Der Brandanschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten hat in der Spitze rund 45.000 Menschen betroffen. Der Extremismusforscher Hendrik Hansen mahnt nun an, dass die Politik Linksextremismus zu wenig im Blick behalte. „Es war ein Fehler, dass man in der Vergangenheit sehr einseitig von politischer Seite aus auf den Rechtsextremismus geschaut hat, und dann auch mal den Islamismus und Linksextremismus vernachlässigt hat“, sagte Hansen im Gespräch mit dem Fernsehsender WELT TV.

An eine schnelle Änderung glaubt Hansen, der an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung Politischen Extremismus und Politische Ideengeschichte in Brühl lehrt, allerdings nicht. „Das ist so schnell nicht umzukehren.“ Bis V-Leute einen Einblick in die Szene bekämen, brauche es Zeit. „Und ob man dann relativ schnell die Täter ausfindig machen kann, das weiß ich nicht. Aber zumindest könnte man die Rückzugsräume stärker beobachten.“

Als ein reines Berliner Problem sieht der Extremismusforscher den jüngsten Vorfall nicht. „Wir haben natürlich ein Problem in Berlin, dass es Rückzugsräume gibt für solche Anarchisten. Aber wir haben andererseits im ganzen Bundesgebiet immer wieder schwere Anschläge.“ Als Beispiel nannte Hansen das linksradikale „Angry Birds-Kommando“, dass sich im vergangenen Jahr zu einem Anschlag auf die Bahnlinie zwischen Duisburg und Düsseldorf bekannt hatte. Auch in München seien 2025 mehrere Brandanschläge begangen worden. „Es braucht einen erheblichen Personaleinsatz in den Sicherheitsbehörden, um gegen solche Gruppierungen vorzugehen.“

Dennoch sei die Haltung der sogenannten „Vulkangruppen“, die sich zu dem Brandanschlag in Berlin bekannte, vor allem in der Hauptstadt anschlussfähig. „In Berlin ist radikale Herrschaftskritik für viele Common Sense. Nur die Konsequenzen, die diese Gruppe daraus zieht, die werden dann natürlich von den allermeisten Menschen nicht geteilt.“ Die Grundhaltung für solch eine Einstellung sei auch in der Politik gegeben. „Da denke ich auch an manche Parteien im Berliner Raum.“

Verfassungsschutz räumt ein, „Personenpotential“ nicht zu kennen

Linksextreme „Vulkangruppen“ sorgen vor allem in Berlin und Brandenburg immer wieder für Brandanschläge auf wichtige Punkte der öffentlichen Infrastruktur, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz schreibt. Mehrfach sei es dadurch „zum Ausfall von Strom und Telekommunikation sowie zu Beeinträchtigungen im öffentlichen Nahverkehr“ gekommen.

Die Texte der Bekennerschreiben würden sich in Aufbau, Stil und inhaltlichen Aussagen so ähneln, dass man von einem identischen Autorenkreis ausgehe. Auch ein Strategiepapier aus dem Jahr 2015 deute auf eine feste Struktur hin. Zugleich gesteht der Verfassungsschutz ein: „Personenpotenzial in Berlin: nicht bekannt“.

In Bekennerschreiben würden meist wechselnde Namen, die sich auf isländische Vulkane wie Grimsvötn, Katla oder Ok beziehen, verwendet. Hintergrund sei vermutlich der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull 2010, der den Flugverkehr in Europa wochenlang störte.

Extremismusforscher Hansen wies im Gespräch mit WELT TV darauf hin, dass die Indizien zwar für einen Anschlag aus der linksextremen Szene sprächen, doch es müsse in alle Richtungen ermittelt werden. „Wir hatten auch im rechtsterroristischen Bereich schon Versuche oder Planungen für Anschläge auf die Stromversorgung. Auch die Möglichkeit eines russischen Sabotageaktes darf man nie ausschließen.“

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