Eine dunkelgrüne Fahne hängt von einem Balkon im ersten Stock schlaff herunter. Die Aufschrift bleibt in den Stofffalten verborgen. Wer durch die Dammstraße in Hilchenbach geht, erkennt an diesem windstillen Tag nicht sofort, dass die rechtsextreme Partei Der Dritte Weg am Gebäude mit der Hausnummer 5 gehisst hat.

Wenn man davor steht, ist es nicht mehr zu übersehen. An der Balkonbrüstung ist ein breites Transparent befestigt. Darauf ist links die typische römische Ziffer „III“ mit Blätterkranz zu sehen. In der Mitte steht in großen Lettern: „Wir danken unseren Wählern! Gemeinsam für Hilchenbach!“ Rechts ein Porträtbild von einem Mann mit der Unterzeile: „Stadtverordneter Julian Bender“. Die Rollläden an den Schaufenstern im Erdgeschoss sind heruntergelassen. Durch ein Fenster oben schimmert Licht.

Vor gut drei Monaten ist bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen in der Stadt mit etwa 15.000 Einwohnern etwas passiert, das etliche Einwohner beunruhigt und Verfassungsschützer alarmiert: Ein Rechtsextremer ist in den Stadtrat eingezogen. 237 Personen votierten für den Dritten Weg und hievten die Kleinstpartei mit 3,08 Prozent in das Gremium.

Es ist neben einem Platz im Kreistag von Prignitz (Brandenburg) das bundesweit zweite kommunalpolitische Mandat für die Partei mit etwa 950 Mitgliedern. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet: „Die ideologischen Aussagen der Partei ‚Der Dritte Weg‘ sind nationalsozialistisch, antisemitisch und rassistisch geprägt“, heißt es da.

Sie propagiere ein „rechtsextremistisches Staats- und Gesellschaftsbild“, greife insbesondere „völkisch-nationalistische Elemente des historischen Nationalsozialismus“ auf und wolle die „rigide Ausgrenzung aller vermeintlich Fremden ohne Rücksicht auf die Menschenrechte“ verwirklichen.

Auf Shirts von Anhängern steht die Parole „National. Revolutionär. Sozialistisch.“

Das neue Hilchenbacher Ratsmitglied Bender zählt als Vorsitzender des „Landesverbandes West“ zu den führenden Köpfen. Der 33-jährige Zerspanungsmechaniker erklärt auf schriftliche WELT-Anfrage, dass sein Ratsmandat eine „hohe Bedeutung“ habe. Es sei das Ziel, „vor Ort politisch zu wirken, Verantwortung zu übernehmen und uns mit der kommunalpolitischen Arbeit weiterzuentwickeln und schlussendlich zu wachsen“. Jeden Freitag bietet er eine Sprechstunde an.

Für Hilchenbach ist das eine schwierige Situation. Die anderen Parteien werden mit einem Systemgegner konfrontiert, der nun im Rat sitzt und Möglichkeiten nutzt, sich einzumischen – und aufzumischen. Im Frühjahr 2022 tauchte Bender hier auf und eröffnete in der Dammstraße 5 ein Bürger- und Parteibüro. Er selbst spricht von „Freiräumen für Deutsche“. Das Gebäude sei „Versammlungsstätte, Anlaufstelle für Bürger, Arbeitsplatz für die kommunalpolitische Arbeit oder Heimat sozialer Projekte“.

Bender hatte Ähnliches 2020 in der Nachbarstadt Siegen versucht, konnte aber die Immobilie dort nicht mehr nutzen. Nun ist er in Hilchenbach aktiv und sorgt immer wieder für Aufsehen mit Treffen seiner Partei und Provokationen im Internet.

„Schon sehr gewöhnungsbedürftige Bilder“

„Im Alltag nimmt man den sogenannten Dritten Weg gar nicht wahr. Das Gebäude steht zwar im Stadtzentrum, aber in einer Nebenstraße. Die Veranstaltungen finden zumeist im Gebäude oder auf dem Grundstück statt“, sagt Hans-Jürgen Klein, Leiter des Referats des Bürgermeisters und Pressesprecher der Stadt am Telefon.

Dennoch werde das öffentliche Leben beeinträchtigt. „Jede angekündigte Veranstaltung wird durch eine Gegendemonstration und durch einen massiven Polizeieinsatz begleitet. Dann werden Hundertschaften nach Hilchenbach geschickt. Straßen und Plätze müssen gesperrt werden. Das sind schon sehr gewöhnungsbedürftige Bilder für eine kleine Stadt.“

Der „Dritte Weg“ habe Aufmärsche mit uniformierten Teilnehmern organisiert, die auf Einwohner einschüchternd gewirkt hätten, erzählt Pressesprecher Klein. „Im Kommunalwahlkampf gab es Fahrten mit Lautsprecherwagen, und das hat gerade ältere Menschen an den Nationalsozialismus erinnert.“ Am dritten Adventswochenende lud Bender im Garten hinter dem Parteibüro zum „nationalrevolutionären Weihnachtsmarkt“. Wieder formierte sich eine Gegendemo, wieder kam die Polizei.

Peter Neuhaus hat die Initiative „DemokraTisch“ mitgegründet, die über den „dritten Irrweg“, wie er die Partei nennt, aufklären will. Sie sei „unglaublich fleißig“ und „die präsenteste kommunalpolitische Kraft“ in der Stadt. „Uns treibt die Sorge um, dass unser kleines, beschauliches Hilchenbach zu einem bundesweiten Hotspot des aggressiven Rechtsextremismus wird“, sagt er WELT. Bender ist für ihn ein „brauner Systemsprenger“.

Der 61-jährige frühere Grünen-Stadtverordnete spricht von einer „Krux“ mit Blick auf Versammlungen: „Man will natürlich dagegen protestieren oder zumindest deutlich machen, dass man mit so etwas nicht einverstanden ist, und zugleich entsteht eine Aufmerksamkeit, die diese Partei wiederum für sich ausschlachten kann.“

Bender selbst hinterlässt einen widersprüchlichen Eindruck. Er trete im persönlichen Umgang zuverlässig und höflich auf, sagen sogar Kritiker. „Man könnte meinen, dass er ein Mensch wie du und ich ist. Was er aber im Netz von sich gibt, zeigt dann ein ganz anderes Bild von ihm“, so Stadtsprecher Klein.

Im März 2025 rief Bender auf einer Kundgebung in Berlin ins Mikro: „80 Jahre sind mehr als genug. Unsere Alternative, die heißt Revolution.“ Die Republik müsse „gegen eine deutsche Zukunft und eine Neuordnung der Verhältnisse eingetauscht werden“. Das Fundament sei das Problem, „und da hilft nur noch der Abriss, und wir als nationalrevolutionäre Bewegung stehen dafür bereit, hier den Abriss vorzunehmen und etwas Neues zu schaffen“. Beim Thema „Überfremdung“ rief er: „abschieben, abschieben, abschieben“. Dadurch werde man „ganz, ganz viele Probleme lösen, die hier unsere Landsleute beschäftigen“.

In einem anderen Video zur Kommunalwahl in Hilchenbach sagte Bender: „Unser Kampf gilt ihrem System.“

Vor allem nimmt Bender immer wieder Bürgermeister Kyrillos Kaioglidis ins Visier. Bender wollte als Bürgermeisterkandidat gegen ihn antreten, doch der Wahlausschuss lehnte seine Kandidatur mit der Begründung einer fehlenden Verfassungstreue ab. Im Wahlkampf zeigte der Dritte Weg ein Transparent an einem Kreisverkehr: „Kyrillos Kaioglidis muss weg“. Bender nennt Kaioglidis in Videos „der Grieche“ oder „unser griechischer Wahlbeamter“.

Der 54-jährige parteilose Politiker wurde als Spitzenkandidat von CDU, SPD, Grüne, den Freien Wählern, UWG und FDP im September mit großer Mehrheit wiedergewählt. Er will sich auf WELT-Anfrage nicht selbst zur politischen Situation äußern. „Unser Bürgermeister wird immer wieder zur Zielscheibe. Er ist in Deutschland geboren, aber beim Dritten Weg wird immer wieder darauf Bezug genommen, dass seine Familie griechischen Ursprungs ist“, sagt Stadtsprecher Klein. Der Bürgermeister lasse sich davon „nicht einschüchtern“, habe aber nur „wenig Möglichkeiten dem entgegenzutreten, weil er der Neutralitätspflicht als Amtsträger unterliegt. Das finde ich unter demokratischen Aspekten sehr problematisch.“

Kaioglidis ist wohl auch aus einem anderen Grund vorsichtig. Bender hat zahlreiche Gerichtsverfahren angestrengt und schon teilweise Erfolg gehabt. In einem komplizierten Streit geht es, vereinfacht gesagt, darum, ob Bender oder die Stadt Eigentümer des Gebäudes sind, in dem das Dritte-Weg-Büro untergebracht ist. Die Stadt wollte ein Vorkaufsrecht geltend machen, um die Neonazi-Partei wieder herauszudrängen.

Die juristische Auseinandersetzung läuft noch. Doch bisherige gerichtliche Hinweise und Entscheidungen fallen zulasten der Stadt aus. Sie sei beim Kauf des Gebäudes „sittenwidrig“ und „rechtswidrig“ vorgegangen, heißt es unter anderem. Für Bender sind dies willkommene Einschätzungen. Mit ihnen unterfüttert er seine Kritik, dass die Stadt Rechtsbrüche und der Bürgermeister Amtsmissbrauch begangen hätten.

Auch im Stadtrat sorgt Bender für Unruhe. Einem fraktionslosen Ratsmitglied wie ihm steht ein Platz in einem Ausschuss seiner Wahl als beratendes Mitglied zu. Dazu braucht Bender bei der Abstimmung nur eine Ja-Stimme, wenn die anderen sich enthalten, notfalls würde seine eigene reichen.

Doch Bender enthielt sich in der ersten Ratssitzung mit den anderen Ratsmitgliedern. Gleiches geschah in der zweiten Ratssitzung vor Weihnachten. Bürgermeister Kaioglidis sagte noch, Bender habe es selbst in der Hand, das zu beenden. Bender erklärte vorsorglich, dass seine Enthaltung „keinen Verzicht“ bedeute – und enthielt sich erneut wie die anderen.

Nun muss die Kommunalaufsicht tätig werden. Sie dürfte wohl eine erneute Beschlussfassung verlangen. Letztlich kann sie anordnen, dass Bender als beratendes Ausschussmitglied aufgenommen wird. Bender nutzt auch diese Kontroverse und spricht in Videos von „Einheitsfront“, „Parteienklüngel“ und „politischem Kindergarten“.

Kürzlich hat er zahlreiche Anfragen an die Stadt gestellt, die auch die erwähnten Gerichtsprozesse betreffen. Die Stadt will die meisten davon bisher nicht beantworten, weil sie seine Befangenheit annimmt. Bender sieht allerdings ein erhebliches öffentliches Interesse an einer Beantwortung und droht deshalb mit einer weiteren Klage.

Für Peter Neuhaus von der Initiative „DemokraTisch“ ist die gesamte Situation unerträglich. Er könne nicht begreifen, dass kein Verbotsverfahren gegen den „Dritten Weg“ in Betracht gezogen werde, weil die Partei als politisch zu unbedeutend gelte, um ihre Umsturzziele durchsetzen zu können. Hilchenbach, so Neuhaus, mache aber die „Erfahrung, dass eine einzige Person, wenn sie ihr destruktives Geschäft versteht, eine ganze Stadtgesellschaft wuschig machen kann“.

Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.