Die beste museale Ausstellung Berlins läuft in einer Galerie. Bei Berinson sind Fotografien von Brassaï zu sehen, einem der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Seine Bilder waren revolutionär. Er zog mit der Kamera los, als andere schlafen gingen. Brassaï fotografierte das Pariser Nachtleben mit all seinen Kuriositäten: Prostituierte, Kriminelle, Liebespaare, Homosexuelle, zwielichtige Bars, regennasse Straßen, Bordellzimmer, Nebelschwaden und menschenleere Plätze.

Es sind Aufnahmen von bis dahin ungekannter Kompositionskraft, die sich tief ins kollektive Bildgedächtnis eingeschrieben haben: Brassaï prägte die traumartig-intensive Ästhetik einer Diane Arbus oder Nan Goldin ebenso wie die von Spielfilm- und Werbepostern, auf denen das Surreale im scheinbar Alltäglichen – oder vielmehr: Allnächtlichen – sichtbar wird.

„Diese Nachtaufnahmen waren damals etwas total Neues und Außergewöhnliches“, sagt Hendrik Berinson, Experte für Kunst und Fotografie der 1920er-Jahre und seit vierzig Jahren ein kompromissloser Galerist. „Sein Band ‚Paris de nuit‘ von 1933 war ein Riesenerfolg und ist eines der am schönsten gedruckten Fotobücher des 20. Jahrhunderts. Damit wurde Brassaï schlagartig berühmt.“

Brassaï, „Junges Paar auf dem Ball der Montagne Sainte-Geneviève“, Paris, ca. 1932

Seinerzeit gab es keinen Markt für Fotografie. Brassaï lebte wie die meisten seiner Zunft von seiner Arbeit für die Zeitungen. „Er hat sich wohl auch in erster Linie als Pressefotograf empfunden. Erst in den 1970er-Jahren ging es los mit ersten Verkäufen seiner Bilder. Die Marlborough Gallery ermutigte ihn, Auflagen seiner berühmtesten Aufnahmen zu machen – das sind Fotos, die einen weißen Rand haben und vorn signiert sind.“ Sie wurden als Kunstwerke präsentiert und sogar an Museen verkauft. „Da hat Brassaï dann zum ersten Mal ein bisschen an den Fotos verdient.“

Die Ausstellung in der Galerie Berinson ist Brassaïs erste in Berlin, obwohl er hier in den 1920er-Jahren Kunst studierte. Auch sonst gab es in Deutschland noch nie eine Übersichtsschau. Die meisten Fotografien sind verkäuflich und kosten zwischen 4500 und 30.000 Euro.

Geboren wurde Brassaï 1899 als Gyula Halász in Brassó, dem heutigen Brașov in Rumänien, damals Österreich-Ungarn, wovon er später sein Pseudonym ableitete. Als Kind lebte er ein Jahr in Paris, wo sein Vater an der Sorbonne französische Literatur unterrichtete. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte Halász in Budapest. 1920 ging er nach Berlin, der damals aufregendsten und unkonventionellsten Stadt Europas.

Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg und bewegte sich in Kreisen von Künstlern und Intellektuellen – die Stadt pulsierte mit Expressionismus, Dada, Neuer Sachlichkeit und experimenteller Fotografie. Seinen Lebensunterhalt verdiente er vor allem als Journalist, was seinen Blick für soziale Milieus, menschliche Eigenheiten und skurrile Geschichten hinter vermeintlich banalen Situationen schulte.

„Belle de nuit“, ca. 1932

Mit 25 Jahren zog er nach Paris. Er ließ sich 1924 in Montparnasse nieder, dem Zentrum der internationalen Avantgarde, und befreundete sich mit Künstlern und Schriftstellern, von denen er viele auch für Magazine wie „Harper’s Bazaar“ fotografierte, darunter Pablo Picasso, Salvador Dalí oder Henry Miller. Zunächst dienten ihm die Aufnahmen zur Illustration seiner Reportagen, doch um 1929 begann er, das Medium selbst sprechen zu lassen – sein Freund, der ungarische Fotograf André Kertész, war dabei ein wichtiger Einfluss.

Rasch entwickelte Brassaï jedoch eine eigene Bildsprache, als er ab 1930 systematisch nachts durch Paris streifte. Er fotografierte diffus beleuchtete Plätze, Brücken, Treppen und die Seine, aber ebenso die Menschen, die zwischen Einbruch der Dunkelheit und Morgengrauen die Stadt bevölkerten. Nachtfotografie gab es schon länger, doch Brassaï machte daraus eine eigenständige Bildästhetik.

Mit großformatiger Kamera, Stativ und langen Belichtungszeiten verwandelte er Straßenlaternen in Lichtinseln, Nebel in scheinbar mit den Händen greifbare Schleier und regennasses Pflaster in Spiegelflächen. Auffällig ist die Stille seiner Bilder. Selbst wenn sie Menschen zeigen, wirken diese entrückt, wie lebensechte Puppen oder Schauspieler: Brassaï geht es weniger um Dokumentation – vor allem zeigt er, wie sich die Wirklichkeit im Dunkeln verändert.

„Er muss eine außergewöhnliche Fähigkeit besessen haben, mit Menschen in Kontakt zu treten“, sagt Berinson. „Sie müssen ihm vertraut haben, dass sie ihn so nah an sich heranließen.“ In der Galerie hängen Bilder, deren Motive man erst beim näheren Hinsehen erfasst: eine perfekt als Mann gestylte Frau, die im Nachtlokal auf ihre Liebhaberin wartet, eine Prostituierte, die sich rittlings auf dem Bidet wäscht, während sich der Freier im Hintergrund ankleidet, weitere Prostituierte, die hinter dem Billardtisch oder vor dem Bordstein posieren.

Zwei Jungs mit Schiebermütze blicken im Halbschatten frontal in die Kamera, als wären sie direkt aus „Es war einmal in Amerika“ herausgestiegen. Tischgesellschaften in Montmartre und Montparnasse sind so perfekt komponiert, dass sie beinahe gestellt erscheinen. Alle Menschen auf diesen Bildern eint, dass sie sich außerhalb bürgerlicher Konventionen bewegen. Brassaï ist unter ihnen kein Unbekannter – viele Modelle lassen sich bewusst von ihm fotografieren.

„Zwei Gauner aus der Bande ‚Grand Albert’“, ca. 1932

Genau das unterscheidet seine Arbeit von der Straßenfotografie, die auf Zufall und Beiläufigkeit setzt. Brassaïs Bilder wirken im ersten Moment spontan, sind aber sorgfältig arrangiert, ohne an Natürlichkeit einzubüßen: Seine Protagonisten werden nicht als exotische Randerscheinungen behandelt, aus denen der Fotograf eine Freakshow generiert. Man spürt sein empathisches Interesse für ihre Gesten und Kleidung, für ihre Selbstdarstellung und die sozialen Rollen, die sie ausfüllen.

Sie verlieren nie ihre Würde. Komik, Eitelkeit, Einsamkeit und Verletzlichkeit liegen dabei oft unmittelbar nebeneinander. Brassaï zeigt sie weder als Karikaturen noch als tragische Opfer. Er lässt offen, ob man eine exzentrische Persönlichkeit, eine gescheiterte Existenz oder eine Frau sieht, die sich durch Selbstinszenierung eine Identität erschafft. Diese Ambivalenz lässt seine Porträts so modern erscheinen.

Zugleich spürt man in jedem Bild die Ausbildung zum Maler: Brassaï komponiert Menschen, Gebäude, Lichtquellen und Gegenstände in geometrischen Beziehungen – Fenster, Häuserecken und Tischkanten, aber auch Spiegel, Lichtreflexe und Schatten gliedern den Bildraum, sodass Ruhe und Dynamik sich die Waage halten. Menschen wirken so nie verloren, sondern sind in einer urbanen Ordnung verankert.

Dass Brassaï auch in die Nähe des Surrealismus gerückt wird, erkennt man am ehesten an den starken Vergrößerungen kleiner, banaler, zufällig geformter Gegenstände, die durch die Nähe eine merkwürdig skulpturale Qualität bekommen. „Diese Bilder sind überaus selten“, sagt Berinson. „Solche irreführenden Motive fanden die Menschen damals völlig verblüffend, man kannte sowas in der Fotografie nicht.“

Einen ganzen Raum widmet Berinson den „Graffiti“: ins Mauerwerk eingeritzten Gesichtern, Figuren und Schriftzeichen auf Pariser Fassaden. Ohne zu wissen, dass er die Bildsprache von Keith Haring und Jean-Michel Basquiat vorwegnahm, sah Brassaï darin eigenständige Ausdrucksformen. Vor allem das Archaische faszinierte ihn: Manche Gesichter wirken wie prähistorische Höhlenmalerei, andere wie Kinderzeichnungen oder moderne Kunst. Er fotografierte sie meist frontal und in engem Ausschnitt, löste sie so aus ihrem urbanen Kontext und verlieh ihnen die Präsenz autonomer Kunstwerke.

Aus Brassaïs Graffiti-Serie V, „Tiere“, ca. 1935–1945

Man kann sich in diesen zwischen Monstrosität, Humor und Seltsamkeit changierenden Arbeiten verlieren, während man Brassaïs Porträts von Picasso, Matisse oder Giacometti als beinahe selbstverständlich hinnimmt. Dabei hatte der Fotograf auch zu diesen Künstlergrößen ein außergewöhnliches Vertrauensverhältnis, was ihm erlaubte, sie nonchalant bei der Arbeit und in ihren Ateliers zu zeigen – ein Novum in der damaligen Porträtfotografie. „Das Auge von Paris“ nannte ihn sein Freund Henry Miller einmal.

Als Brassaï 1984 in Südfrankreich starb, hatten Hollywood-Filme und die Modefotografie seine erzählerische, atmosphärische Bildsprache längst adaptiert und ins Nostalgische gedreht – oft ohne zu wissen, wem sie diesen sensiblen Blick ursprünglich verdankten. Der ist nicht zu verwechseln mit Melancholie. Die psychologische Qualität von Brassaïs Bildern liegt darin, dass sie nichts auserzählen, erklären oder enthüllen. Sie sind eine Hommage an das Geheimnis. Genau darin liegt die Zeitlosigkeit dieses Werks.

„Brassaï (1899–1984) Retrospektive“, bis 12. Januar 2027, Galerie Berinson, Berlin

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