I m Streit um das zum Königreich Dänemark gehörende Grönland sendet die US-Regierung derzeit widersprüchliche Signale: Das Weiße Haus schließt einen Militäreinsatz ausdrücklich nicht aus, während Außenminister Marco Rubio „nur“ vom Kauf der autonomen Arktisinsel spricht. WELT dokumentiert, wie die internationale Presse auf die Entwicklungen blickt.
„Die Presse“ (Österreich)
„Gerade der Krieg in der Ukraine, die Suche nach einer Friedenslösung und die Drohgebärden des russischen Präsidenten Wladimir Putin zeigen den Europäern, wie sehr sie sicherheitspolitisch von den USA abhängig sind. Das macht ihnen die eigenen Schwächen deutlich. Dazu kommt nun noch Druck vom – zumindest bisher – Verbündeten auf der anderen Seite des Atlantiks.
Jetzt gilt es für die Europäer, Solidarität mit Dänemark zu zeigen. Sie müssen den Provokationen aus Washington mit Geschlossenheit begegnen – und hoffen, dass sie den US-Präsidenten mit vereintem politischen Druck doch noch von seinen Grönland-Annexionsfantasien abbringen können. Das wäre nicht nur ein wichtiges Signal an Trump, sondern auch an Putin. In diesen unruhigen Zeiten, in denen die Mächtigen der Welt diese unter sich neu aufteilen wollen.“
„Wall Street Journal“ (USA)
„Die Invasionsrhetorik ist vermutlich Trumpsches Säbelrasseln, das darauf abzielt, Verhandlungen über den Kauf der Insel anzustoßen oder zumindest eine andere Form einer erweiterten US-Präsenz zu erreichen. Doch selbst die bloße Andeutung von Gewalt schadet den Interessen der Vereinigten Staaten auf beiden Seiten des Atlantiks. (...)
Sich wegen Grönland mit befreundeten Staaten zu zerstreiten, liefert Wladimir Putin einen weiteren Keil, mit dem er Amerika und Europa weiter zu seinem Vorteil spalten kann. Das bedeutet weniger Einfluss der USA, um eine gute und dauerhafte Lösung für die Ukraine voranzutreiben. (...)
Erfolgreiche US-Präsidenten reduzieren Amerikas Rolle in der Welt nicht auf das Prinzip ‚Macht schafft Recht‘. Vielleicht ist die Grönland-Affäre auch nur das, was derzeit als MAGA-Unterhaltung online durchgeht. Doch Trump würde seiner eigenen Sache in jeder Hemisphäre helfen, wenn er den ‚Grönland einnehmen‘-Ansatz fallen ließe.“
„The Times“ (Großbritannien)
„Die Kontrolle über Grönland würde den USA eine größere Präsenz in der Arktis verschaffen, die bereits jetzt zunehmend die Aufmerksamkeit Russlands und Chinas auf sich zieht, da die globale Erwärmung neue Schifffahrtswege und Perspektiven für den Bergbau und die Gewinnung fossiler Brennstoffe eröffnet. (...)
Der derzeitige Status Grönlands hindert Washington allerdings nicht daran, das Land für strategische Zwecke zu nutzen. Die USA unterhalten dort eine Weltraumüberwachungsstation, und Dänemark – ein Nato-Verbündeter, der die USA bei ihren Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan loyal unterstützte – hat deutlich gemacht, dass es offen für Forderungen der USA nach weiteren Militärstützpunkten ist.
Das macht deutlich, dass es wohl eine weitere Motivation Trumps gibt: territoriale Expansion. Der Präsident erklärte bereits in seiner ersten Amtszeit, er betrachte den Erwerb Grönlands als einen ‚großen Immobiliendeal‘. Er ist offensichtlich fasziniert von den Chancen, die unter der riesigen Eiskappe der Insel liegen. Es ist beunruhigend, dass Trump den Einsatz von Gewalt zur Eroberung Grönlands nicht ausschließt. (...)
Grönland ist nicht Venezuela. Einen korrupten Diktator zu stürzen, der sein Volk dazu gebracht hat, in Scharen aus seiner Heimat zu fliehen, ist etwas ganz anderes als die Eroberung des Territoriums eines demokratischen Verbündeten. Die Trump-Regierung hat das Recht, ihre Ambitionen in Grönland mit diplomatischen Mitteln zu verfolgen. Sie hat jedoch nicht das Recht, dies mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt zu tun.“
„La Vanguardia“ (Spanien)
„Die Philosophie (der Regierung von US-Präsident Donald Trump) ist, dass die Vereinigten Staaten nach Belieben nationale Regierungen stürzen und sich Territorien aneignen können, wenn dies ihren nationalen Interessen dient. In diesem Kontext ist es gut, dass dieses Europa, das wegen seiner Zaghaftigkeit und seiner Zurückhaltung gegenüber Trump am Pranger steht, klar und geschlossen reagiert. Beim gestrigen Treffen der Ukraine-Unterstützer in Paris wurde ein politisch wichtiges Manifest verabschiedet. Sieben europäische Staats- und Regierungschefs (...) erinnerten an etwas so Offensichtliches wie die Tatsache, dass die Souveränität über Grönland bei seinen Bürgern liegt und dass alle – auch die Vereinigten Staaten – Teil der Nato sind. (...)
Vor einigen Monaten wäre es noch völlig undenkbar gewesen, dass Trump sich die arktische Insel einverleibt. Doch nach dem, was man in Venezuela gesehen hat, ist alles möglich. Es ist deshalb gut zu sehen, dass die europäischen Führungspersönlichkeiten – trotz ihrer unterschiedlichen politischen Ideologien – geeint auftreten, um die Ukraine oder Dänemark zu unterstützen. Möge Trumps Aggressivität das Wunder eines viel geeinteren und effizienteren Europas bei der Verteidigung seiner Interessen bewirken.“
„Sydsvenskan“ (Schweden)
„Obwohl sie sich bei Donald Trump einschmeicheln, um den Präsidenten dazu zu bewegen, die Ukraine weiterhin zu unterstützen und den Welthandel am Laufen zu halten, mussten die EU-Staats- und Regierungschefs im Dezember mit ansehen, wie eine neue nationale amerikanische Sicherheitsstrategie Europa als einen Kontinent bezeichnete, der auf dem Weg zur ‚zivilisatorischen Auslöschung‘ sei.
Da er nun nicht nur die EU, sondern auch die Nato auf die Probe stellt – denn ein militärischer Angriff auf Grönland würde dem Nato-Land Dänemark das Recht geben, sich auf Artikel 5 zu berufen, gegen das Nato-Land USA – gibt es keinen Spielraum für Nachgiebigkeit. Dass die EU-Staats- und Regierungschefs das erkennen und entsprechend handeln, ist genauso notwendig wie es eigentlich nicht erforderlich sein sollte in einer Welt, in der es kaum an Konflikten mangelt.“
„Reutlinger General-Anzeiger“ (Deutschland)
„Einmal mehr zeigt sich der kompromisslose Geschäftsmann Trump. Er sieht Amerika als Großkonzern auf einem unregulierten kapitalistischen Markt – der Welt. Um seine Ziele zu verwirklichen, nutzt er alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel. Regularien wie Menschen- oder Völkerrecht stören da nur. Wer sich nicht beugt, wird kaputt gemacht. Was der Konzern dringend braucht, wird geschluckt, ohne Rücksicht auf Verluste. Die alten Blöcke scheinen sich auf neue radikale Spielregeln geeinigt zu haben. Die Zukunftsprognose in diesem Szenario ist düster.
Denn am Ende bleiben nur noch drei oder vier große Player übrig, zu denen Europa, Stand jetzt, nicht zählen wird. Gerade vollzieht sich eine, um es wirtschaftlich auszudrücken, globale Marktbereinigung. Diese wäre in ferner Zukunft vielleicht unausweichlich geworden. Doch wenn Trump in diesem Tempo und mit Grönland weitermacht, wird sie noch zu unseren Lebzeiten Realität werden.“
„Südkurier“ (Deutschland)
„Was ist nach Trumps Aktion gegen Maduro alles nicht nur denkbar, sondern tatsächlich erwartbar? Gegen eine Annexion Grönlands könnte Europa nichts und Dänemark allein erst recht nichts ausrichten. Gegen solche Drohungen sind Beschwichtigungs-Schalmeien nutzlos. Gefragt ist ein Europa, das seiner weiteren Verzwergung Einhalt gebietet. Das könnte schnell geschehen. Etwa durch die endlich vollzogene Unterschrift unter den Mercosur-Vertrag. Seine Botschaft wäre: Auch Europa kann seine Claims abstecken. Das Trump-Zeitalter zwingt es dazu.“
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