Was haben sich ältere Männer das Maul zerrissen über die kinderlose Frau! Sie haben sie „Catlady“ geschimpft – ein fieses, sexistisches Klischee, das eine alleinstehende Frau umringt von Katzen zeichnet. Der Vorwurf: Diese Frau hat sich – aus purem Egoismus! – für ihre Karriere entschieden, und der Preis ist Einsamkeit, die sie mit Katzen zu verschleiern versucht. Ätsch bätsch, selbst schuld!

Angesichts der neuesten Entwicklung muss die Catlady allerdings als strukturkonservativ und familienorientiert gelten. Denn immerhin ist die Katze ein lebendiges Wesen, ein sehr eigenwilliges zwar, aber eines, das gefüttert, umsorgt und in der Not ärztlich behandelt werden muss. Die neuen Familienmitglieder brauchen nicht mal das. Sie sind aus Polyesterfasern und geben keinen Mucks von sich. Trost spenden ihre süßen Knopfaugen nach einem harten Arbeitstag dennoch.

In London jedenfalls knallen derzeit die Sektkorken. Dort an der Wood Lane befindet sich der Firmensitz von „Jellycat“, einem Unternehmen, das seit 1999 Hasen, Bären und Hunde aus Plüsch herstellt. Strahlende Maiskolben, Brokkoli und Avocados finden sich ebenfalls im Sortiment. 2025 soll das Plüsch-Unternehmen seinen Umsatz um 43 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesteigert haben – 450 Millionen Pfund Umsatz stehen in den Bilanzbüchern des vergangenen Jahrs.

Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Plüsch-Trends, der nun schon ein paar Jahre hält. Auf TikTok und Instagram zeigen sich junge Menschen – die meisten von ihnen Frauen –, wie sie ihren Alltag in Begleitung eines Plüschtieres durchschreiten. Die Avocado aus Plüsch darf mit in den Park, im Zug nebenan Platz nehmen und selbst auf einem Konzert in die Höhe gereckt werden, um beste Sicht zu haben. Hier zeigen sich dann auch die Vorzüge eines Plüschtieres im Vergleich zum Haustier: Es passt in die Handtasche und überlebt ortsungebunden, von kleinen Gebrauchsspuren abgesehen.

Nektarine oder Bär? Die Auswahl bei „Jellycat“ ist groß

Vielleicht erleben wir ja gerade das Ende von Erwachsenwerdenwollen. Denn solche Spielzeuge sind unter Erwachsenen jedes Geschlechts gefragter denn je. Das Marktforschungsunternehmen Circana stellte kürzlich fest, dass amerikanische Haushalte, in denen nur Erwachsene leben, in der ersten Hälfte dieses Jahrs mehr als die Hälfte des Spielzeugumsatzes ausmachten und der Spielzeugumsatz für Erwachsene insgesamt um 25 Prozent stieg. Kindliche Regression? Ein Schutzmechanismus der Psyche bei Überlastung?

Kann gut sein. Es ist wohl nicht grundlos so, dass auffällig viele junge Menschen, die sich als „neurodivergent“ bezeichnen, Jellycat-Plüschtiere kaufen. Einige mit ADHS und Autismus Diagnostizierte nennen sich „neurodivergente Jellycat-Sammler“. So heißt es von einem User in einem Reddit-Forum für Neurodivergenz: „Ich habe drei Hasen, einen Drachen, einen Kugelfisch und einen Wolf. Ich muss ein Regal für sie bauen.“ Das Regal dürfte die günstigere Investition sein, denn die sechs Plüschtiere kosten bis zu 50 Euro pro Stück.

Auch wenn die Zahl derer, die sich als „neurodivergent“ bezeichnen, in den vergangenen Jahren gestiegen ist, kann sie nicht allein den Jellycat- und Spielzeughype unter Erwachsenen erklären. Menschen über 30 tragen mittlerweile ganz selbstverständlich Turnschuhe, spielen Pokémon Go und verweigern sich der alten Selbstverständlichkeit von Hochzeit und Familie. Die alte Vorstellung, mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben beginne auch der Ernst des Lebens, hat sich offenbar überlebt. Da ist es nur logisch, dass viele Konsum- und Distinktionsgüter aus dem Kinderkosmos kommen. Unbekümmertheit ist der neue Flex, denn die – Stichwort Distinktion – muss man sich ja erst mal leisten können. Auch der Plüsch-Anhänger Labubu, Hype-Objekt des Sommers 2025, wollte sagen: „Schaut her, wie verspielt mein Besitzer ist!“

Natürlich hat all das auch mit einer wachsenden Skepsis gegenüber Verantwortung und Gemeinschaft zu tun. Kirche und Familie verlieren als Autoritäten an Bedeutung. Im Zeitalter des Hyperindividualismus ist es zunehmend schwer zu vermitteln, warum man die eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückstellen sollte. Das menschliche Bedürfnis nach Nähe besteht jedoch weiterhin. Und so ist ein wehrloses Jellycat für dessen Befriedigung genau der richtige Adressat. Das Plüschtier stellt keine nervigen Fragen, widerspricht nicht, hat keine herausfordernden politischen Meinungen und – am allerwichtigsten – fordert selbst keine Nähe ein. Beim Jellycat ist Zuwendung eine Einbahnstraße. Will sein Besitzer kuscheln, wird gekuschelt. Will er nicht mehr, landet das Ding eben im Regal.

Natürlich hat das auch Vorteile. Die klassische Boomer-Klage, man habe wegen Arbeit und Familie über Jahrzehnte die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt, ist von der Jellycat-Generation eher nicht zu erwarten. Die Selbstvernachlässigung ist ein Erwachsenenproblem, das sich dem Jellycat-Besitzer nicht stellt. Er bleibt bis ans Lebensende in Kontakt mit seinem „inneren Kind“. Für ein richtiges Kind bleibt da einfach keine Zeit.

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