Als die Bertelsmann-Stiftung 2024 ihre Studie „Weniger Geburten, mehr Lehrkräfte“ vorlegte, war die Erleichterung groß: Sinkende Geburtenraten und eine steigende Anzahl von Lehramtsstudenten würden bis Ende des Jahrzehnts dafür sorgen, dass sich der Lehrkräftemangel zumindest an Grundschulen in einen Überschuss verwandelt, rechneten die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn darin vor. Dann könne man endlich wieder mehr in pädagogische Qualität investieren.
Eine optimistische Prognose, die sich inzwischen auch zaghaft in den Erwartungen der Schulleiter niederschlägt. In der Schulleiter-Befragung, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) jedes Jahr durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa erstellen lässt, zeichnet sich beim Thema Lehrkräftemangel eine leichte Entspannung ab. Nur noch ein Viertel der rund 1300 befragten Schulleiter erwartet, zukünftig „sehr stark“ vom Lehrermangel betroffen zu sein, bei den Grundschulen ist es sogar nur noch jeder Fünfte. Noch vor drei Jahren befürchteten 43 Prozent eine sehr starke Betroffenheit in der Zukunft.
Ausgeglichen wurde der Mangel in den vergangenen Jahren vor allem durch den Einsatz von Seiteneinsteigern: 67 Prozent der Schulen geben an, auch Lehrkräfte ohne klassische Lehramtsausbildung zu beschäftigen. 2018 lag der Anteil noch bei 37 Prozent.
Gegenwärtig meldet mit 47 Prozent fast die Hälfte aller Schulen, dass sie alle Stellen besetzen konnten. An den Schulen mit Vakanzen waren im Schnitt zwölf Prozent der eigentlich zur Verfügung stehenden Lehrerstellen nicht besetzt. Besonders stark sind die Sonder- und Förderschulen betroffen: Von ihnen können aktuell nur 23 Prozent Vollbesetzung melden, 16 Prozent der Stellen sind unbesetzt.
Insgesamt führt der allgemeine Lehrkräftemangel daher mit 51 Prozent nach wie vor die Liste der größten Probleme der Schulen an. Was die Bertelsmann-Stiftung öffentlichkeitswirksam als Lösung präsentiert habe, sei in den Schulen bislang nicht angekommen, sagt der stellvertretende VBE-Chef Tomi Neckov. Von Entspannung sei nichts zu spüren. Ohnehin sei er „eher pessimistisch“, dass die Prognose eintritt. „Der Lehrkräftemangel bleibt das Problem unserer Zeit. Es reicht nicht aus, wenn die Politik sich darauf verlässt, dass es in ein paar Jahren möglicherweise besser werden soll. Wir brauchen die Entlastung jetzt und nicht später.“
Und die Belastung ist nach wie vor hoch – auch das hat die Umfrage ergeben. 34 Prozent der Schulleiter geben an, dass sie ihre beruflichen Aufgaben „nur gelegentlich“ oder sogar „nie“ zu ihrer eigenen Zufriedenheit erfüllen könnten. Das sind zwar etwas weniger als auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, aber doppelt so viele wie zu Beginn der Befragungen im Jahr 2018.
Als besondere Belastungsfaktoren empfinden jeweils mehr als 90 Prozent das stetig wachsende Aufgabenspektrum, steigende Verwaltungsarbeiten, ein mangelndes Zeitbudget und die Anspruchshaltung, dass die Schule alle aufkommenden gesellschaftlichen Probleme lösen solle. 93 Prozent meinen, Politiker beachteten den tatsächlichen Schulalltag bei ihren Entscheidungen nicht ausreichend.
„Sehr zufrieden“ mit der Schulpolitik der jeweiligen Landesregierung zeigte sich daher niemand. „Eher zufrieden“ sind gerade einmal 16 Prozent. 55 Prozent sind hingegen „eher unzufrieden“ und 26 Prozent sogar „sehr unzufrieden“. „Leider können wir keine Verbesserungen erkennen. Schulleitungen leiden seit Jahren unter den gleichen Missständen, und eine Verbesserung lässt weiter auf sich warten“, sagt Neckov.
„Inklusion und Integration“ bereiten Probleme
Zur Entlastung wünschen sich die Schulleiter vor allem mehr Anrechnungsstunden zur Erfüllung besonderer Aufgaben, eine Erhöhung der Leitungszeiten bei allen Schulen und eine bessere personelle Ausstattung mit pädagogischen Fachkräften im Rahmen multiprofessioneller Teams. Aber auch Budget-Erhöhungen, mehr Gestaltungsspielraum bei der Leitungsfunktion und gesicherte Stellvertreter-Regelungen werden als sinnvoll angegeben.
Als größte Probleme an der Schule nennen die Schulleiter nach dem Lehrkräftemangel (51 Prozent) Probleme mit „Inklusion und Integration“ (29 Prozent), den allgemeinen Zeitmangel (18 Prozent), Probleme mit Gebäuden und Räumen (23 Prozent) sowie Bürokratie (17 Prozent) und Bildungspolitik (14 Prozent). Aber auch die Eltern der Schüler nennt ein Fünftel der Befragten als Problemfaktor. 13 Prozent klagen über das „Sozialverhalten“ der Schüler, zwölf über „Verhaltensauffälligkeiten“
Trotzdem gibt mit 85 Prozent eine große Mehrheit der Schulleiter an, den Job „sehr gern“ oder „eher gern“ zu machen, 15 Prozent üben den Beruf derzeit eher ungern aus. Damit ist die Arbeitsmotivation wieder besser als in der Pandemie, aber noch nicht auf Vor-Corona-Niveau. Das gilt auch für die Weiterempfehlungsquote: Gaben 2018 noch fast drei Viertel der Schulleiter an, ihren Beruf „wahrscheinlich“ oder „in jedem Fall“ weiterempfehlen zu können, ist es aktuell nur noch die Hälfte.
Erstmals ließ der VBE auch fragen, was die Schulleiter, die ihren Beruf nicht weiterempfehlen würden, bei der Stange hält. Für 25 Prozent ist der eigene Gestaltungswille entscheidend, für 30 Prozent das Kollegium – und für 36 Prozent die Kinder und Jugendlichen. „Die Bildungsministerien können froh und dankbar sein, dass Schulleitungen trotz all der Herausforderungen und Krisen nicht das Handtuch werfen“, bilanziert Neckov. „Hätten wir nicht so engagierte Kolleginnen und Kollegen, stünden wir heute vor noch deutlich größeren Herausforderungen.“
Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.
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