Der Taxifahrer ist ein kleiner, drahtiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht und abgewetztem Hemd. Das halb offene Fenster lässt die heiße Jerusalemer Luft ins Fahrzeug, seine Fingerspitzen trommeln auf das Lenkrad. Die Fahrt durch die Stadt ist für ihn mehr als ein Arbeitsweg; sie ist Bühne für seine Haltung, die er ohne Scheu präsentiert.

„Die Palästinenser, das sind alles Dschihadisten und Radikale“, sagt er mit rauher Stimme, den Blick starr auf die Straße gerichtet. „Die würden uns am liebsten alle abschlachten, wenn sie könnten.“ Er blickt kurz in den Rückspiegel und fährt fort: „Aber wissen Sie, jetzt werden die sowieso alle rausgeworfen. Keiner von denen wird noch als Pfleger arbeiten oder irgendwo auf dem Bau. Jetzt sind die Leute aus Asien da – aus Indien und den Philippinen. Das sind gute Leute.“

Ein Versammlungsort dieser Leute ist in Rechovot, südlich von Tel Aviv. Hier wirkt Pater Moses, ein Salesianer aus Uganda. Mit einem warmen Lächeln empfängt er die katholischen Migranten und Asylsuchenden, die nach Israel gekommen sind, um Arbeit und Perspektive zu finden. Seine Arbeit beginnt schon am Morgen, wenn er „die Kathedrale von Rechovot“, ein einfaches Zelt auf einem Hinterhof, vorbereitet.

Für viele ist Pater Moses der erste Ansprechpartner, wenn es um Dokumente, Sorgen um den Aufenthalt, familiäre Probleme oder Glaubensfragen geht. Die Samstagsabendmesse im Zelt ist Treffpunkt für etwa hundert Menschen: Inderinnen, Philippiner, Afrikaner, ein Paar aus dem Baltikum, auch junge, katholische Forscher vom nahen Weizmann-Institut mischen sich unter die Gläubigen.

Der Gottesdienst ist laut, die Lieder schallen weit über den Hinterhof. Die Messe wächst zum interkulturellen Treffpunkt, zur Insel der Geborgenheit in einer Stadt, die Migranten oft nur duldet. Abt Nikodemus Schnabel aus Jerusalem ist zu Gast und hält die Messe. Zwei Jahre war er für Migranten und Asylsuchende Katholiken in Israel zuständig. Die Menschen hier lieben ihn, er ist so ein bisschen ihr Popstar.

Nach dem Gottesdienst wächst auf den Tischen ein internationales Buffet – jeder bringt Speisen aus seiner Heimat mit, Kinder spielen und Erwachsene tauschen Neuigkeiten aus. Für kurze Zeit scheint das Leben leicht.

Die Organisation und seelsorgerliche Struktur für die katholischen Migranten im gesamten Land koordiniert Pater Matthew, der als Vikar im Lateinischen Patriarchat alle Fäden zusammenhält. In Kuwait, als Kind indischer Gastarbeiter geboren, leitet er seit gut zwei Jahren das Vikariat für Migranten und Asylsuchende.

Er sorgt dafür, dass die Bedürfnisse und Sorgen der über 60.000 katholischen Migranten nicht verloren gehen. Sein Arbeitsalltag besteht aus unzähligen Gesprächen und Seelsorge. Schwester Gabriele, die die Administratorin des Vikariats ist, organisiert Hilfsprogramme, Sozialberatung, Verbindung zu Hilfsorganisationen und kennt die Familien oft persönlich. Ihr Handy klingelt bis spät in den Abend.

Sie sagt: „Fast jede Familie ist zerrissen. Gesundheitliche Schwierigkeiten, Alkohol und verschiedene Formen von sind Gewalt fast überall präsent.“ Das Leben der Migranten ist geprägt von Unsicherheit. In den Vereinbarungen für ihr Arbeitsvisum steht, dass Migranten keine Kinder haben dürfen; bei Verstößen rutschen zumindest die Mütter in die Illegalität, und Abschiebung droht.

Manche Eltern und Frauen nehmen dies in Kauf, in der Hoffnung, dass es ihnen später gelingen möge, ihren Aufenthaltsstatus wieder zu regularisieren. Oder sie bringen das Kind zurück in ihr Heimatland, um es von ihrer Familie aufziehen zu lassen. Schwester Gabrieles Klientel sind die Unsichtbaren der israelischen Gesellschaft. Wer als Asylsuchender im Land ist, erhält etwas mehr Schutz, aber eine wirkliche Perspektive für die Zukunft gibt es nicht.

Viele Migranten leben mit ablaufendem Visum. Bei Auslaufen der Aufenthaltsgenehmigung oder bei familiären Problemen können sie von einem Tag auf den anderen ihr Bleiberecht verlieren. „Es ist ein ständiger Schwebezustand“, sagt Schwester Gabriele. Das Lateinische Patriarchat unterstützt mit Hilfsprogrammen und Kindergartenprojekten, lernt die Herausforderungen der Familien kennen und sorgt mit Spendengeldern für Basishilfe und Orte des Austauschs.

Die persönliche Geschichte von Tsigie, einer Buchhalterin, steht exemplarisch für das Schicksal vieler. Sie floh aus Äthiopien, als der Bürgerkrieg ihr Heimatland überzog und die Hoffnung auf medizinische Versorgung schwand. Drei Kinder hat sie in Äthiopien verloren – Totgeburten, die in Israel mit sicherem Zugang zu Gesundheitsdiensten vielleicht zu verhindern gewesen wären.

Tsigie ist heute 36 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Kindern, und lebt seit einem Jahrzehnt im Land – ein Alltag voller Unsicherheit. Sie spricht fließend Hebräisch und Englisch, hilft anderen Asylsuchenden beim Ausfüllen der Formulare. Ihre älteste Tochter besucht die Schule, fühlt sich längst als Teil der Gesellschaft.

Doch für Tsigie und ihre Familie bleibt der Aufenthalt befristet. Immer wieder müssen sie ihre Papiere verlängern lassen, bangen bei jeder neuen Frist um ihre Bleibeperspektive. Die Familie lebt in einer kleinen Wohnung, die Mutter rechnet jede Ausgabe zweimal und berichtet offen von ihrer Angst: „Es reicht ein Fehler – ein abgelaufenes Dokument, ein Formfehler – dann können wir alles verlieren.“ Trotzdem gibt sie nicht auf, prophezeit ihren Kindern eine bessere Zukunft.

Asylsuchende sollten für den Gaza-Krieg rekrutiert werden

Auf politischer Ebene ist die Situation zusätzlich kompliziert. Nach einem Bericht der israelischen Zeitung „Haaretz“ rekrutierte das israelische Verteidigungsministerium in der Vergangenheit bereits afrikanische Asylsuchende und bot ihnen im Gegenzug eine Aufenthaltsgenehmigung für ihre Teilnahme an Militäreinsätzen im Gaza-Streifen an.

„Haaretz“ zitierte dazu betroffene Asylbewerber, denen eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung versprochen wurde, wenn sie sich den Kriegshandlungen anschließen. Laut „Haaretz“ geschah dies unter Aufsicht von Rechtsberatern des Verteidigungsministeriums und in organisiertem Rahmen.

Die Regierung versuchte offenbar, Asylsuchende als Soldaten in gefährlichen Operationen einzusetzen und sie damit zu integrieren. Bisher hat jedoch keiner der an den Kriegshandlungen Beteiligten tatsächlich einen offiziellen Status erhalten; für etwa 30.000 afrikanische Asylsuchende bleibt die Perspektive auf Sicherheit weiterhin unerfüllt.

Nach dem Gottesdienst in Rechovot sitzen und stehe die Gläubigen noch eine ganze Weile zusammen. Für einen Moment ist das Zelt ein Ort der Hoffnung und des Zusammenhalts. Die Organisation der katholischen Seelsorge, das Engagement von Pater Moses und vieler anderer vor Ort, von Pater Matthew und Schwester Gabriele im Patriarchat, machen für die Migranten und Asylsuchenden und ihre Familien kleine Inseln der Geborgenheit möglich.

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