Als Ezekiel Dachomo vor einigen Tagen sein Handy einschaltete, war seine wichtigste Waffe plötzlich verschwunden. „Sie haben mich gelöscht“, sagt der Pastor am Telefon zu WELT AM SONNTAG. Sein Facebook-Konto mit fast 100.000 Followern – einfach deaktiviert. Kurz darauf verschwand auch sein Instagram-Profil. Er habe gegen die Nutzungsrichtlinien verstoßen.
Dachomo zeigte auf seinen Kanälen seit Jahren vor allem eines: verwackelte Videos von Massenbeerdigungen in seinem nigerianischen Bundesstaat Plateau, Körper unter weißen Leichentüchern und seine eigenen Predigten, in denen der 63-Jährige die „Auslöschung der Christen“ beklagt. Genau diese Clips machten den Pastor zur Symbolfigur – und brachten wohl sogar Donald Trump dazu, Nigeria vor einigen Wochen mit einem Militäreinsatz zu drohen.
Falls die nigerianische Regierung nicht gegen das „Töten von Christen“ durch „islamistische Terroristen“ vorgehe, werde die US-Regierung sämtliche Hilfen für das afrikanische Land einstellen und könnte „mit feuernden Gewehren“ einmarschieren, hatte der US-Präsident Anfang November bei Truth Social geschrieben. Nigerias Regierung solle „besser schnell handeln“.
In evangelikalen Kreisen in den USA, einem Kern der Wählerbasis des US-Präsidenten, werden Dachomos Videos jedenfalls wie Beweisstücke herumgereicht. Dachomo vermutet, dass Sympathisanten der Täter, aber auch Mitarbeiter der nigerianischen Regierung seine Accounts systematisch gemeldet und die Löschung veranlasst hätten. „Auch andere, die dazu gepostet haben, haben ihre Profile verloren“, sagt er. Nun arbeite er an einer Website, um die Videos aus Nigeria weiter verbreiten zu können.
Seine Behauptung einer staatlich geduldeten Verfolgung von Christen in Nigeria ist umstritten. Die Regierung weist dies vehement zurück und betont zu Recht, dass auch viele Muslime zu den Opfern der zahlreichen Angriffe bewaffneter Gruppen im Zentrum des Landes gehören. Dort geht der christlich geprägte Süden in den überwiegend muslimischen Norden über. Christen und Muslime machen jeweils etwa die Hälfte der nigerianischen Bevölkerung aus.
Doch nun, nur einen Monat nach Trumps Drohungen, sind mehr als 300 Schülerinnen und Schüler sowie zwölf Lehrkräfte aus dem katholischen Internat St. Mary’s verschwunden. Am Freitag vergangener Woche wurden sie im Bundesstaat Niger State entführt. Rund 50 Kindern gelang die Flucht. Die Bilder der verlassenen Schlafsäle, zurückgelassener Kleidung und Schulhefte rufen Erinnerungen wach, die Nigeria nie ganz verarbeitet hat: 2014 schockierte die Entführung von 276 überwiegend christlichen Mädchen aus einem Internat in Chibok die Welt.
Dunkle Erinnerungen an das Verbrechen der Boko Haram
Die Terrormiliz Boko Haram begründete die Tat damals damit, dass die Kinder westliche, also nicht-islamische Bildung erhielten. Boko Haram bedeutet übersetzt: „Westliche Bildung ist eine Sünde.“ Damals entstand die weltweite Kampagne „Bring back our girls“, unterstützt von der damaligen First Lady der USA, Michelle Obama. Ihr Mann ordnete zusätzliche Militärhilfe für das eher westlich ausgerichtete Nigeria an. Noch ist unklar, ob die Entführung der Kinder von St. Mary’s ebenfalls religiös motiviert war – bislang hat sich noch keine Gruppe zu der Tat bekannt.
Tatsächlich ist das Bild in Nigeria komplexer, als es Trump und viele seiner Unterstützer zeichnen. In der Mitte des Landes, wo die Entführungen stattfanden, prallen die Interessen oft christlicher Ackerbauern und meist muslimischer Viehhirten aufeinander – ein Konflikt, der durch Bevölkerungswachstum und Klimawandel noch verschärft wird. Nur drei Tage vor der Tat hatte Papst Leo XIV. Nigerias Regierung aufgerufen, die Religionsfreiheit zu schützen. „In manchen Regionen besteht zweifellos eine Gefahr für Christen – aber auch für alle Menschen“, sagte er. „Leider sind viele Christen gestorben.“
Die einflussreiche christliche Organisation Open Doors verzeichnete im vergangenen Jahr 4118 getötete Christen in Nigeria. Die Zahlenlage bleibt unklar, staatliche Erfassungen sind lückenhaft. Entführungen sind zudem vielerorts zu einem Geschäftsmodell geworden. Mal werden Buspassagiere verschleppt, mal wohlhabende Unternehmer, mal einfache Bürger – oft ohne religiösen Hintergrund.
Bisweilen aber spielen sowohl wirtschaftliche als auch religiöse Motive eine Rolle. Die Mehrheit der 2014 entführten Chibok-Mädchen wurde freigelassen; Beobachter gehen davon aus, dass Lösegeld floss. Seitdem wurden in Nigeria nach UN-Angaben mehr als 1500 Kinder aus Schulen entführt – die Behörden veröffentlichen allerdings keine Angaben zu ihrer Religionszugehörigkeit.
Erst am Montag hatten die nigerianischen Behörden nach einem Besuch einer Delegation in Washington erklärt, man habe die „Sicherheitspartnerschaft“ mit den Vereinigten Staaten weiter ausgebaut und die „falsche Darstellung der Lage entschieden zurückgewiesen“.
Das US-Verteidigungsministerium sprach dagegen davon, man habe über „Wege, spürbare Fortschritte bei der Eindämmung der Gewalt gegen Christen in Nigeria zu erzielen“ gesprochen. In welcher Form und unter welchen Bedingungen die USA eingreifen könnten, ließ die amerikanische Regierung offen. Die USA haben in Nigeria großen Einfluss, sie unterstützen das Land im großen Stil im Kampf gegen Boko Haram.
Pastor Dachomo ist weiterhin überzeugt, dass bei größeren Entführungsfällen gezielt christliche Kinder ins Visier geraten. Darauf deuteten zahlreiche Nachrichten hin, die ihn auch aus anderen Bundesstaaten erreichten. „Viele von ihnen sind Christen“, sagt er. Die Täter wüssten genau, wo Christen in der Mehrheit seien, und griffen diese Orte an.
Zwar gebe es unter den Entführten auch Muslime, doch würden diese anders behandelt: „Sie trennen die Muslime von den Christen und behandeln sie freundlicher.“ Welche Gruppe für die jüngsten Kidnappings verantwortlich sei, wisse er jedoch nicht. „Ich will nicht lügen. Was ich nicht weiß, weiß ich nicht“, sagt er.
Er wirft Nigerias Staats- und Regierungschef Bola Tinubu und dessen Vize Kashim Shettima – beide Muslime – Untätigkeit bei Verbrechen gegen Christen vor. Bischof Bulus Dauwa Yohanna, verantwortlich für die St. Mary’s-Schule, bestätigt die Kritik gegenüber dem britischen Sender BBC. Die Regierung habe „keine sinnvollen Anstrengungen“ zur Rettung der Kinder unternommen. Die Behörden hätten Namen eingesammelt – mehr nicht.
Der Gouverneur des Bundesstaates Niger State, Umar Bago, hält die Zahl der Entführten für übertrieben. Ohnehin sei das Ganze nur eine Einschüchterung, zitiert ihn die BBC – die Schülerinnen und Schüler würden schon bald gerettet werden.
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
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