wie immer bei diesem Regisseur: Die Räume sind steril wie bei Antonioni. Gleb ist der Bewohner jener Villa am See, von der eingangs die Rede gewesen ist, der Herr im Zentrum reicher, gutbürgerlicher Verhältnisse. Ein Familienidyll – Vater, Mutter, Kind –, das im Laufe dieses Films nicht unbedingt zerstört wird. Nur seziert und in seinen Bestandteilen offengelegt. Selten hat der Satz, dass das Private das Politische sei, mehr gestimmt als hier.

Glebs Ehe ist ausgeleiert; dass seine Frau fremdgeht, ahnt man schnell. Gleb auch. Doch als es gewiss ist, ist er erschüttert, gedemütigt und zerfressen von Eifersucht. Swjaginzew zeigt diese zentrale Episode in der Mitte des Films in einer Mischung aus Intensität und Distanz: Als die untreue Gattin im Apartment ihres Liebhabers, eines Fotografen, ist und die beiden erst miteinander reden, dann miteinander schlafen, gibt es eine 360-Grad-Kamerafahrt, die wie in Antonionis „Beruf: Reporter“ den Fotografen bereits als zukünftigen Toten erkennen lässt.

Gleb sucht den Nebenbuhler auf und erschlägt ihn mit seiner Kamera. Er macht das aber erbärmlich schlecht, hinterlässt Fingerabdrücke, ist überfordert davon, Spuren zu beseitigen. Das muss so sein. Denn das Verbrechen ist kein isolierter Akt, sondern Symptom eines kollektiven Zustands. Der Mord ist ein Riss, der es erlaubt, den inneren Zustand einer sozialen Klasse sichtbar zu machen: Doppelmoral der Individuen, Vertuschen von Verbrechen, Verbindungen zwischen Unternehmern, Bürgermeistern und Polizei, die bürgerliche Moral, zu der die Lüge ebenso gehört wie die Genugtuung – in der abschließenden Reaktion der Ehefrau, die ihren Gatten deckt und plötzlich wieder liebt. Alles sehr, sehr bürgerlich: Heuchelei, Privilegien und der ständige Wunsch, ja, auch die Notwendigkeit, den äußeren Schein zu bewahren.

Die Figuren dieses Films handeln weder aus patriotischem Idealismus noch aus tiefer politischer Überzeugung. Sie tun, was sie müssen, auch wider ihre Überzeugungen. Niemand fragt, was gerecht oder ungerecht ist; einzig die Bewahrung der eigenen (Wohlstands-)Verhältnisse zählt. So ist dies ein Film über Verrat. Dazu gehört auch, dass der Verrat verbindet – wenn man nicht darüber spricht. Swjaginzews Diagnose ist so trist wie seltsam tröstlich: Man kommt davon. Das Leben geht weiter. Es gibt keine strafenden Götter. Die Hölle, die ist hier. Und das Paradies.

„Minotaur“ kommt am 5. November 2026 in die Kinos.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.