„Junge Menschen lassen sich heute generell mehr Zeit und treffen bewusste Entscheidungen, wenn es um Sexualität geht“: So fasst Mechthild Paul, stellvertretende Leiterin des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, den zentralen Befund der neuen Jugendsexualitätsstudie zusammen. Das sei kein Zufall – sondern auf qualitative Aufklärung zurückzuführen. Es ist die zehnte solche repräsentative Befragung der ehemaligen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In der Befragung werden 14- bis 17-Jährige als „Jugendliche“ und 18- bis 25-Jährige als „junge Erwachsene“ definiert.
Im Vergleich zur vorherigen Studie aus dem Jahr 2019 geben aktuell nur noch 18 Prozent der 14- bis 17-Jährigen an, schon Sex gehabt zu haben. Das entspricht einem Rückgang um zehn Prozentpunkte. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch in den anderen befragten Altersgruppen beobachten.
Die Gruppe der 17- bis 20-Jährigen ist besonders stark betroffen: Waren 2019 noch 61 Prozent der 17-Jährigen sexuell aktiv gewesen, sind es aktuell nur noch 40 Prozent. Als Grund dafür nennt etwa die Hälfte der Jugendlichen (51 Prozent) und jungen Erwachsenen (53 Prozent) das Fehlen eines passenden Partners. Außerdem geben 41 Prozent der Jugendlichen an, sich für „zu jung“ für Geschlechtsverkehr zu halten – und 37 Prozent erklären sich für „zu schüchtern“. Mehrfachnennungen waren möglich.
Mögliche Ursachen für immer spätere erste sexuelle Erfahrungen erklärt die Psychologin Sara Scharmanski, Referentin des Bundesinstituts, so: „Ein Grund ist bestimmt ein verändertes Freizeit- und Kommunikationsverhalten. Es fehlt jungen Menschen häufiger an Gelegenheiten, Partner kennenzulernen. Die Freizeit ist sehr strukturiert, sehr durchgetaktet, auch ein verändertes Gesundheits- und Sicherheitsbedürfnis, beispielsweise Risikoverhaltensweisen wie Alkoholkonsum, gehen deutlich zurück. Ich glaube, Corona ist nicht die alleinige Ursache, Corona hat eher als eine Art Katalysator dieser Entwicklung fungiert.“
Eine Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt an, mit dem ersten Sexualpartner in einer festen Beziehung gewesen zu sein. 65 Prozent der weiblichen und 53 Prozent der männlichen Befragten äußern sich entsprechend (2019: 64 beziehungsweise 50 Prozent).
Ein Viertel der weiblichen und 31 Prozent der männlichen Befragten waren jeweils mit dem ersten Sexualpartner nach eigener Angabe „gut bekannt“ (2019: 27 beziehungsweise 30 Prozent). Bei den männlichen Befragten hat die Zahl derer, die mit ihrer ersten Sexualpartnerin nur „flüchtig“ (elf Prozent) oder „nicht bekannt“ (vier Prozent) waren, abgenommen: 2019 waren es 15 beziehungsweise fünf Prozent. Bei den weiblichen Befragten blieben diese zwei Werte konstant (acht beziehungsweise zwei Prozent). Gleichbleibend zu 2019 sagen 65 Prozent aller Befragten, ihr erstes Mal habe „genau zum richtigen Zeitpunkt“ stattgefunden.
Von jenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nach eigener Angabe schon sexuelle Erfahrungen gesammelt haben, verzichteten nach eigener Angabe nur sechs Prozent beim ersten Mal auf Verhütung, Frauen seltener als Männer (vier beziehungsweise acht Prozent). Das Mittel der Wahl war beim ersten Mal mit 76 Prozent nahezu unverändert (2019: 77) das Kondom.
Die Pille kam beim ersten Mal demnach mit 34 Prozent zwar seltener als das Kondom, aber häufiger als 2019 (30 Prozent) zum Einsatz. Von den „mehrfach sexuell aktiven“ Jugendlichen nutzten hingegen weniger, nämlich die Hälfte (2019: 53 Prozent), die Pille; ähnlich sieht es bei den jungen Erwachsenen (48 Prozent im Vergleich zu 59 im Jahr 2019) aus. Andere Verhütungsmethoden wie die Hormon- oder Kupferspirale spielen eine untergeordnete Rolle. Mehrfachnennungen waren möglich.
Nur ein Drittel der 14-Jährigen hat Kuss-Erfahrung
Auch geküsst wird mittlerweile später: Vor sechs Jahren hatte mehr als die Hälfte (53 Prozent) der 14-Jährigen schon Erfahrungen damit gemacht. Heute sind es 20 Prozentpunkte weniger und dementsprechend nur noch ein Drittel. Je älter die Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Befragung waren, desto geringer waren die Abweichungen im Vergleich zu 2019 – einen Abfall gab es aber in jeder Alterskategorie.
Der Schulunterricht wird als Hauptquelle für Sexualaufklärung offenbar wichtiger: Mit 78 Prozent der Jugendlichen gaben beinahe zehn Prozentpunkte mehr an, an der Schule über Sexualität und Verhütung aufgeklärt worden zu sein (2019: 69 Prozent). Lehrer spielen ebenso eine wachsende Rolle als Ansprechpartner (2019: 36 Prozent – 2025: 45 Prozent), ebenso wie Eltern (56 gegenüber 64 Prozent). Gleichaltrige hingegen verloren als Gesprächspartner an Bedeutung (54 Prozent im Vergleich zu 2019: 65 Prozent).
Auch das Internet wird offenbar das erste Mal seit Beginn des Jahrtausends weniger wichtig, wenn es um Fragen von Sexualität und Verhütung geht: 2019 gaben noch 59 Prozent der Befragten das Web als Informationsquelle an, 2025 noch 53 Prozent. Mehrfachnennungen waren auch hier möglich.
Politikredakteurin Uma Sostmann schreibt über gesellschaftspolitische Themen.
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