Die Massenproteste im Iran dauern bereits seit rund zwei Wochen an. Entzündet hatten sie sich ursprünglich an der schlechten Wirtschaftslage und den hohen Lebenshaltungskosten, inzwischen richten sie sich aber auch gegen die Führung des Landes. Die Behörden gehen hart gegen die Protestierenden vor, nach jüngsten Angaben der in Oslo ansässigen Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) wurden bereits mehr als 190 Menschen getötet.
Sicherheitsexperte Nico Lange schätzt die Lage im Gespräch bei WELT TV ein und erklärt, für wie wahrscheinlich er eine Intervention der USA im Iran hält.
WELT: Herr Lange, wie gefährlich können die Proteste tatsächlich für das Mullah-Regime werden? Wir haben ja in der Vergangenheit schon Proteste gesehen, aber die hat das Regime immer überstanden.
Nico Lange: Ja, leider ist es so, dass wir zu wenig tun und dass das Regime es immer wieder schafft, diese Proteste entweder auszusitzen oder niederzuschlagen – oder beides –, und später Leute hinzurichten. Es gab im Jahr 2025 die höchste Anzahl an Hinrichtungen seit 35 Jahren. Die Mullahs müssen weg, und wir können viel dafür tun. Wir sollten nicht nur gucken, was Trump macht, sondern als EU, als Deutschland auch etwas gegen Richter, Staatsanwälte und die Revolutionsgarden unternehmen. Die haben zum Beispiel auch Vermögen hier. Die reisen immer noch in der Gegend herum. Also wir sollten da auch Maßnahmen ergreifen.
WELT: Aber warum tut Deutschland zu wenig? Liegt es vielleicht auch daran, dass wir weiterhin trotz der Sanktionen gegen den Iran der wichtigste europäische Handelspartner sind?
Lange: Ja, Deutschland macht seit vielen Jahren die falsche Iran-Politik. Wir haben zu lange an diesem Abkommen festgehalten, hatten romantische Vorstellungen davon, was man da erreichen könnte. Es gibt immer noch eine Sehnsucht danach, dass man doch noch vielleicht wirtschaftlich mit dem Iran etwas tun kann. Mit den Mullahs sollte man gar nichts machen. Die müssen weg. Sie haben schon so viele Menschen hingerichtet und erschießen jetzt auch die Demonstranten. Die falsche Iran-Politik nicht mehr fortzuführen, das wäre schon etwas. Und gegen die Revolutionsgarden vorzugehen und sie endlich zur Terrororganisation zu erklären – es ist völlig unverständlich, warum Deutschland das noch nicht gemacht hat.
WELT: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass US-Präsident Donald Trump den Iran angreift? Jetzt hat er wieder gedroht.
Lange: Ja, man muss sich fragen, was militärisch sinnvoll ist und was möglich ist. Luftschläge kann man machen, aber sie stürzen das Regime nicht. Das Regime wird ja nicht fallen, weil man wieder ein paar Generäle umbringt, so hart das klingt. Und die Wahrheit ist auch, dass bei den letzten Luftangriffen – von den USA und von Israel – viele führende Köpfe der Revolutionsgarden getötet worden sind. Die Jungen, die danach kommen, sind noch radikaler und schneller aufgestiegen. Das sind genau die, die jetzt die Demonstranten umbringen lassen. Also ich bin skeptisch, ob man mit Luftschlägen gegen den Iran jetzt irgendetwas erreichen kann.
WELT: Ist Trump aber nicht auch viel zu sehr damit beschäftigt im Nahen Osten, zum einen den Gaza-Frieden weiterhin am Laufen zu halten? Zum anderen haben wir gehört, dass er auch IS-Stellungen in Syrien angegriffen hat. Der Iran wäre ja eine weitere Baustelle für ihn.
Lange: Ein weiterer Grund, skeptisch zu sein. Ich glaube, hinter diesen Worten steckt nicht viel. Und das ist eine Frage für alle Beteiligten: Wie kann man den Menschen, die im Iran für Freiheit demonstrieren, helfen? Und nicht wieder einfach nur zugucken, kommentieren und dann zusehen, wie die Leute entweder erschossen werden oder später hingerichtet werden.
WELT: Welche Rolle sehen Sie denn bei Israel? Es heißt ja, dass Israel Geheimdienstmitarbeiter im Iran hat.
Lange: Die strategische Situation ist so, dass es keine klare Alternative zu diesem Regime gibt. Die Mullahs müssen weg, da sind sich die Leute einig, die demonstrieren ja auch dagegen. Der Schah als Nachfolger, also die Rückkehr des Königreichs, hat zwar eine große mediale Aufmerksamkeit, findet bei den Menschen im Iran aber, glaube ich, wenig Unterstützung. Man kann führende Köpfe des Regimes gezielt ermorden, das hat Israel ja auch getan. Aber dadurch entsteht nicht automatisch eine Alternative. Das ist, glaube ich, die große Schwierigkeit. Und man muss leider sagen: Die Revolutionsgarden und dieses Regime sitzen trotz allem immer noch recht fest im Sattel.
Dieses Transkript des Interviews bei WELT TV entstand mithilfe Künstlicher Intelligenz. Für bessere Lesbarkeit wurde das gesprochene Wort leicht abgeändert und gekürzt.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.