„Ich will dir gar nicht sagen, was ich alles für Hüte aufhabe.“ So einen Satz könnte man sich geflüstert vorstellen, mit letztem Atem vor der totalen Erschöpfung. Oder als Eigenlob, mit Aplomb stolz in den Raum gestellt. Aber von wegen. Aus dem Mund von Sandra Lipski, der jungen Direktorin des Filmfestivals Mallorca, kommt er am Samstagvormittag einfach als nächster Ausweis von Unermüdlichkeit und guter Laune.

Die Unermüdlichkeit hat eine Vorgeschichte. 2012 war die gebürtige Berlinerin Lipski Schauspielerin in Los Angeles, hatte gerade die Filmschule nachgeholt und wollte ihren Abschlussfilm dort zeigen, wo ihre Familie lebt und sie aufgewachsen ist, auf Mallorca. Doch sie stellte fest, dass es dort, anders als im kleinsten kalifornischen Nest, kein Filmfestival gab. Also gründete sie eins, das Evolution Mallorca International Film Festival, wie es vollständig heißt: drei Tage, 25 Filme, ein Team von drei Leuten, „eher als Hobby“, erinnert sie sich, mit ein bisschen Geld aus einem Tourismustopf, der nur Veranstaltungen außerhalb der Saison bedachte, weshalb das Festival bis heute im Oktober stattfindet.

Inzwischen dauert es neun Tage – die 15. Ausgabe ging am Anfang November 2026 zu Ende –, zeigt mehr als 140 Filme aus 50 Ländern, die ehrenamtliche Programmer aus fast 2000 Einreichungen sieben, und zählt rund 4000 Zuschauer; die einzige Vollzeitstelle hat Lipski selbst. Im fünften Jahr kam Danny DeVito, „durch einen glücklichen Zufall“, und seither sagt kaum noch jemand ab: Steve Buscemi war da, Wim Wenders, Mads Mikkelsen gleich dreimal oder Ruben Östlund, der 2022 mit dem Cannes-Gewinner „Triangle of Sadness“ eröffnete und auf der Insel einen Zweitwohnsitz hat. In diesem Jahr gibt es Auftritte und lange Talks mit Iris Berben, Diane Kruger oder dem deutschen Oscar-Preisträger Edward Berger („Im Westen nichts Neues“).

Aus dem Pariser Schneideraum eingeflogen: Ruben Östlund überreicht Iris Berben den Icon Award, Sandra Lipski applaudiert

Seit vier Jahren widmet sich eine eigene Sektion der Kameraarbeit; Lipskis Mann, der Kameramann Rainer Lipski, hat sie mitgegründet, Sony sponsert sie. Die Balearenregierung und die Stadt Palma fördern. Und weil Palma terminlich mitten im Oscar-Rennen liegt und erstaunlich viele Academy-Mitglieder hier leben, hat das Kurzfilmprogramm einen Ruf: Die späteren Oscar-Gewinner der vergangenen acht Jahre, sagt Lipski, liefen alle hier.

In der Sektion mit den abendfüllenden Filmen ist so viel Avantgarde nicht nötig. Den Ehrgeiz, die am höchsten gehandelten Filme des Jahres zu entdecken, leisten sich nur die Platzhirsche Cannes, Venedig, Berlin, Toronto. Mallorca glänzt stattdessen durch guten Geschmack, genauer: durch Lipskis eigenen, wie sie freimütig zugibt („Das bin ich, das nehme ich mir raus“). Der Eröffnungsfilm dieses Jahr ist etwa Jordan Firstmans „Club Kid“ mit Cara Delevingne, der zwar schon in Cannes lief, aber dort auch nur ein paar Mal, und der in Deutschland noch nicht angelaufen ist. Oder Jane Schoenbruns Slasher-Hommage „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“, ebenfalls ein Cannes-Hit und einfach ein fantastischer Film mit dem Anspruch erzählerischer und formaler Originalität. Das Programm findet seine Balance in sonnensatten Komödien wie Bora Dagtekins stargespicktem „Der perfekte Urlaub“, der praktischerweise gleich auf der Insel spielt.

Dass ein Festival auch ohne Weltpremieren Stars anlockt, hat mit einer Verschiebung zu tun, die den Platzhirschen zu schaffen macht. Noch vor zehn Jahren schickten die Studios ihre teuersten Filme an den Lido oder an die Croisette, jedenfalls die mit künstlerischem Ehrgeiz. Ungefähr seit der Pandemie behalten sie sie lieber für sich: Wer 200 Millionen Dollar investiert hat, riskiert ungern einen Verriss drei Monate vor dem Kinostart, zumal sich eine Kampagne in den sozialen Medien auch ohne roten Teppich steuern lässt. Christopher Nolans „Odyssee“ etwa kam im Sommer ins Kino, ohne vorher auf einem Festival gelaufen zu sein. Gleiches gilt für „Digger“ mit Tom Cruise, und für „Dune: Part Three“, der im Dezember startet, ist keine Festivalpremiere angekündigt.

„Filmfestivals sind die Museen des Kinos“: Edward Berger, Oscar-Preisträger und Träger des Vision Award, in Palma

Berger, der längst für Studios und Streamer dreht, hält am selben Vormittag auf der Pressekonferenz im hübschen Boutique-Hotel Portixol, dessen Besitzer dem Festival ihre Räume überlassen, dagegen: Filmfestivals seien „die Museen des Kinos“, die Orte, an denen Filme aus kleinen Ländern und in kleinen Sprachen überhaupt noch ein Publikum fänden.

Wenn aber selbst Cannes die größten Filme nicht mehr bekommt, verliert die Weltpremiere als Währung an Wert – und ein Festival, das nie welche hatte, ist auf einmal kaum noch im Nachteil. Was es stattdessen bieten kann, ist Zeit. Iris Berben habe ihr nach dem Talk gesagt, erzählt Lipski, so entspannt sei sie auf einer Bühne selten gewesen, weil ausnahmsweise niemand über ihr Privatleben habe reden wollen. Diane Kruger kommt für 24 Stunden, ohne einen Film im Gepäck, weil ihre Managerin im Vorjahr hier war und ihr dazu geraten hat. Lipski hat für solche Gäste eine Formel, in der das Problem der Großen gleich mitsteckt: „Für uns sind das Blockbuster.“ Gleichwohl schickt sie hinterher, dass man das mallorquinische Publikum schon auch trainieren müsse – für „Elena’s Shift“ mit Maria Dragus seien bislang 80 von 120 Plätzen verkauft. Und: „Natürlich hätte ich gern 200.000 Euro mehr für alles. Aber die gibt es nicht.“

Am Nachmittag, bei ihrem Talk mit Jeanne Tremsal und Edward Berger im ausverkauften Rívoli-Kino in der Innenstadt von Palma, stellt Lipski ihre Hansdampf-in-allen-Gassenhaftigkeit abermals unter Beweis: Damit das Publikum den gleich laufenden Film „Vaterland“ über Thomas Manns Deutschlandreise nach dem Krieg ungestört genießen kann, räumt sie ein paar Kisten, auf denen das Logo des Festivals und seiner Sponsoren prangen, kurzerhand selbst weg. Darauf angesprochen, sagt sie später bloß: „Einer muss es ja machen.“

Keine Fragen zum Privatleben, zur Abwechslung: Iris Berben und Sandra Lipski beim Talk im Kino Rívoli

Dass ihr dabei die Laune nicht vergeht, liegt an einem Charakter, der für ihre Rolle wie bestellt ist. Lipski moderiert ihre Gäste mit einem Charme, den man als überraschend gelungene Mischung aus Kalifornien und Berlin beschreiben könnte. Das ausführliche Gespräch mit Berger findet anderntags im Aljub statt, der ehemaligen Zisterne unter dem Museum Es Baluard, das in eine Renaissance-Bastion der Stadtmauer gebaut ist; für ein Gespräch über die Museen des Kinos gibt es kaum einen passenderen Saal. Lipski eröffnet es mit der Erinnerung, wie sie 2014 auf der Berlinale seinen Film „Jack“ sah und sein Schaffen seither begeistert verfolgt. Als er erzählt, den wesentlichen Ausschlag, „Im Westen nichts Neues“ zu drehen, habe seine 15-jährige Tochter am Küchentisch gegeben („Papa, das ist das beste Buch, das ich je gelesen habe“), sagt Lipski spontan: „Das war das Zeichen.“ Berger stimmt zu: „Man muss den Zeichen folgen.“

In solchen Momenten inspirierten Smalltalks hört man rund zwanzig Jahre Los Angeles heraus. 2004 war Lipski mit einem Agentenvertrag hingezogen, arbeitete zunächst als Hostess im Chateau Marmont, spielte kleine Rollen in „Borat“ und „Spider-Man 3“ und wurde als blonde Deutsche gern als Schwedin oder Russin besetzt, bis der Autorenstreik von 2007 die Industrie lahmlegte und sie mit 25 Regie und Produktion studierte. Geblieben aus dieser Zeit ist nicht zuletzt ein Adressbuch: Der dänische Produzent Kim Magnusson, der drei Kurzfilm-Oscars gewonnen hat, sitzt in ihrem Steering Committee, Mads Mikkelsen ruft von sich aus an, ob er morgen irgendwo vorbeikommen soll, Östlund fliegt für die Laudatio auf Iris Berben, die bei ihm in „Triangle of Sadness“ gespielt hat, notfalls aus dem Pariser Schneideraum ein.

Lipskis Spielbein steht in Hollywood, ihr Standbein auf Mallorca. Sie ist mit neun auf die Insel gekommen, hat hier die Schule beendet und spricht natürlich fließend Spanisch. Das zahlt sich aus, zumal in einer Zeit, da das spanische Kino so gut dasteht wie lange nicht. Oliver Laxes „Sirât“ bekam 2025 in Cannes den Preis der Jury und ging für Spanien ins Oscar-Rennen, Carla Simón, Gewinnerin des Goldenen Bären für „Alcarràs“, lief im selben Jahr dort im Wettbewerb, Almodóvar holte 2024 in Venedig den Goldenen Löwen. Die Jury in Palma leitet in diesem Jahr der katalanische Schauspieler Marc Clotet, der Vision Award ging im Vorjahr an Julio Medem, zum Abschluss läuft „The End of It“, das Debüt der Spanierin María Martínez Bayona mit Rebecca Hall, und eine eigene Sektion zeigt 32 Produktionen von den Balearen.

Innerhalb Spaniens ist Palma freilich ein Nachzügler: San Sebastián hat den A-Status, Sitges, Málaga und die Seminci in Valladolid sind älter und größer. Was das heißt, hat Lipski in diesem Jahr an „Woman Unknown“ erlebt, dem dänischen Film, mit dem May el-Toukhy im September in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Er läuft in Palma im Wettbewerb, doch für die Spanienpremiere entschied sich die Regisseurin für Valladolid. Das britische Branchenblatt „Screen Daily“ machte seine Meldung über das Programm auf Mallorca trotzdem mit ihrem Film auf. „Hier hätte sie ihren Moment gehabt“, sagt Lipski.

Für 24 Stunden eingeflogen, ohne Film im Gepäck: Diane Kruger mit ihrem Icon Award in Palma

Ebenfalls auf der Habenseite steht ein deutsches Publikum, das nicht erst anreisen muss. Iris Berbens ausverkaufter Talk im Rívoli läuft auf Deutsch, das deutschsprachige „Mallorca Magazin“ – das dank der vielen hier lebenden Rentner weniger Probleme mit der digitalen Gegenwart hat als die Zeitungen im Mutterland – kündigt ihn unter der Zeile „Deutsche Ikone hautnah“ an, Maria Dragus sitzt auf einem Podium über das Verhältnis von Schauspiel und Kamera, und Bora Dagtekin spricht über das Drehen auf den Balearen. Lipski selbst stand mit vierzehn zum ersten Mal vor der Kamera, in der RTL-Serie „Mallorca – Suche nach dem Paradies“, in der Deutsche auf der Insel ein Hotel mit Bar betreiben.

Auch Edward Berger ist nicht zum ersten Mal da. Im Februar 2014 hatte er gerade „Jack“ auf der Berlinale gezeigt. Die Mischung habe bis Mitternacht gedauert, erzählt er auf derselben Pressekonferenz. Der Techniktest im Berlinale-Palast fand um zwei Uhr nachts statt. Nach der Premiere sei dann all das Adrenalin im Körper geblieben und habe sich „fast in Gift verwandelt“, wie er sagt. Berger googelte „February hiking Europe“, bekam die Tramuntana angezeigt und lief sieben Tage allein von Süden nach Norden, übernachtete in Hütten und einem Kloster. So gebirgig hatte er sich Mallorca zwar nicht vorgestellt – „dabei bin ich ursprünglich aus der Schweiz, wissen Sie“ –, aber am Ende seiner Wanderung fand er sich vollständig wiederhergestellt. Falls er eine Geschichte finde, die hierher passe, sagt er, werde er sofort wiederkommen.

Ob daraus einmal mehr werden soll, eine Industrie, ein Markt mit Ständen der Verleiher? „Industrie nicht“, sagt Lipski. Einen Markt habe man erwogen, „aber davon gibt es schon so viel, und ich will nicht den Druck haben, mich da reinzufuchsen“. Das Familiäre wolle sie nicht verlieren. „Das ist eine ganz besondere Qualität, die man schnell verliert, wenn man zu groß wird.“ Nur das Wort „klein“ hört sie ungern. „Natürlich sind wir klein, erst 15 Jahre. Aber 15 Jahre sind auch ein Jubiläum.“ Bei der Abschlussgala im Teatre Principal, ging der New Talent Award an Pau Aulí, einen Kostümbildner von der Insel.

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