Es war ein kurzer, aber bemerkenswerter Zwischenstopp. Am Sonntagabend landete Außenminister Johann Wadephul (CDU) auf dem Weg zu einem Termin bei seinem US-Amtskollegen Marco Rubio in Washington in der isländischen Hauptstadt Reykjavik. Auf dem Flughafen Keflavik traf Wadephul Islands Außenministerin Thorgerdur Katrín Gunnarsdóttir, die ihn erst kurz vor Weihnachten in Berlin besucht hatte, zu einem erneuten Gespräch.

Der Grund für die hohe Frequenz von Treffen mit Gunnarsdóttir ist klar: Der Nordatlantik hat derzeit eine hohe politische Relevanz. Island liegt nur knapp 300 Kilometer südöstlich von Grönland – jener zu Dänemark zählenden, autonomen Region in der Arktis also, auf die US-Präsident Donald Trump mit zunehmender Intensität Anspruch erhebt.

Die Bundesregierung hat diese Ambitionen Trumps mehrfach zurückgewiesen. Bereits am Dienstag voriger Woche teilten Deutschland, Frankreich, Italien, ‍Polen, Spanien, Großbritannien und Dänemark ⁠in einer ‌gemeinsamen Erklärung mit, dass nur ‌Grönland und Dänemark ‌über Fragen von Territorium und Souveränität entscheiden könnten.

Wadephul wiederholte diesen Standpunkt nach seinem Gespräch mit Gunnarsdóttir mit etwas mehr Kontext. Die arktische Region unterliege tiefgreifenden Veränderungen, führte der Minister aus. Alte Rivalen der Nato kehrten zurück, so seien die russischen Ambitionen „noch einmal erheblich gestiegen“. Neue Rivalen wie China kämen hinzu, „das sich vermehrt in der Arktis engagiert“. Und dann gebe es den US-Präsidenten, „dessen Fokus sich gerade sehr stark“ auf Grönland richte. Über die Souveränität dieses „teilautonomen Teils des Königreichs Dänemark“ würden aber allein die Menschen Grönlands bestimmen.

Bereits vor seiner Abreise hatte Wadephul eingeräumt, dass es derzeit „unterschiedliche Sichtweisen“ zwischen den USA und Europa über Grönland gebe. In seinem Gespräch mit Rubio am Montag wolle er „diese Unterschiede im Dialog bearbeiten“ und für ein gemeinsames Vorgehen gegen Russland und China im Rahmen der Nato werben – nicht nur in der Ukraine, sondern eben auch in der Arktis: „Zu unserer Verantwortung gehört gerade die Sicherheit im Nordatlantik, dessen Namen die Nato nicht nur im Namen trägt, sondern der auch für unsere gemeinsame Sicherheit strategisch so wichtig ist.“

Wadephul will Rubio Vorschläge unterbreiten, „wie wir diese Verantwortung in der Nato am besten gemeinsam tragen können“. In Island, einem Gründungsmitglied der Nato ohne eigene Streitkräfte, hat Deutschland bereits angedeutet, wie solche Vorschläge aussehen könnten. Im Oktober 2025 hatten Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Islands Außenministerin Gunnarsdóttir eine Absichtserklärung unterzeichnet, die eine engere militärische Zusammenarbeit vorsieht. Sie umfasst die Luft- und Seeraumüberwachung, maritime Logistik, die Cyberabwehr sowie den Schutz kritischer Infrastrukturen.

Deutschland, so versprach Pistorius damals, werde seine militärische Präsenz auf der Insel erhöhen. Insbesondere sollen die mit den Zeitenwende-Schulden finanzierten, neuen Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr vom Typ P-8A Poseidon auf der Airbase Keflavik stationiert werden. Die in den USA gekauften Seefernaufklärer sind für die U-Boot-Jagd konzipiert und können große Meeresgebiete überwachen. „Wir sind bereit, mehr Verantwortung für Stabilität und Sicherheit hier im hohen Norden zu übernehmen“, sagte Pistorius. „Die Deutsche Marine wird ihre Fregatten, U-Boote und die neuen Seefernaufklärer zur Lagebilderstellung im Nordatlantik einsetzen.“ Die Sicherheitslage erfordere es, dass Deutschland sein Engagement auch in dieser Region verstärke.

Island liegt in der GIUK-Lücke

Auch Wadephul betonte nun, dass Island „an einer geostrategisch enorm bedeutsamen Stelle im Nordatlantik liegt“, einem „Knotenpunkt“. Tatsächlich ist die Insel Teil der sogenannten „GIUK-Lücke“, wie die gedachte Linie zwischen Grönland, Island und den Nordausläufern der britischen Inseln im Nato-Jargon genannt wird. Diese Lücke befindet sich am Übergang zwischen dem europäischen Nordmeer, der Grönlandsee und dem Atlantischen Ozean. Sie bildet einen strategischen Engpass, dessen Kontrolle einen Zugang zum Nordatlantik sichert und deshalb im Kalten Krieg eine herausragende Rolle in der US-Militärstrategie zur Unterbindung von Durchbrüchen sowjetischer Verbände aus dem Nordpolarmeer spielte.

Seit 1951 gab es deshalb ein bilaterales Verteidigungsabkommen zwischen den USA und Island, das eine Truppenpräsenz, Radarstationen auf der Insel und Patrouillen von Kampfflugzeugen und Schiffen umfasste. 2006 hatten die Amerikaner das Abkommen einseitig gekündigt, seitdem suchen die Isländer verstärkt die Zusammenarbeit mit Ländern wie Dänemark, Norwegen, Finnland, Kanada – und eben Deutschland. Zwar habe man derzeit keine Sorge, sagte Gunnarsdóttir, so wie Grönland ebenfalls in den Fokus von Trumps Gebietsgelüsten zu geraten. Die Beziehungen Islands zu den USA seien gut. Dennoch bemühe man sich um weitere bilaterale Sicherheitspartnerschaften. Entscheidend aber sei, dass man in der Nato weiter miteinander kooperiere, so die isländische Außenministerin: „Ich möchte, dass wir alle zusammenbleiben“.

Das möchten Dänen und Grönländer auch. Sie haben dem US-Präsidenten mehrfach Angebote unterbreitet, die ebenfalls seit 1951 bestehende Militärbasis auf der arktischen Insel auszubauen und Zugang zu Bodenschätzen zu gewähren. Dänemark hat mit dem Kauf von amerikanischen F-35-Kampfflugzeugen, Eisbrechern und Drohnen zusätzlich in die arktische Sicherheit investiert. Am Dienstag wollen die Dänen bei einem Besuch in Washington den nächsten Anlauf für eine Verständigung nehmen.

Trump aber scheinen alle diese Kooperationsangebote nicht sonderlich zu beeindrucken. Neue Vereinbarungen reichten nicht aus, betont er regelmäßig, um Russland und China abzuwehren. Er will Grönland selbst übernehmen. Vor dem Hintergrund könnte auch Wadephuls Idee, die Aktivitäten der Nato in der Arktis-Region auszuweiten, ins Leere laufen. Zumal die militärischen Fähigkeiten Deutschlands limitiert sind. Zwar sei man „flexibel und bereit“, mehr Verantwortung in der Allianz zu übernehmen, sagte Wadephul in Reykjavik. Was genau die Bundeswehr in der Arktis jenseits Islands tun könne, hänge entscheidend von Verteidigungsminister Pistorius ab – und sei noch zu prüfen.

Der politische Korrespondent Thorsten Jungholt schreibt seit vielen Jahren über Bundeswehr und Sicherheitspolitik.

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