Robert Habeck warnt vor einem möglichen Ende des Nordatlantikpakts. „Wenn ein Nato-Staat einem anderen Nato-Staat das Territorium wegnimmt, dann hat das Bündnis im Grunde keine Geschäftsgrundlage mehr“, sagte der Senior Analyst am Danish Institute for International Studies (DIIS) im Podcast „Table Today“. Damit stimmte er der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zu, die mit Blick auf einen angedrohten US-Angriff auf Grönland vor dem Zerfall des Bündnisses gewarnt hatte.
„Donald Trump ist kein großer Fan von internationalen Bündnissen – das wissen wir“, betonte Habeck im Gespräch mit der Journalistin Helene Bubrowski. „Sein Verhältnis als Schutzmacht der Demokratien des Westens aufzutreten, ist ja im besten Fall sekundärer Natur.“ Die Ukraine unterstütze er aufgrund von Geschäftsinteressen, nicht etwa aus Solidarität mit dem Freiheitskampf. „Sein Verhältnis zur Nato ist im besten Fall ein taktisches.“
Der US-Präsident habe bereits in seiner ersten Amtszeit „Gelüste“ erkennen lassen, nach Grönland zu greifen, erinnerte sich der frühere Vizekanzler. Anfang 2025 waren schließlich Vizepräsident J.D. Vance mit seiner Frau Usha und seinem Sohn sowie der später im Jahr getötete Charlie Kirk auf die Insel gereist. „Es hat auch eine Tradition in der amerikanischen Geschichte“, gab Habeck zu bedenken. „Wenn die Deutschen denken, Trump spinne sowieso, dann täuschen sie sich. Es geht tief zurück in der amerikanischen Geschichte, dass es ein Interesse an Grönland gibt.“
Nachdem die Vereinigten Staaten 1867 Alaska erworben hatten, hätten sie offensiv Grönland eingefordert. Ziel sei damals gewesen, mit beiden Gebieten Kanada zu umzingeln, damit das Land sich ebenfalls anschlösse. In den 1910er-Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg sowie 1955 hätten weitere, zum Teil ernste Versuche stattgefunden, die Insel zu übernehmen. Heute bestehe verstärktes Interesse, weil das arktische Eis aufgrund der globalen Erderwärmung schmelze. „Wir erwarten in den nächsten 15 Jahren, dass der Pol zumindest über die Sommermonate befahrbar ist.“
In diesem Fall würden die Schiffsrouten frei. Und da der Weg vom Pazifik in den Atlantik über den Nordpol viel kürzer sei, als Afrika zu umfahren und dabei am Iran und den Huthis vorbeizumüssen, sei Grönland „hochattraktiv“. Auf der anderen Seite habe Russland den Zugang über das Mittelmeer und quasi auch durch die Ostsee verloren, da diese ein Nato-Binnenmeer geworden sei. Nun rüste der Staat seine Nordflotte enorm auf, um über Norwegen den Zugang zum Nordatlantik zu bekommen.
„Dahinter stehen wirklich handfeste sicherheitspolitische und militärische Überlegungen, die man nicht vom Tisch nehmen kann, indem man sagt: Trump ist halt Trump“, betonte der einstige Grünen-Vorsitzende. Er empfehle den Europäern, eigene Ansprüche und politische Interessen zu definieren.
Sie müssten sich „als Europäer verstehen und benehmen, also eine europäische Arktis definieren“. Dänemark sei ein arktischer Staat, Norwegen, Schweden und Finnland hätten Landmasse über dem Polarkreis, doch zur EU gehörten auch Italien, Spanien und Portugal – „und ob die ein Verständnis dafür haben, wie wichtig dieser Nordatlantik ist, das weiß man auch nicht.“
Bei allen Diskussionen über Grönland habe auch die Insel selbst mitzureden. Die einstige dänische Kolonie habe seit den 1970er-Jahren Verwaltungsrechte, seit 2009 sei sie selbstständig. Aus eigenem Willen lasse sie sich von Dänemark außen- und sicherheitspolitisch vertreten. Zudem wolle sie das skandinavische Wohlfahrtsmodell erhalten, spekulierte der ehemalige Bundeswirtschaftsminister, statt Schulen und die Gesundheitsvorsorge privat finanzieren zu müssen, wie es in den Vereinigten Staaten üblich sei.
Doch das könne sich schnell ändern. „Wenn Grönland sich morgen entscheidet, wir wollen zu den USA gehören oder wir wollen die Dänen aus unserem Land raus haben und repräsentieren uns selbst, dann können sie das tun“, hob Habeck hervor. „Das ist völlig unstrittig. Dann gibt es keine Debatte mehr.“
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