Eine dieser komischen Janosch-Geschichten, die man sich in der Verlagswelt erzählt, geht so: Janosch, schon berühmt, hatte seinen Verleger nach Teneriffa eingeladen, vielleicht in einem jener Janosch-Momente ungeschützter Herzlichkeit, vor denen er dann selber erschrak.
Der Verleger also bestieg ein Flugzeug. Janoschs Adresse kannte er nicht, aber er verließ sich darauf, dass Janosch ihn abholen würde. So war es besprochen.
Am Flughafen in Teneriffa jedoch wartete der Verleger vergeblich, bis er nach Stunden wieder ein Flugzeug nach Deutschland bestieg. Dabei war Janosch – der Narrenkönig, eine Mischung aus Misstrauen und Schabernack – sehr wohl am Flughafen gewesen.
Er hatte sich nur hinter einer Säule versteckt und dem hilflosen Verleger zugesehen. Bleibt die Frage: Wie konnte so einer Geschichten schreiben, die einer ganzen Republik das Herz wärmten? Die Antwort ist erstaunlich einfach. Sie lautet: Janoschs Geschichten waren aus Sehnsucht gemacht.
„Ich schlag euch alle tot“
Tatsächlich war Janosch selbst so etwas wie Sehnsuchtsfigur. Er war die (zunächst lange namenlose) Persona, die Horst Eckert erfunden hatte, um nicht mehr Horst Eckert zu sein – ein kleiner, oft kränkelnder Junge aus dem oberschlesischen Hindenburg, den der Vater nach Horst Wessel benannt hatte und im Rausch mit der Peitsche blutig schlug.
„Ich schlag euch alle tot, ihr sollt mich kennenlernen“, so grölte es der sonst so elegante Textilhändler Hannes Eckert, wenn er nachts betrunken auf die Wohnung zuhielt und die Mutter, stets auf ihren Ruf bedacht, schon mal die Türen aufsperrte, damit der Alte sie nicht eintrat.
Die Persönlichkeit des kleinen Horst, so hat es der große Janosch gesagt, sei in diesen Jahren für immer zerstört worden. Und vielleicht ist dieser Janosch wirklich das gewesen, was Horst Eckert von sich retten konnte. Sein Vater sei „parfümiert und frisiert auf der Erde“ herumgekrochen. „Ich wollte mehr ein Held der Steppe sein.“
Sieger in Sachen Lebensfreude: Janosch mit 85 Jahren in HamburgKitsch? Nicht doch! Der Frosch und die berühmte Tigerente im „Tigerenten Club“ 1996Autoritäten jedoch blieben Horst „Janosch“ Eckert auf ewig verhasst, Bindungen hat er lange Zeit misstraut und Gutes hat er von den Menschen selten erwartet. Um in der Steppe das Glück zu finden, konnte man bessere Voraussetzungen haben.
Kornfeld-Hedonismus
Es brauchte tatsächlich ein enormes Talent, um trotzdem Karriere zu machen und der Janosch zu werden, dessen süße, oft süßsaure und manchmal bittere Weisheit ganz Westdeutschland auslöffeln wollte – so lange, bis Janosch der Wilhelm Busch der neuen Innerlichkeit war.
Janosch durfte die Grimmschen Märchen auf ihre linke, antiautoritäre Seite wenden („Janosch erzählt Grimms Märchen“). Er durfte die heilige Urlaubsfahrt über die Alpen verulken („Die Löwenreise“). Janosch durfte sogar, obwohl oder weil er Oberschlesier war, den „Polski Blues“ singen.
Janosch, das war der kindliche, ein bisschen hingeschluderte Strich seiner unverwechselbaren Illustrationen; Janosch, das waren der Strohhut und die Hängematte der Post-Wirtschaftswunderzeit; Janosch, das war der Kornfeld-Hedonismus nach der kleinen Kulturrevolution, bevor die Achtziger die Achtziger wurden und München, wo Janosch gelandet war, zur Geld- und Diskostadt.
Momente ungeschützter Herzlichkeit: Janosch 1984Janosch hauste damals in einem kleinen Haus am Ammersee, trank im „Domicile“ oder trank im „Hotclub“ und trank, Sohn seines Vaters, vor allem zu viel. Er mochte der hellste Stern am deutschen Kinderbuchhimmel sein – als Vorbild taugte er wenig.
Zuvor war auch die Steppe, deren Held er doch werden wollte, kein besonderer Ort für ihn gewesen. Hort Eckert, in Hindenburg noch für das Schlosserhandwerk vorgesehen, hatte nach der Flucht in einer Stofffabrik und einer Baumwollspinnerei gearbeitet und dann in Krefeld eine Textilfachschule besucht, um schließlich an der Akademie der Schönen Künste in München abgelehnt zu werden, als freischaffender Maler zu scheitern, Tapetenmuster zu designen und sich für Zeitungen kleine Geschichten auszudenken.
Sein erstes Buch schrieb er, kaum dass ihn ein Verleger dazu aufgefordert hatte, in einer einzigen Nacht. Anzahlung: eine halbe Flasche Cognac; Auflage: 100 Stück; der Verlag ging bald darauf pleite. Immerhin blieb Janosch der Name „Janosch“, den der Verleger für ihn fand.
Poppoff, Panama, Mogelzahn
Dass Janosch faul wäre, war Teil der Janosch-Legende. In Wahrheit ist der Mann, der Janosch verkörperte, immer sehr fleißig gewesen. Bis in die Siebzigerjahre perfektionierte er seinen naiven Kinderstrich, fand die kräftigen, klaren Farben und seinen schelmischen Ton, in dem er von Onkeln namens Poppoff oder einem gewissen Lari Fari Mogelzahn erzählte.
Mit Mitte dreißig klingt Janosch wie Janosch, mit Ende vierzig ist er berühmt. „Oh, wie schön ist Panama“, das sprichwörtlich gewordene Bilderbuch, erscheint 1978.
Es kommen damit zur Welt: der kleine Tiger, der kleine Bär und die ikonische Tigerente, die zu Janoschs Markenzeichen wurde und die er mal als „Kitsch“ beschimpfte, mal Friedrich Karl Waechter unterschob und auch mal als ultimatives Menschwesen überhöhte, weil sie wie der Mensch fremdgesteuert und zu Teilen eine Bestie sei.
Kleiner Tiger, große Sehnsucht
Tatsächlich dürften nicht einmal seine autobiografischen Romane aus den Neunzigerjahren („Cholonek“ etwa oder „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“) so viel über Janosch verraten wie die zum Klassiker geronnenen Geschichten vom kleinen Bären und vom kleinen Tiger.
Sehnsucht nach ehrlicher Kommunikation: Janosch-Bestseller „Post für den Tiger“Denn in „Oh, wie schön ist Panama“ (1979), „Komm, wir finden einen Schatz“ (auch 1979), in „Post für den Tiger“ (1980) und dem nachgelieferten „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“ (1985) hat sich der Janosch, der einmal Horst Eckert gewesen war, seine größten Wünsche von der Seele geschrieben.
Bär und Tiger bewohnen jedenfalls eine Welt, in der sich Janoschs Sehnsüchte allesamt erfüllt haben: die Sehnsucht nach einer wiedergefundenen Heimat („Oh, wie schön ist Panama“), die Sehnsucht nach unbedingter Liebe und die Sehnsucht nach einer unverstellten, aufrichtigen Kommunikation („Post für den Tiger“).
„Ich bin der Janosch“
In Wahrheit war Kommunikation mit dem misstrauischen Janosch immer schwer. Oft verschanzte er sich hinter lauter Ironien oder narrte Interviewpartner mit Schelmengeschichten. Einmal etwa beantwortete er jede Frage mit dem Satz „Ich bin der Janosch“ – und hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen.
Denn bald gab es nicht nur „Janoschs Traumstunde“ im Fernsehen, sondern auch eine Janosch AG, die der Kleine Bär und der Kleine Tiger in ihrer Weisheit nicht gegründet hätten und über die Janosch später auch nichts Gutes mehr zu sagen wusste.
1980 – gesundheitlich schwer angeschlagen und restlos überarbeitet – ist Janosch nach Ibizia und bald darauf weiter nach Teneriffa gezogen, wo er die perfekte Kulisse für die Janosch-Persona fand, eine alte Bäckerei ohne Strom und fließend Wasser und mit viel Platz für die Hängematte.
Von dort aus hat er seinen Ruhm gemehrt und verwaltet und von dort ist er irgendwann sogar nach Zabrze, ins alte Hindenburg, zurückgekehrt, um den Menschen dort in einem jener Janosch-Momente ungeschützter Herzlichkeit seinen Umzug nach Polen zu versprechen und es dann zu bereuen, weil er sein Panama doch schon gefunden hatte.
Dort, auf Teneriffa, ist er am 3. November friedlich für immer eingeschlafen. Janosch, der einmal der „Unglücksmensch“ Horst Eckert war, wurde 95 Jahre alt. „Was die Freude am Leben angeht“, so hat er es, hoch in den Achtzigern, seiner Biografin erklärt, halte er sich für einen Sieger.
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